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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ägypten

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Ägypten (alte Kultur).

gelangt sein sollten, ist kaum denkbar. Man hat daher eine vielleicht durch Arabien vermittelte Verbindung zwischen Indien und Äthiopien und eine Übersiedelung der Kultur von Äthiopien nach Ä. angenommen und in Meroë (s. d.) den Ort erkennen wollen, wohin kaukasische Einwanderer aus Asien zuerst gekommen und von wo sie weiter nach Ä. gezogen seien. Dem widerspricht aber schon die Angabe Herodots, daß die Äthiopier Sitten und Kultur von zu ihnen entwichenen ägyptischen Kriegern empfangen haben sollen, und die genauere Erforschung der Baudenkmäler spricht für die Priorität der ägyptischen, wie auch der ägyptische Stil in den Bauwerken Nubiens sich einfach durch die Annahme erklärt, daß sie dort von ägyptischen Meistern oder von äthiopischen Schülern derselben aufgeführt worden sind, als Nubien unter der Herrschaft der Pharaonen stand. Die hieroglyphischen Inschriften haben gelehrt, daß Nubien schon unter der 12. Dynastie Ä. unterworfen war; ägyptische Statthalter verwalteten das Land bis zur Zeit der 21. Dynastie, und erst danach entstand das Äthiopenreich von Napata oder Noph am Berg Barkal, welches des Pharaonenreichs Kultur in sich aufnahm, im 8. und 7. Jahrh. Ä. selbst unterjochte und bis in die ersten Jahrhunderte vor unsrer Zeitrechnung blühte. Die Denkmäler Äthiopiens sind also bedeutend jünger als die meisten ägyptischen, deren älteste die Pyramiden von Memphis und die Gräber in deren Umgebung sind. An eine Einwanderung der Kultur von Süden her ist also überhaupt nicht zu denken.

So viel läßt sich erkennen, daß der Zusammenhang der Kultur Ägyptens mit der asiatischen in das höchste Altertum aller Völkerentwickelung zurückreichen muß. Ägyptens Kultur ist so alt wie irgend eine, von der wir Kenntnis haben. Kunde davon geben uns die Nachrichten der Griechen und Hebräer und vor allem jene den Jahrtausenden trotzenden Denkmäler der Bau- und Bildekunst des alten Volks selbst. Man sah früher die Pyramiden von Memphis (s. d.) und die Obelisken (s. d.) bei Heliopolis als die staunenswertesten Zeugen der alten Kultur Ägyptens an und kannte nicht oder übersah die mannigfaltigen Denkmäler Oberägyptens. Erst die Napoleonische Expedition 1798 hat die Blicke der Altertumsforscher auf diese Bauwunder gelenkt und in ihnen eine neue, bisher so gut wie unbekannte Welt erschlossen, wodurch die Wissenschaft die wesentlichsten Bereicherungen erhalten hat und noch fortwährend erhält. Vor andern haben sich später Champollion, Rosellini, Lepsius und Mariette um die Erforschung des alten Ä. verdient gemacht; dem Studium seiner Schriftdenkmäler hat sich eine ganze Schule, die ägyptologische, gewidmet. Unter den Ruinen im oberägyptischen Nilthal sind die merkwürdigsten die von Theben (s. d.), welches in den Zeiten der Machthöhe Ägyptens die Hauptstadt des ganzen Reichs war. Es sind von ihr noch die gewaltigen Trümmermassen der Tempel, Säulengänge, Kolosse etc. übriggeblieben. Sie geben uns ein Bild von der einstigen Pracht und Herrlichkeit der "hundertthorigen" Hauptstadt, anschaulicher und ergreifender, als es die ausführlichsten Berichte der Alten geben könnten; sie eröffnen uns Blicke in eine uralte hohe Kultur und einen ausgebildeten Kunstsinn, gleich großartig im Entwerfen von Plänen wie in den zur Ausführung verwandten Mitteln. Nach Entzifferung der Hieroglyphen steht es fest, daß die Mehrzahl dieser Bauten, welche die Blüte der ägyptischen Kunst bezeichnen, in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. entstanden ist. Es gibt jedoch bedeutend ältere Kunstdenkmäler als die Tempel Thebens in Ä. Den ältesten Pyramiden schreibt man mit gutem Grund ein Alter von über 5000 Jahren zu, ebenso mehreren Gräbern, deren Kammern mit den herrlichsten Skulpturen geschmückt sind. Zwischen diesen schon so vollendeten Kunstwerken und den allerersten Anfängen der Kultur in Ä. muß aber eine lange Reihe von Jahrhunderten der Entwickelung gelegen haben. Es sind denn auch Denkmäler aus den ersten drei Dynastien kaum erhalten, und vor diese setzen die Ägypter selbst die Zeiten der Heroen (Schesu-Hor), der Halbgötter und der Götter - viele Jahrhunderte.

Kastenwesen, Rechtspflege, häusliches Leben.

Die bürgerlichen Einrichtungen des alten Ä. beruhen auf dem Kastenwesen. Die Angaben der griechischen Schriftsteller, unsrer einzigen Quelle, weichen zwar voneinander ab, stimmen aber darin überein, daß sie die Priester und die Krieger als die ersten und als gesonderte Kasten aufführen; das Abweichende betrifft bloß die untern Kasten. Während Strabon nämlich diese in Eine Abteilung bringt, unterscheidet Herodot fünf: Rinderhirten, Schweinehirten, Krämer, Dolmetschen, Schiffer; Diodor drei: Hirten, Ackerbauer und Handwerker. Die Priester, die höchste und einflußreichste Kaste, gliederten sich nach dem Rang in höhere und niedere, dann nach den Gottheiten, denen sie dienten, und nach den verschiedenen Tempeln sowie nach sonstigen Geschäften; denn die Priester vertraten das gesamte geistige Volksleben, so daß auch Staatsdiener, Richter, Schriftkundige, Ärzte, Baumeister etc. zu ihnen gehörten. Es war ihnen Enthaltsamkeit in Speisen und Getränken auferlegt und die Vielweiberei untersagt. Sie bildeten den Mittelpunkt und die Seele des ganzen Staatslebens; ihr Grundbesitz war steuerfrei, und ihren Unterhalt trug der Staat. Die Kaste der Krieger, zu Herodots Zeit 410,000 Mann, war auf verschiedene Provinzen verteilt, wo ihre Mitglieder zinsfreie Ländereien besaßen. Da sämtliche Grundstücke im Besitz des Königs und der beiden obersten Stände waren, so können die Ackerbauer nur Pachter gewesen sein, und deshalb wohl führt sie Herodot nicht als besondere Kaste auf. Städtische Bürger scheinen jedoch auch innerhalb ihrer Orte Grundbesitz gehabt zu haben. In der Kaste der Handwerker waren ohne Zweifel die einzelnen Gewerbe wieder vollständig voneinander geschieden und erbten von den Vätern auf die Söhne. An der Spitze des Volks stand der König, dessen Würde erblich war (s. Tafel "Kostüme I", Fig. 1 u. 2). Er gehörte immer der Priesterkaste an. War er auch durch Gesetze und durch peinliche Zeremonialvorschriften beschränkt, so galt er doch dem Volk gegenüber geradezu als Stellvertreter der Götter: daher der große Einfluß der Priesterschaft, wenn man auch von einer eigentlichen Priesterherrschaft in Ä. nicht sprechen kann. Ein Gegengewicht dagegen bildete schon die zahlreiche Kriegerkaste, welche auch auf die kriegerische Natur der Ägypter hinweist. Die Kriegskunst war sehr ausgebildet. Außer Bogenschützen, dem Kern der Heere, gab es ein mannigfach ausgerüstetes schweres Fußvolk, welches in der Schlacht zuweilen in gedrängten Massen phalanxartig aufgestellt wurde, ferner Streitwagen, von welchen herab die Vornehmsten kämpften und befehligten, und später auch Reiterei. Bei Belage-^[folgende Seite]