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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ägypten

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Ägypten (alte Kultur, Mythologie).

und als das allgemeinste Prinzip des ägyptischen Götterglaubens erkennbar, war vor allen Lokalkulten vorhanden und bildete in ihnen allen einen wesentlichen Teil, hat auch nie aufgehört, die äußerliche Spitze des gesamten Religionssystems zu bilden. Ein andres Element in den religiösen Vorstellungen und Gebräuchen der Ägypter bildet die Pietät oder der Kultus der Eltern. Dem Sohn lag es ob, das Grab des Vaters in würdiger Weise zu vollenden und zu schmücken und sein Andenken durch Totenfeste zu feiern. Auch die Könige erfreuten sich eines Totenkults, der einigen derselben viele Jahrhunderte erhalten blieb.

Die Religion der alten Ägypter.

Aus der Verehrung von Naturkräften und Tieren, welche durch Lokalkulte im einzelnen bestimmt und befestigt wurde, hat sich frühzeitig ein Polytheismus entwickelt, der in der spätern darstellenden Kunst der Ägypter den größten Raum einnimmt. Es sind darin aber drei verschiedene Kulte vereinigt: die Verehrung des Sonnengottes Ra, die in den einzelnen Städten gepflegten Göttertriaden und die allgemein verehrten Osiris und Isis. Die Ägypter haben die Götter in bestimmte Ordnungen gebracht und ihnen die Herrschaft in den Jahrtausenden zugeschrieben, welche ihnen vor dem Anfang der menschlichen Geschichte zu liegen schienen. Sie haben zwei Götterdynastien aufgestellt, über welche die Angaben im einzelnen jedoch auseinander gehen. Nach der Lehre der memphitischen Priester enthält die erste Götterdynastie die folgenden Götter: Ptah oder Phtha (Hephästos); Ra, sein Sohn, die Sonne (Helios); Schu oder Sôs (Agothodämon) ^[richtig: Agathodämon/Agathodaimon] und seine Gemahlin Tefnut; Seb (Kronos) und Nut (Rhea); Osiris (Dionysos) und Isis; Seth (Typhon) und Nephthys und endlich Horos (Apollon), der Sohn des Osiris, der seinen Vater an Seth rächt. Die Priester von Theben nennen dagegen die folgenden Götter als die der ersten Dynastie: Ammon und Mut; Month oder Menthu und Thenenet; Tum und Anit; Schu und Tefnut; Seb und Nut; Osiris und Isis; Seth und Nephthys; Horos und Hathor. Die zweite Dynastie, welche nach Herodot zwölf Götter umfaßte, beginnt mit Thoth (Hermes), Mat (Themis) und Anubis (vgl. die Abbildungen bei den betreffenden Artikeln). Als Lokalgottheiten erfreuten sich Sebak, der Krokodilsköpfige, Chnum, der Widderköpfige, und Chem oder Min (Pan), der Ithyphallische, namentlich in den letzten Zeiten der ägyptischen Geschichte, großer Verehrung.

Der älteste und verbreitetste Kult war der des Sonnengottes Re. Ra oder (mit dem Artikel) Pra zeigen die Monumente mit der roten Sonnenscheibe auf dem Haupt. Seine Farbe ist rot, der Sperber sein Tier, wie der Gott selbst öfter mit dem Sperberkopf als mit dem Menschenhaupt, zuweilen auch nur als Sperber mit der Sonnenscheibe über dem Haupte dargestellt ward. Zu ihm, der in seiner Barke die Bahn des Himmels durchmißt, gehen die Seelen der nach ihrem Tod rein befundenen Menschen zu ewigem Leben. Er ist auch das Ur- und Vorbild der Könige Ägyptens, welche ihre Gewalt von ihm ableiten. Ihm war vor allem Heliopolis (bei den Hebräern On) in Unterägypten heilig. Gleiche Verehrung genoß der Gott von Memphis, Ptah, welcher mit seiner Genossin Sechet und mit Imhotep (Imuthes) die Triade dieser Stadt bildete und als geistige Potenz und als Weltbaumeister dem Sonnengott vorangestellt ward. Als täglich neugebornes Licht wird er in Gestalt eines nackten Kindes dargestellt, als immer wiederkehrendes Licht und unwandelbarer Gott als Mann in mumienhafter Umhüllung mit dem sogen. Nilmesser, dem Zeichen der Beständigkeit. Mit der Ausschmückung und Erweiterung seines Tempels zu Memphis, den Menes begonnen haben soll, waren fast alle Pharaonen bis zum Sturz des Reichs beschäftigt. Dem Ptah war der Stier Apis heilig, das Sinnbild der Sonne in ihrer erzeugenden Kraft. Er soll von einer Kuh, die noch nicht geboren hatte und durch einen Sonnenstrahl befruchtet ward, geboren worden sein. Die Priester erkannten ihn an seiner schwarzen Farbe, an einem weißen Fleck auf der Stirn und einem Gewächs von der Gestalt des heiligen Käfers Skarabäus unter der Zunge. Dieser Stier genoß der höchsten Verehrung vor allen andern Tieren in Unterägypten, und sein Benehmen gegen die, welche in seinen Hofraum und in sein neben dem Tempel des Ptah liegendes Gemach eintraten, galt als Weissagung. Sein Tod ward tief betrauert. Die weitläufigen Grüfte, in welche die Apissarkophage beigesetzt wurden, das Serapeum von Memphis, entdeckte 1850 Mariette bei dem heutigen Sakkara. Die zu Sais verehrte Göttin Neith, welche auf den Monumenten meist mit grünem Gesicht erscheint, mit der roten niedrigern Krone von Unterägypten auf dem Haupte, das Blumenzepter in der Hand, auf Inschriften "Göttin Mutter" genannt, galt wahrscheinlich als Personifikation des weiblichen Naturprinzips. Zu Bubastis am pelusischen Nilarm ward die Göttin Bast verehrt, die mit einem Löwen- oder Katzenkopf, zuweilen mit der Sonnenscheibe auf dem Löwenhaupt und mit dem gehenkelten Kreuz, dem Zeichen des Lebens, in der Hand dargestellt wird. Die Katze war ihr heilig, und alle toten Katzen wurden zu. Bubastis beigesetzt. Als Göttin der Geburt und des Kindersegens hatte sie einen fröhlichen Dienst. Andern Gottheiten dienten die Bewohner von Oberägypten. Der Gott von Theben war Ammon, der Verborgene. Er wird stehend oder auf dem Thron sitzend, zwei hohe, aufrecht stehende Federn über dem königlichen Kopfschmuck, die Zeichen der Herrschaft und des Lebens in den Händen tragend, dargestellt. Als Theben Hauptstadt Ägyptens war, verschmolz man den Ammon, um ihn zum höchsten Gott von ganz Ä. zu machen, mit dem Sonnengott Ra, wodurch die hohe Bedeutung des letztern, dessen befruchtende und zeugende Kraft, auf ihn übertragen ward. Seitdem erscheint er meist als Ammon-Ra ("König der Götter"), an welchen sich vielfach henotheistische Ideen geknüpft haben, und der seit der 21. Dynastie in Theben ein Orakel hatte. Neben Ammon verehrte man in Oberägypten vornehmlich den widderköpfigen Kneph, der auf den Monumenten meist grün erscheint und aus Inschriften "Herr der Wasserspenden", der Überschwemmungen, heißt und mit Satis und Anukis die Triade der Kataraktengegend bildet. Auch ihn verband man mit Ammon zu Einer Gestalt, wie der widderköpfige Ammon in der libyschen Oase Siwah ein berühmtes Orakel hatte. Außerdem ward zu Omboi, wenig unterhalb der Fälle von Syene, ein Gott mit dem Krokodilskopf, Sebak, verehrt, zu Chemmis (Panopolis) und Koptos aber ein phallischer Gott, Chem, welchen die spätern Griechen auch wohl Min (von Amen) nannten und mit ihrem Pan verglichen. Unter den in Oberägypten verehrten weiblichen Gottheiten tritt besonders die Göttin