Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Alternativo - Altersschwäche.

Börsengeschäft ist Alternativ die Geschäfts- oder Schlußform, bei der es dem einen Interessenten freisteht, Lieferung oder Differenzvergütung zu fordern.

Alternativo (ital., "abwechselnd"), Bezeichnung für kleine, tanzartige Musikstücke, die mit einem Trio abwechseln (Menuetto a.); auch wird wohl das Trio in solchen Stücken ein A. genannt.

Alternativobligation, eine Obligation, bei welcher der Verpflichtete verbunden ist, von zwei oder mehreren Leistungen eine zu gewähren.

Alternativwährung, s. Währung.

Alternieren (lat.), das wechselseitige Ablösen von zweien oder mehreren in irgend einer Thätigkeit.

Alternierende Fürstenhäuser, in der frühern deutschen Reichsverfassung in Bezug auf das Direktorium des Reichsfürstenrats Österreich und Salzburg, in Bezug auf den Abstimmungsturnus in demselben die sechs Fürstentümer Pommern, Mecklenburg, Württemberg, Hessen, Baden und Holstein.

Alter roter Sandstein, s. Devonische Formation.

Altersbrand, s. Brand.

Alterserkennung bei den Haussäugetieren beruht hauptsächlich auf der erfahrungsmäßigen Kenntnis des Zahnwechsels und der Veränderung in Form und Stellung, welche die Zähne, namentlich die Schneidezähne, durch den Gebrauch erleiden; beim Rind geben zugleich das Wachstum der Hörner und die Ringbildung an denselben gewisse Anhaltspunkte. Selbstverständlich kommt nebenbei das Aussehen der Tiere in Betracht. Alte Tiere zeigen oft am Kopf graue Haare und ein Zusammenschrumpfen des Fettpolsters unter der Haut. Alle landwirtschaftlichen Haustiere erlangen ihren vollen Wert erst mit einem gewissen Alter; sie gehen im Wert zurück, sobald sie die höhern Lebensjahre erreichen. Demnach hat die A. im Viehhandel eine große Bedeutung. Bei Pferden wird dieselbe durch die Beschaffenheit des Unterkiefers und der Schneidezähne in demselben genügend ermöglicht. Bis zum siebenten Lebensjahr ist das Alter der Pferde präzis festzustellen, bei ältern Pferden kann die A. nur annähernd richtig sein. In der mittlern Lebenszeit macht es übrigens für die Verwertung der Pferde nicht viel aus, ob dieselben 2-3 Jahre älter sind oder nicht. Die Rinder gewähren neben den Schneidezähnen des Unterkiefers besonders in der Beschaffenheit der Hörner einen Anhalt für die A. Ziegen und Schafe werden nach dem Wechsel und der Reibefläche der Schneidezähne beurteilt. Bei Schweinen richtet man sich zweckmäßig nach der Formation der Kopfknochen und nach der Beschaffenheit der Haut. Ähnlich wird beim Geflügel die A. nach der Form und Struktur des Schnabels sowie nach der Farbe, Dicke und sonstigen Beschaffenheit der Haut an den Gliedmaßen und am Rumpf bewirkt.

Alterspräsident, das älteste Mitglied einer Körperschaft, welches, solange die Wahl des eigentlichen Präsidenten noch nicht erfolgt ist, inzwischen die Leitung der Geschäfte wahrnimmt. So treten nach der Geschäftsordnung des deutschen Reichstags (§ 1) bei dem Eintritt in eine neue Legislaturperiode die Mitglieder des Reichstags nach dessen Eröffnung unter dem Vorsitz ihres ältesten Mitglieds zusammen. Das Amt dieses Alterspräsidenten kann von dem dazu Berufenen auf das im Lebensalter ihm am nächsten stehende Mitglied übertragen werden. Für jede fernere Legislaturperiode dagegen setzt das Präsidium der vorausgegangenen Session bis zur vollendeten Präsidentenwahl seine Funktionen fort, so daß also nur bei Beginn einer neuen Legislaturperiode der A. fungiert.

Altersring (Greisenring der Hornhaut, Arcus senilis, Gerontoxon), die im Alter eintretende sichelförmige Trübung des obern und untern Hornhautrands. Nicht selten fließen die Hörner der beiden Sicheln zu einem Kreis zusammen. Die Trübung läßt immer zwischen sich und der Sklerotika (s. Auge) einen etwa 1 mm breiten Zwischenraum, der durchsichtig bleibt, wie auch die Mitte der Hornhaut an dem Prozeß keinen Anteil nimmt. Das Sehen an und für sich wird daher durch diese Veränderung nicht beeinträchtigt. Der A. beruht auf einer fettigen Entartung der Hornhautzellen und ist nicht heilbar. Er ist stets mit Weitsichtigkeit gepaart.

Altersschwäche (griech. Marasmus, lat. Involutio senilis, Senilität, Seneszenz), derjenige Zustand, in welchen alle organischen Wesen verfallen, wenn sie sich dem höchsten Maß ihrer natürlichen Lebensdauer nähern. Die A. ist demnach keine Krankheit im strengern Sinn, sie ist vielmehr das Resultat der schlechteren Ernährung, welcher Pflanzen, Tiere und Menschen unterliegen, wenn sie den Zenith ihrer Kraftfülle überschritten haben und nun allmählich verdorren. Der Zeitpunkt, in welchem die A. beginnt, ist demnach für die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten sehr verschieden: die einjährigen Pflanzen erreichen ihn in wenigen Sommermonaten, während die Eiche noch nach Jahrhunderten in stolzer Kraft ihre Äste treibt und sich in jedem Lenz mit neuem Grün schmückt; der Seidenspinner erfreut sich nur knapp bemessene Tage seiner vollen Lebensfrische und siecht dahin, sobald er seine Eier gelegt hat, während der Rabe und der Elefant Menschengeschlechter überdauern. Der Mensch selbst erreicht erfahrungsgemäß nur selten das 70. oder ein späteres Lebensjahr, die A. beginnt aber weit früher, in ihren ersten Spuren schon Anfang der 40er, zuweilen noch zeitiger. Den Beginn der Alterserscheinungen macht das Auge, dessen Akkommodationsfähigkeit schon Mitte der 30er Jahre nicht selten merklich abnimmt. Gleichfalls früh ergrauen die Haare, namentlich der Schläfengegend und bei dunkelhaarigen Personen. Das Fettpolster schwindet, die Haut wird welker, bekommt Runzeln, einzelne Stellen werden leicht bräunlich gefärbt. Später verlieren die Muskeln an prompter elastischer Wirkung, die Beine werden ungelenk, der Rücken steif. Im hohen Alter werden die Knochen dünner; ein Fall, der im mittlern Lebensalter eine Verrenkung bewirkt haben würde, führt bei Greisen leicht einen Knochenbruch, z. B. im Hüftgelenk, herbei. Die Hornhaut zeigt den Greisenbogen; zuweilen verdickt sich das Trommelfell, es verwachsen die Gehörknöchelchen, und es entsteht ein gewisser Grad von Taubheit. Die Schärfe und Schlagfertigkeit des Geistes nimmt bei den meisten Personen ab; viele alte Leute werden redselig, etliche geradezu kindisch oder völlig schwachsinnig. Unter den innern Organen verfallen das Herz und die Leber einer geradezu regelmäßigen Verkleinerung (braune Atrophie) mit Bildung brauner Farbstoffmoleküle in ihrem Gewebe. Die Milz schrumpft, ebenso die Nieren (Granularatrophie), das Gehirn wird derber, seine nervöse Substanz nimmt ab auf Kosten der bindegewebigen Gerüstmasse, und so entsteht mit zunehmendem Alter eine Summe von Störungen, die, jede für sich betrachtet, nur unwesentliche Folgen nach sich ziehen, aber vereint das ausmachen, was man als mannigfache Klagen des dekrepiten Alters kennt, was den Greis als Ruine des Menschen erscheinen