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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Amerika

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Amerika (Bevölkerung).

in der Kalifornischen Wüste nähren sich monatelang von Heuschrecken und andern Insekten, welche sie trocknen und, mit Sämereien vermischt, zu Kuchen verbacken. In Südamerika ist auf den Pampas das europäische Rind zum Teil verwildert; dort wandelten sich Indianerstämme und spanische Hirten (Gauchos) allmählich in Nomaden um. Mit wunderbarer Leichtigkeit haben die Indianer sich den Gebrauch der Rosse für Kriegs- und Raubzüge angeeignet; manche Stämme sind wahre Reitervölker geworden, so in Südamerika im Gran Chaco und in Paraguay, in Patagonien und Brasilien, ebenso in Nordamerika zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains, wo sich besonders die Apatschen und Komantschen durch ihre Keckheit und Gewandtheit zu Roß auszeichnen. Diesen wilden Stämmen standen, wie schon erwähnt, auch indianische Kulturvölker und blühende Staaten gegenüber, wie die der Hochlande Mittelamerikas, die der Hochebenen von Bogotá und von Peru, Staaten mit einer zahlreichen ackerbautreibenden Bevölkerung, mit scharf ausgeprägten Regierungsformen und ausgebildeten religiösen Systemen, mit Rechtsbestimmungen, die von einem vielfach verschlungenen bürgerlichen Verkehr zeugten, mit Teilung der Arbeit und einem Gewerbfleiß, welche die Eroberer in Erstaunen versetzten. Die Bewohner dieser Staaten kannten manchen Luxus, trugen fein gewebte und dauerhaft gefärbte Kleider aus einheimischer Baumwolle, hatten allgemein anerkannte Tauschmittel, verstanden sich auf die Bearbeitung der Metalle (das Eisen ausgenommen), hatten große, mit prachtvollen Tempeln und Palästen gezierte Städte, kannten eine sinnreiche Bilderschrift und waren mit den Erscheinungen des gestirnten Himmels keineswegs unbekannt. Diese Zivilisation Amerikas ist durch die europäischen Eroberer zu Grunde gerichtet, die Indianer wurden durch sie in ihrem innersten Leben gebrochen. Von den alten Kulturstaaten sind längst nur noch steinerne Trümmer übrig; die Paläste im Reich der Inka sind in Schutt und Staub zerfallen, die Kaiserburgen der Azteken dem Boden gleich gemacht, die Teokallis (Tempel) haben christlichen Kirchen weichen müssen. Ebenso wie in Mexiko und Peru die Reiche der Azteken und der Inka, ist das merkwürdige Reich der Muysca auf dem Hochland von Bogotá zu Grunde gegangen, und kaum eine Sage deutet an, von wem einst die großen Prachtstädte in Chiapas und Yucatan erbaut wurden (vgl. Amerikanische Altertümer). Die Nachkommen jener mehr oder weniger zivilisierten Völker Amerikas bewohnen vornehmlich die westlichen, den Südseeküsten benachbarten Teile der Neuen Welt, nämlich die Tafelländer und Gebirgslandschaften Mittel- und Südamerikas und die dazu gehörigen Küstenländer. Die Eroberung des Bodens änderte in den sozialen Zuständen dieser Völker verhältnismäßig wenig, indem der Wechsel ihrer Beherrscher und selbst die Einführung des Christentums keinen wesentlich umgestaltenden Einfluß auf ihre Sprache, Sitten, Lebensweise und bürgerlichen Zustände ausübten. Auch ist ihnen die Berührung mit den Europäern bei weitem nicht so nachteilig gewesen wie den unzivilisierten Stämmen Nordamerikas. Sie sind durch spanische Härte und Grausamkeit nicht in dem Maß dezimiert worden, wie man gewöhnlich annimmt; vielmehr hat sich nach dem Ende der Eroberungskriege und seit Einführung der Negersklaverei, durch welche die Indianer zum Teil der zwangsweise auferlegten Grubenarbeiten enthoben wurden, die Zahl der Eingebornen von ungemischtem Blut in gleichem Grad vermehrt wie die der übrigen Einwohnerklassen, und es ist daher in Mexiko, Zentralamerika, Ecuador, Peru und Bolivia auf dem flachen Lande die indianische Bevölkerung über die meist auf die wenigen großen Städte beschränkte kreolische bei weitem überwiegend. In den übrigen Ländern der Neuen Welt, in ganz Nordamerika, außer Mexiko, und in den Europa zugekehrten Ländern Südamerikas, fanden die Europäer jene sogen. Wilden vor, Nomaden und Jägervölker ohne staatliche Einrichtungen. In Nordamerika, wo diese Indianerstämme fast nur von dem Ertrag der Jagd lebten und daher zu ihrem Unterhalt weiterer Strecken Landes bedurften, brach sich die Herrschaft der Europäer zwar weit langsamer Bahn als unter der halbzivilisierten Bevölkerung; allein nach und nach machten sich jene durch Kauf, List und Gewalt zu ausschließlichen Eigentümern der schönsten Teile des nordamerikanischen Kontinents, während die eingeborne Rasse ihrer ergiebigsten Jagdreviere beraubt und immer weiter in die westlichern unwirtlichern Regionen zurückgedrängt ward. (Näheres über die Indianer Nordamerikas s. Indianer.) In Südamerika ist die Eroberung des Landes durch die Weißen den unzivilisierten Urbewohnern viel weniger nachteilig gewesen. Der Grund davon liegt teils darin, daß im tropischen A. der Indianer keineswegs ausschließlich von der Jagd lebt, sondern Maniok und Pisang baut und daher nur eines kleinen Stücks Land zu seiner Ernährung bedarf, teils darin, daß hier verschiedene religiöse Gesellschaften, namentlich die Jesuiten, die Zivilisation der Eingebornen in die Hand nahmen und durch ihre Missionsthätigkeit dieselben nicht nur vor gänzlicher Unterdrückung schützten, sondern ihnen auch noch mehr Neigung zu ansässigem Leben und friedlicher Beschäftigung mit Ackerbau, später auch mit Industrie, beizubringen wußten. Ein Teil dieser Indianer hat sich Sitten und Sprache der Weißen angeeignet, doch den Rassecharakter bewahrt (Indios reducidos). Infolge der Vertreibung der Jesuiten und der spätern christlichen Missionäre nach Verwandlung der ehemaligen spanischen Besitzungen in Republiken sanken jedoch zahlreiche halbzivilisierte Völkerstämme Südamerikas wieder völlig in den Zustand der Verwilderung zurück und leben jetzt zerstreut in den Wäldern (Indios bravos). Die Zahl der gesamten Urbevölkerung Amerikas zur Zeit der spanischen Eroberung schätzt man auf 100 Mill.; jetzt dürften davon wenig mehr als 10 Mill. übrig sein.

Was die indianischen oder amerikanischen Sprachen betrifft, deren man über 400 zählt, so weichen sie, wenn sich auch in dem häufig kunstvollen Bau derselben eine gewisse Verwandtschaft zeigt, doch in den Wurzeln außerordentlich voneinander ab und bieten auch mit den übrigen Sprachen der Erde nur sehr wenige Ähnlichkeiten dar. Ihrer vielfachen Zusammensetzungen wegen, in welchen übrigens die größte Regelmäßigkeit und Methode herrscht, bezeichnet man sie nicht unpassend als polysynthetische Sprachen. Es geht diese Synthesis so weit, daß oft einzelne Wörter einen ganzen Satz umfassen, und entsprechend erhalten die Biegungsformen in den Konjugationen und Deklinationen so viel Körper und Accent, daß durch sie sowohl negative, reflexive, kausative und andre Verba als auch Pronominalobjekte ausgedrückt werden. Bei dieser Wortanhäufung wird eine einfache Wortwurzel von dem, was vor und hinter ihr steht, oft völlig begraben, die Wörter verschmelzen nicht ineinander: das zusammengesetzte Wort gleicht einem Mosaik, die Verbindung ist lediglich mechanisch.