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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Anästhetische Mittel; Anastomōse; Anastrŏphe; Anătas; Anathĕma; Anatĭdae; Anatolien; Anatomīe

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Anästhetische Mittel - Anatomie.

des Gehirns durch narkotische und anästhetische Mittel. Trotz der Unempfindlichkeit eines Teils gegen Berührung können heftige Schmerzen in dem gelähmten Glied vorhanden sein (Anaesthesia dolorosa), indem Reizungen des gelähmten Nervs oberhalb der Lähmungsursache, z. B. durch Druck, stattfinden und die durch den Druck hervorgebrachten Empfindungen in die peripherischen Teile, d. h. in die Nervenendigungen, verlegt werden. Je nach den Ursachen ist die A. ein schnell oder langsam vorübergehender, oft aber auch ein bleibender und unheilbarer Zustand. Die A. ist als begleitende Erscheinung bei den verschiedenen oben angeführten Krankheitszuständen selbstverständlich für sich niemals Gegenstand ärztlicher Behandlung. Nur in Fällen, wo infolge von Quetschung eines Nervenstammes das Gefühl eines Teils nur langsam zurückkehrt, sind leicht reizende Mittel, vor allen die Anwendung des Galvanismus, oft von gutem Erfolg.

Anästhetische Mittel (Anaesthetica), s. Betäubende Mittel.

Anastomōse (griech.), die Vereinigung zweier Nerven- oder Gefäßstämme durch ein eingeschaltetes Stück.

Anastrŏphe (griech., "Umkehrung, Schwenkung"), grammat. Figur, bei welcher die gewöhnliche Wortstellung verändert wird, z. B. "zweifelsohne" statt "ohne Zweifel".

Anătas, Mineral aus der Ordnung der Anhydride, besteht, wie Rutil und Brookit (s. d.), aus Titansäureanhydrid TiO2^[TiO<sub>2</sub>], unterscheidet sich aber von jenen durch seine Kristallformen, die dem tetragonalen System angehören, ohne doch auf diejenigen des im gleichen System kristallisierenden Rutils zurückführbar zu sein. A. findet sich in kleinen, pyramidalen, säulen- oder dick tafelförmigen Kristallen, aufgewachsen oder lose, er ist indigblau ins Schwarze, auch braun, rot, gelb mit metallartigem Diamantglanz, halbdurchsichtig bis undurchsichtig, spez. Gew. 3,83-3,93, Härte 5,5-6. Er kommt auf Klüften im Granit, Glimmerschiefer, Gneis, Diorit zwar sparsam vor, ist aber von den Westalpen bis zu den Tauern durch die Zentralzone der Alpen verbreitet und findet sich namentlich in der Dauphiné, in Tessin, Graubünden sowie auch im Ural, zu Arendal auf Erzlagern, lose im diamantführenden Sand von Itabira in Brasilien.

Anathĕma (griech.) bezeichnet im Neuen Testament (Gal. 1, 8 u. 9; 1. Kor. 16, 22; Röm. 9, 3 etc.) etwas, was dem Untergang geweiht und für immer von der Erde vertilgt sein soll. In der hiermit zusammenhängenden Beziehung aus einen dem göttlichen Zorngericht anheimzugebenden, der Kirchengemeinschaft verlustigen Menschen kommt das Wort A. seit dem 4. Jahrh. als Verwünschungs-, Fluch- und Bannformel vor, weshalb auch der größere Bann (s. d.) selbst häufig diesen Namen führte. - Anathematigieren, etwas mit dem Bannfluch belegen.

Anatĭdae (Enten), Familie aus der Ordnung der Schwimmvögel; s. Enten.

Anatolien (Natolien, türk. Anadoly), s. v. w. Morgenland, insbesondere die Westhälfte von Kleinasien. Anatolier, Anhänger der Lehre, daß das Menschengeschlechter im Orient entstanden sei, im Gegensatz zu den Ökumeniern, welche die Möglichkeit einer Entstehung desselben auch an andern Punkten der Erde annehmen.

Anatomīe (griech., "Zergliederung"), die Lehre von Form und Bau der organisierten Körper und ihrer einzelnen Teile (theoretische A. oder Zergliederungskunde), dann die Untersuchung des organischen Körpers selbst in Bezug auf Form und Bau (praktische A. oder Zergliederungskunst) und endlich der Ort, wo dergleichen Untersuchungen vorgenommen werden und Unterricht darin erteilt wird (anatomisches Theater). Gewöhnlich braucht man A. nur für Zergliederung des menschlichen Körpers (Anthropotomie), während man die Zergliederung der Tiere Zootomie, die der Pflanzen Phytotomie nennt. Die theoretische A. zerfällt in die allgemeine und spezielle A. Die spezielle oder deskriptive A. hat die Darstellung der einzelnen Teile und Organe zum Gegenstand. Mit Bezug hierauf zerlegt man die menschliche A. in sechs Abschnitte, nämlich in

1) Osteologie oder Lehre von den Knochen und Knorpeln;

2) Syndesmologie oder Bänderlehre, die Darstellung der bandartigen Organe, durch welche die Knochen namentlich in den Gelenken verbunden werden;

3) Myologie oder Muskellehre;

4) Angiologie oder Gefäßlehre, welche Lage und Verlauf der Blut- und Lymphgefäße darstellt;

5) Neurologie oder Nervenlehre, die Beschreibung des Nervensystems (Gehirns, Rückenmarks, der Sinnesorgane etc.);

6) Splanchnologie oder Lehre von den Eingeweiden, d. h. den Atmungs-, Verdauungs-, Harn- und Geschlechtsorganen.

Die allgemeine A. beschäftigt sich nicht mit der Form der einzelnen Organe des Körpers, sondern mit den Eigenschaften des Materials, aus welchem sich jene aufbauen. Die oberflächlichste Betrachtung lehrt, daß in verschiedenen Teilen des tierischen Organismus Stoffe von gleichen Eigenschaften, wie Knochen, Muskeln, Sehnen, Nerven etc., wiederkehren. Über die Struktur dieser Elementarteile gibt nun die allgemeine A. Aufschluß und man ist daher sehr oft genötigt, zur Ermittelung des feinern Baues der Gewebe das Mikroskop zu Hilfe zu nehmen. Ein besonderer Zweig ist daher die mikroskopische A. oder Gewebelehre (Histologie). Eine andre Behandlungsweise der A. unterscheidet am Körper größere oder kleinere Abteilungen (Regionen) und beschreibt die in jeder derselben vorkommenden Abschnitte der oben genannten Systeme, wobei sie zugleich auf zuweilen vorhandene Abweichungen der gewöhnlichen Lagenverhältnisse, die sogen. anatomischen Varietäten, Rücksicht nimmt. Sie wird topographische A. oder, da ihre Kenntnis besonders für den operierenden Chirurgen wichtig ist, chirurgische A. genannt. Zum Teil mit dieser zusammen fällt die A. für bildende Künstler, die neben der äußern Form des Körpers auch die Veränderungen, welche sich bei den Bewegungen desselben ergeben und durch das Spiel der Knochen und Muskeln bedingt sind, beschreibt und daher die Betrachtung des lebenden Körpers zu Hilfe nehmen muß (s. Litteratur). Die bisher genannten Disziplinen befassen sich sämtlich mit dem gesunden menschlichen Körper und werden daher zusammen auch als normale A. bezeichnet im Gegensatz zur pathologischen A. oder der Lehre vom Bau des kranken Körpers. Letztere wird stets getrennt abgehandelt und hat nicht nur die Unterschiede der kranken Teile von den gesunden zu verfolgen und die gegenseitigen Beziehungen derselben zu ermitteln, sondern auch die Symptome der Krankheiten, welche sich am lebenden Körper zeigen, aus den ihnen zu Grunde liegenden anatomischen Veränderungen zu erklären. Die Grundlage der pathologischen A. ist selbstverständlich die normale A. in ihrem ganzen Umfang (vgl. Pathologie); daher zerfällt auch sie in einen speziellen und allgemeinen Teil, hat ihre gesonderte Gewebelehre etc.

Eine ganz besondere Stellung nimmt die vergleichende A. ein, die es mit der Vergleichung der gesamten Tierwelt mit Einschluß des Menschen zu