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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Anatomie

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Anatomie.

thun hat. Ursprünglich aus dem Bestreben hervorgegangen, für die Kenntnis des menschlichen Körpers Vergleichspunkte bei den ihm nahestehenden übrigen Säugetieren zu finden, hat sie sich namentlich in der Neuzeit über das ganze Tierreich erstreckt und ist so zu einem Teil der Zoologie (s. d.) im weitern Sinn geworden. Sie beschäftigt sich jedoch nur mit den ausgebildeten Formen, über Entstehung und Wachstum derselben verbreitet sich die Entwickelungsgeschichte; beide zusammen aber behandeln den Bau des tierischen Körpers zu jeder Zeit seiner Existenz und werden daher als Morphologie bezeichnet.

In der anatomischen Technik, die sich aus der praktischen A. entwickelte, unterscheidet man gewöhnlich, namentlich mit Bezug auf den Menschen, die Sektionen und das Präparieren. Unter Sektion (s. d.) versteht man die kunstgerechte Öffnung der drei großen Höhlen des menschlichen Körpers, verbunden mit der Untersuchung der in ihnen befindlichen Eingeweide und Organe. Das Präparieren besteht in der kunstgerechten Trennung der einzelnen Teile voneinander, so daß sie ihrer Gestalt und Lage nach deutlich unterschieden werden können; man erhält so anatomische Präparate (s. d.) und stellt sie in den anatomischen Sammlungen oder Museen auf, bildet sie auch wohl in Wachs, Gips etc. nach sowie auf den anatomischen Tafeln ab.

Die geschichtliche Entwickelung der A. weist die leichtverständliche Thatsache auf, daß zuerst fast nur die Priester und Ärzte sich mit anatomischen Arbeiten befaßten. Bei den alten Griechen wurden nur Tierzergliederungen zu wissenschaftlichen Zwecken in größerer Ausdehnung vorgenommen, und so hat auch Aristoteles in seiner "Naturgeschichte des Tierreichs" zahlreiche genaue Angaben über Tieranatomie niedergelegt. In der menschlichen A. dagegen waren die alten Griechen und Römer schlecht bewandert. Hippokrates kannte nur Knochen und Gelenke näher, verwechselte aber noch Sehnen und Nerven, Arterien und Venen miteinander. In der von Ptolemäos I. zu Alexandria gestifteten medizinischen Schule (320 v. Chr.) scheint die menschliche A. ihre erste Pflegstätte gefunden zu haben. Von dem in Rom lebenden Arzt Galenus (geb. 131 n. Chr.), welcher ebenfalls in Alexandria studierte, weiß man nicht genau, ob er je eine menschliche Leiche sezierte; seine anatomischen Beschreibungen beziehen sich wohl alle auf Hunde und Affen. Nichtsdestoweniger standen seine anatomischen Schriften das ganze Mittelalter hindurch im höchsten Ansehen. Erst mit Mondini, Professor zu Bologna, begann ein Aufschwung der A. Er zergliederte (1306) zuerst wieder zwei menschliche Leichen, und sein anatomisches Werk blieb gegen 200 Jahre lang fast ausschließlich im Gebrauch, zumal Papst Bonifacius VIII. diejenigen mit dem Kirchenbann belegte, die es wagten, einen Menschen zu zergliedern oder seine Gebeine auszukochen. Eine neue Epoche der A. beginnt im 16. Jahrh. mit dem berühmten Andreas Vesalius (geb. 1514; sein Werk "De corporis humani fabrica" erschien 1543), dem sich Fallopia (mit seinen "Observatione anatomicae") und Eustachio würdig anreihten. Von größter Wichtigkeit war die Entdeckung des Kreislaufs des Bluts durch den Engländer William Harvey (1578-1657); allmählich wurden auch die einzelnen Organe des menschlichen Körpers genauer bekannt und erhielten nicht selten Beinamen von den Forschern, welche sie auffanden (z. B. pancreas Aselli capsula Glissonii, ductus Stenonianus, nervus accessorius Willisii). Der erste, welcher das Vergrößerungsglas zum Zweck anatomischer Untersuchungen anwendete und so zum Schöpfer der mikroskopischen A. wurde, ist Marcello Malpighi (1628-94). Die beiden Niederländer Leeuwenhoek (gest. 1723) und Swammerdam (gest. 1680) machten auf dem nämlichen Gebiet mannigfache Entdeckungen. Auch die vergleichende A., die man in frühern Zeiten nur aus Mangel an menschlichen Leichen einiger Aufmerksamkeit gewürdigt hatte, fing nun an, als eigne Wissenschaft kultiviert und zur Aufklärung und Erweiterung der menschlichen benutzt zu werden. Insbesondere leisteten ihr die damals ins Leben tretenden gelehrten Körperschaften, die Royal Society in London und die Académie des sciences in Paris, großen Vorschub. In Italien lebte um 1700 die seit Malpighis Tod schlummernde A. in Lancisi, Valsalva und seinen berühmten Schülern Santorini und Morgagni wieder auf. Besonders die Werke des letztern enthalten viele Bemerkungen aus dem ganzen Gebiet der A., und sein Buch über die pathologische A. steht noch heute in Ansehen. Am meisten ragt jedoch in der damaligen Zeit Albrecht v. Haller (gest. 1777) hervor. Sein großes Werk "Elementa physiologiae" ist für die A. vielleicht ebenso bedeutungsvoll wie für die Physiologie. Nach ihm sind zu nennen: J. F. ^[Johann Friedrich] Meckel (gest. 1774), Camper (gest. 1789), John Hunter (gest. 1793) und sein Bruder William, K. F. Wolff (gest. 1764), Wrisberg (gest. 1808), Mascagni (gest. 1815), Reil (gest. 1813), Bichat (gest. 1802). Letzterer gilt mit Recht als Begründer der Histologie (Gewebelehre), die allerdings erst seit dem Auftreten der Zellentheorie (Schleiden und Schwann) sich zu ihrer jetzigen Höhe aufgeschwungen hat. In unserm Jahrhundert sind als bedeutende Anatomen zu nennen: Sömmerring, Scarpa, Hildebrandt, Rosenmüller, Langenbeck, Tiedemann, E. H. Weber, Meckel, Henle, Arnold, Reichert, Hyrtl, Luschka. Die beiden letztern haben auch auf dem Gebiet der chirurgischen A. viel geleistet, während diese Richtung bis dahin vorzugsweise von den Franzosen Portal, Velpeau, Malgaigne, Pétrequin, Richet mit Erfolg bearbeitet worden war. Vorzugsweise als Histologen waren oder sind noch thätig: Joh. Müller, Purkinje, Rud. Wagner, Kölliker, Gerlach, Max Schultze, Waldeyer, His, Frey, Robin, Ranvier, Beale, Harting. Die pathologische A. fand Berücksichtigung in den ersten Dezennien dieses Jahrhunderts vorzugsweise in Frankreich (Cruveilhier, Gendrin, Andral, Lobstein), seit 1840 jedoch in hervorragenderer Weise in Deutschland, wo namentlich Rokitansky in Wien und Virchow in Berlin sie gepflegt haben. Letzterer wandte zuerst die Zellenlehre auf sie an und wurde so der Schöpfer der sogen. Cellularpathologie. Von den Männern, welche sich um vergleichende A. verdient gemacht haben, sind zu nennen: Cuvier, Et. Geoffroy Saint-Hilaire, J. F. ^[Johann Friedrich] Meckel, Bojanus, K. G. Carus, Rathke, R. Wagner, Bronn und vor allen Joh. Müller; H. Milne Edwards, Leydig, Hyrtl, v. Siebold, R. Leuckart, O. Schmidt, Herting, E. Häckel, Th. Huxley, R. Owen und vor allen K. Gegenbaur.

Litteratur. Meckel, Handbuch der menschlichen A. (Halle u. Berl. 1815-20, 4 Bde.); Cruveilhier, Traité d'anatomie descriptive (5. Aufl., Par. 1871-1878, 3 Bde.); Krause, Handbuch der menschlichen A. (3. Aufl., Hannov. 1876-80, 3 Bde.); Arnold, Handbuch der A. des Menschen (Freiburg 1843-51); Meyer, Lehrbuch der A. des Menschen (3. Aufl., Leipz. 1873); Sappey, Traité d'anatomie descriptive (3. Aufl., Par. 1876-78, 4 Bde.); Quain, Handbuch der A. (deutsch von Hoffmann, Erlang. 1869-71); Henle, Handbuch der systematischen A. des Menschen (Braunschw. 1871, 4 Bde.); Hyrtl, Lehrbuch der A.