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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Anna

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Anna.

von leidenschaftlicher Liebe zu der schönen und anmutigen Hofdame ergriffen und entschloß sich, da kein andres Mittel ihm den ersehnten Besitz verschaffen konnte, ihr seine Hand anzubieten. Als A. dieser Verlockung nachgegeben, ward ihre Verlobung mit dem Sohn des Grafen von Northumberland aufgehoben, und Heinrich erklärte seine Ehe mit Katharina für aufgelöst, worauf A. den Thron von England bestieg (1532). Sie benutzte ihre Stellung, um die Sache der kirchlichen Reformation zu fördern. Aber Heinrichs Liebe zu A. wich bald einer neuen Leidenschaft, zumal da sie ihm statt des ersehnten Thronerben nur eine Tochter, Elisabeth, geboren hatte (1533). Sie wurde beschuldigt, blutschänderischen Umgang mit ihrem Bruder gepflogen, ja sogar Anschläge gegen das Leben Heinrichs gemacht zu haben, in den Tower geworfen und peinlich angeklagt. Obwohl sie selbst bis zum letzten Augenblick ihre Unschuld beteuerte, wurde sie auf Grund sehr belastender Zeugenaussagen verurteilt und 18. Mai 1536 im Tower enthauptet. Vgl. Benger, Memoirs of Anne Boleyn (Lond. 1821, 2 Bde.); Dixon, History of two queens: Anne Boleyn etc. (1873); Friedmann, Anne Boleyn, a chapter in English history (1884).

2) A. von Kleve, vierte Gemahlin Heinrichs VIII. von England, war die Tochter des Herzogs Johann III. von Kleve. Auf den Rat Thomas Cromwells, der durch diese Verbindung die Sache des Protestantismus in England zu stärken suchte, warb Heinrich, der sie nur durch ein von Holbein gemaltes anziehendes Porträt kannte, um ihre Hand. Der König reiste ihr, als sie nach England kam, bis Rochester entgegen, war aber bald enttäuscht, da sie weder äußern Liebreiz noch jene feine französische Bildung besaß, die Heinrich hochschätzte. Cromwell bewog ihn zwar 6. Jan. 1540, die Ehe wirklich zu vollziehen; aber bald darauf stürzte Heinrich ihn, ließ ihn enthaupten und sich von A. scheiden, die im Ausland von einem ihr bewilligten Jahrgehalt bis 1557 lebte.

3) A. Stuart, Königin von Großbritannien und Irland, Tochter Jakobs II. von England aus dessen erster Ehe mit Anna Hyde, der Tochter Lord Clarendons, geb. 6. Febr. 1665, wurde nach den Grundsätzen der anglikanischen Kirche erzogen und 1683 mit dem Prinzen Georg, jüngerm Sohn Friedrichs III. von Dänemark, vermählt. Als ihr Schwager Wilhelm von Oranien zur Eroberung des britischen Throns 1688 in England landete, erklärte sie sich, von Lord Churchill, nachmaligem Herzog von Marlborough, beeinflußt, für denselben und gegen ihren Vater, dessen Lieblingstochter sie gewesen. Als König Wilhelms III. erklärte Nachfolgerin bestieg sie nach dessen Tod (19. März 1702) den Thron, während ihr Gemahl den Titel Prinz behielt. Der Herzog von Marlborough spielte unter ihren Ratgebern die Hauptrolle, und seine schöne, aber leidenschaftliche und hochmütige Gattin war in alle Geheimnisse des Staats eingeweiht. Auf Antrieb Marlboroughs hielt A. an der Allianz gegen Frankreich fest; auch ward 1707 die Union Englands und Schottlands zu einem Reiche "Großbritannien" bewerkstelligt und dabei gegen die geheimen Wünsche der ihren Stiefbruder, den Thronprätendenten Jakob III., begünstigenden Königin festgesetzt, daß, wenn A. ohne Erben stürbe, die Krone an die protestantische Linie der Nachkommenschaft des Hauses Stuart, mithin an die Prinzessin Sophie, verwitwete Kurfürstin von Hannover, Jakobs I. Tochterkind, fallen solle. Jakob III., hierdurch gänzlich von der Erbfolge ausgeschlossen, versuchte 1708 vergebens eine Landung in Schottland, doch wurden seine Anhänger durch Vermittelung der Königin mit Schonung behandelt. Nach Marlboroughs Sturz ward der Krieg gegen Frankreich nur schwach fortgeführt und 12. April 1713 durch den Utrechter Frieden beendigt. Die spätern Regierungsjahre Annas vergingen unter verdrießlichen Händeln zwischen den kämpfenden Parteien. Dem Wunsch der Whigs, daß der anerkannte Thronerbe aus dem Haus Braunschweig zur Wahrung seines Rechts von Hannover nach England berufen werde, trat A. zwar entgegen, mußte aber 23. Juni 1714 nach langem Widerstand in die Ächtung ihres Stiefbruders Jakob III. einwilligen und für den Fall einer Landung im britischen Reich einen Preis von 5000 Pfd. Sterl. auf seinen Kopf setzen. Sie starb bald darauf, 10. Aug. 1714. Ihr Privatleben war tadellos; als Königin war sie schwach, doch gütig und gerecht und Freundin der Wissenschaften und Künste, auch dem Protestantismus eifrig ergeben. Vgl. Stanhope, History of England, comprising the reign of Queen Anne (4. Aufl., Lond. 1873, 2 Bde.); Wyon, History of Great Britain during the reign of Queen Anne (das. 1875, 2 Bde.); Burton, History of the reign of Queen Anne (Edinb. 1880, 3 Bde.).

[Frankreich.] 4) A. von Bretagne, Gemahlin Karls VIII. und nach dessen Tod Ludwigs XII. von Frankreich, Tochter Franz' II., letzten Herzogs von Bretagne, geb. 26. Jan. 1476 zu Nantes, erbte 1488 die Bretagne und ließ sich 1491 durch Prokuration dem deutschen Kaiser Maximilian I. antrauen. Karl VIII. von Frankreich bot jedoch, während Maximilian in Ungarn beschäftigt war, alles auf, die reiche Erbin selbst heimzuführen, und als er mit einem Heer vor Rennes, wo A. residierte, erschien, drangen ihre Ratgeber und Stände so lange in sie, bis sie ihre Zustimmung gab. Sie ward 6. Dez. 1491 zu Longevais mit Karl vermählt, der seine am französischen Hof erzogene Braut, Maximilians Tochter Margarete, heimsandte, ihre Mitgift, Artois, Charolais u. a., aber behielt. Ausgezeichnet durch Schönheit und Geist, regierte A. während des italienischen Feldzugs ihres Gemahls Frankreich und vermählte sich nach dessen frühem Tod (1498) 6. Jan. 1499 mit König Ludwig XII., der, um die Anwartschaft auf die Bretagne zu behaupten, sich von seiner ersten Gemahlin, Johanna, scheiden ließ. Zum zweitenmal wurde A. 1512 Witwe. Nach ihrem Tod (9. Jan. 1514) wurde die Bretagne, deren Selbständigkeit sie eifersüchtig gewahrt hatte, für immer mit Frankreich vereinigt.

5) A. Maria Mauritia, gewöhnlich A. von Österreich genannt, Königin von Frankreich, geb. 22. Sept. 1601, älteste Tochter Philipps III. von Spanien, wurde 1615 mit Ludwig XIII. vermählt und zeichnete sich durch Schönheit und Geist aus, ward jedoch von Maria von Medici niedergehalten und durch Richelieu ihrem Gemahl entfremdet, der sie 1637 sogar beschuldigte, sie habe ihn entthronen und den Herzog von Orléans heiraten wollen. Später gestaltete sich das Verhältnis zwischen den Gatten freundlicher. A. gebar erst 5. Sept. 1638 einen Prinzen (Ludwig XIV.) und 21. Sept. 1640 den Herzog Philipp von Orléans und ward nach Ludwigs XIII. Tode, dem letzten Willen desselben zuwider, durch Parlamentsbeschluß vom 18. Mai 1643 zur unumschränkten Regentin für den fünfjährigen Prinzen erklärt. Sie schenkte ihr ganzes Vertrauen Mazarin und überließ ihm die eigentliche Regierung. Sie mußte es zwar geschehen lassen, daß derselbe auf Andringen der Großen, der Frondeurs und des Parlaments aus Frankreich verbannt wurde; als aber Lud-^[folgende Seite]