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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Anthropophagie; Anthropophobie; Anthrŏpos; Anthropotheïsmus; Anthropothysie; Anthropotŏmie; Anthropozentrische Weltanschauung

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Anthropophagie - Anthropozentrische Weltanschauung.

steht nichts im Weg, dergleichen mit über dem Menschen stehenden Wesen unverträgliche Gemütseigenschaften auf unter demselben stehende, z. B. auf die Tiere, zu übertragen und denselben, ohne ihre äußere Gestalt aufzuheben, Fühlen und Sprache des Menschen beizulegen, wie es im Tierepos ("Reineke Fuchs") und in der Tierfabel (des Äsop) geschieht.

Anthropophagie (griech., "Menschenfresserei", auch Kannibalismus, abgeleitet von dem menschenfressenden Stamm der Kariben, span. Canibals), die das natürliche Gefühl empörende Sitte mancher wilder Völker (nicht immer der rohesten), das Fleisch ihrer Nebenmenschen zu verzehren, wobei die verschiedenartigsten Beweggründe: Feinschmeckerei, religiöse Gründe, vorzüglich aber der Glaube, daß sie nur so den Feind ganz vernichten und seine Kräfte erben können, Haß, Rachsucht etc., mitwirkend sind. Die Oger und Menschenfresser unsrer Märchen können noch als ein dumpfer Nachklang der vorhistorischen Anthropophagen betrachtet werden, welche von der Forschung unzweifelhaft durch die Knochenfunde in verschiedenen Höhlen Italiens, Belgiens, Frankreichs nachgewiesen wurden. Spring hat gezeigt, daß sämtliche menschliche markhaltige Knochen der Höhle von Chauvaux bei Namur künstlich geöffnet waren. Auch die ältesten Urkunden erwähnen der Menschenfresser, die in der Bibel, der Odyssee (Polyphem) etc. eine Rolle spielen. Die alten Griechen beschuldigten die Inder, Skythen und verschiedene äthiopische Völker der A. Der heil. Hieronymus (4. Jahrh.) schildert ein kannibalisches Volk in Gallien. Gegenwärtig ist die zeitweilig und ohne jeglichen Grund überhaupt abgeleugnete A. noch in Afrika, Asien, Amerika, Australien und auf den Südseeinseln im Schwange, wenn sie auch in geschichtlicher Zeit bei manchen Völkern schon verschwunden ist. In Asien sind die malaiischen Batta auf der Insel Sumatra das einzige nachweisbare anthropophage Volk, dessen Kannibalismus bereits Marco Polo erwähnt. Sie sind ein sehr intelligenter Stamm, der eine eigne Litteratur besitzt. Die A. ist bei ihnen durch das Gesetz sanktioniert und findet gewissen Verbrechen gegenüber statt. In Afrika erscheint dagegen die A., wenigstens an der Westküste von Sierra Leone bis zum Nigerdelta, als die scheußlichste Barbarei, als reiner Ausfluß tierischen Wesens, da dort das Fleisch der Menschen (von Gefangenen, Sklaven) gleich jedem andern Fleisch verzehrt wird, namentlich in Kalabar, wie aus Hutchinsons Schilderungen hervorgeht. Unzweifelhaft sind auch, wie wir durch Du Chaillu u. a. wissen, die Fan oder Pahuin, ein aus dem Innern gekommenes Volk, Menschenfresser. Im Zusammenhang mit ihnen scheinen die Manjuema zu stehen, die Livingstone 1870 zuerst besuchte und (die Männer wenigstens) als Erzkannibalen schildert. Nördlich von ihnen, im äquatorialen Innerafrika, wohnen die Monbuttu und Niam-Niam, über deren in großartigem Maßstab betriebene Menschenfresserei haarsträubende Einzelheiten durch G. Schweinfurth berichtet werden. Aus Südafrika wissen wir durch John Beddoe u. a., daß unter dem Kaffernstamm der Basuto wenigstens zeitweilig A. herrschte. In Amerika fanden die ersten Entdecker auf den Antillen das verhältnismäßig zivilisierte, aber menschenfressende, heute dort ausgestorbene Volk der Kariben; die alten Azteken in Mexiko brachten Menschenopfer dar und verzehrten bei festlichen Gelegenheiten Menschenfleisch. Dasselbe wissen wir von den hochgebildeten Inkaperuanern, und im Norden waren verschiedene Indianerstämme, vor allen Irokesen und Algonkin, unzweifelhaft Anthropophagen. Gelegentlich kommt noch jetzt bei einigen Stämmen der Odschibwä die A. vor. Weit verbreitet war die A. bei allen Tupivölkern in Südamerika, wo Rache das Motiv war, und noch jetzt herrscht sie ganz entschieden bei einzelnen wilden Stämmen im Gebiet des Amazonenstroms, den Kaschibo am Pachitea, den Miranha und Mesanya am Japure und Amazonas. Alle Reisenden stimmen überein, daß die Schwarzen des australischen Kontinents noch Kannibalen sind, und daß unter den Südseeinsulanern sowohl Melanesier als Polynesier der A. huldigen. Sie ist verbreitet über einen Teil Neuguineas, die Luisiaden, war früher stark auf Neukaledonien und den Fidschiinseln, wo noch 1867 der Missionär Baker vom Navosastamm verzehrt wurde. Auf den Fidschiinseln fand Seemann die A. zu einer solchen Feinschmeckerei entwickelt, daß man besondere Gewürzpflanzen, den Malawi (Trophis anthropophagorum) und die Borodina (Solanum anthropophagorum), im Umkreis der "Freudenhäuser", in denen die Menschenschmäuse stattfanden, anbaute, welche nur zum Menschenfleisch genossen wurden und für unentbehrlich galten. Man benutzte dazu besondere drei- bis vierzinkige Gabeln aus Kasuarineenholz (während der Gebrauch der Gabel in Europa erst wenige Jahrhunderte alt ist) und zwar für diese Menschenfleischgelage ausschließlich. Die A. der Maori auf Neuseeland war sprichwörtlich geworden, sie war dort nach Hochstetters Erklärung erst aufgekommen, als die Moas, die großen Riesenvögel, auf der säugetierlosen Insel verschwunden waren und andre Fleischnahrung dem Volk sich nicht darbot. Der letzte Fall wurde 1843 beobachtet. Von den Markesas- und Samoainseln sind gleichfalls kannibalische Gewohnheiten der dortigen Polynesier bekannt geworden. Einzelne Anthropophagen fanden sich allezeit auch in zivilisierten Staaten: es sind Menschenfleischfresser aus unbezwinglichem, krankhaftem, zuweilen erblichem Gelüst. Das mehr oder minder starke Eintreten eines solchen ist nicht selten bei schwangern Weibern der Fall. Bisweilen führte auch Wut oder Verzweiflung zur Menschenfresserei. Das schrecklichste Beispiel einer fast allgemeinen A. gab Ägypten bei der großen Hungersnot 1200 und 1201, wo viele Tausend Menschen von ihren Mitbrüdern geschlachtet und gegessen wurden; die Gewohnheit machte die bestialische Fresserei zuletzt zur Liebhaberei, der nur durch die härtesten Strafen Einhalt gethan werden konnte. Der letzte unzweifelhaft dokumentierte Fall, daß in Deutschland jemand aus Geschmack für Menschenfleisch wiederholt mordete, ist ein Hirt in Berka bei Weimar um 1770. Vgl. Schaaffhausen, Über A. (im "Archiv für Anthropologie"), und R. Andree, Die Verbreitung der A. (in den "Ergänzungsblättern", Hildburgh. 1871).

Anthropophobie (griech.), Menschenscheu, -furcht.

Anthrŏpos (griech.), Mensch.

Anthropotheïsmus (griech.), die Lehre von der Identität des Göttlichen und Menschlichen.

Anthropothysie (griech.), Menschenopfer.

Anthropotŏmie (griech.), Anatomie des menschlichen Körpers; vgl. Anatomie.

Anthropozentrische Weltanschauung, die ältere, meist durch religiöse Systeme gestützte Weltanschauung, welche den Menschen als den Mittelpunkt der Welt betrachtete und das All nur zu seinem Nutzen und Vergnügen erschaffen glaubte, also die Gestirne, um ihm zu leuchten, die Tiere, um von ihm gejagt und verspeist zu werden, die Blumen, um ihn zu erfreuen etc.