Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Apollonia; Apollonios; Apollonius von Tyrus

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Apollonia - Apollonius von Tyrus.

Apollonia, eine Christin, welche unter Decius 249 in Alexandria den Märtyrertod erlitt und als Heilige und Helferin bei Zahnschmerzen angerufen wird. Ihr Gedächtnistag ist der 9. Februar. Der Name bezeichnet bei Klopstock und andern neuern Dichtern auch eine musenähnliche Frauengestalt, die als Repräsentantin der Poesie gedacht wird.

Apollonios, 1) A. der Rhodier, griech. Epiker und Grammatiker aus Alexandria, geboren um 240 v. Chr., genoß den Unterricht des Kallimachos, überwarf sich aber mit ihm vollständig, indem er es unternahm, ein umfängliches Epos, die "Argonautica" (in vier Büchern), im Sinn Homers zu dichten. Da er mit demselben infolge des Einflusses des Kallimachos in Alexandria keinen Anklang fand, ging er nach Rhodus, wo er mit seiner Thätigkeit als Rhetor und mit seinem umgearbeiteten Gedicht große Anerkennung und sogar das Bürgerrecht gewann. In späterm Alter nach Alexandria zurückgekehrt, fand er mit seinem Werk allgemeinen Beifall und wurde zum Nachfolger des Eratosthenes im Bibliothekariat ernannt. Sein erhaltenes Epos zeugt von mehr Verstand, Fleiß und Gelehrsamkeit als Dichtergenie, ward aber bei den Römern viel gelesen und nachgeahmt, wie von Terentius Varro Atacinus und Valerius Flaccus (s. d.). Von der Beachtung der alten Gelehrten zeugt eine wertvolle Scholiensammlung. Ausgaben von Brunck (Straßb. 1780; neue Ausg., Leipz. 1810-13, 2 Bde.), Wellauer (das. 1828, 2 Bde.), am besten von Merkel (nebst den Scholien von Keil, das. 1854). Übersetzungen von Willmann (Köln 1832) und Osiander (Stuttg. 1838). Vgl. Weichert, Über das Leben und Gedicht des A. (Meiß. 1821); Michaelis, De Apollonii Rhodii fragmentis (Halle 1875).

2) A. von Pergä, Geometer, geboren zu Pergä in Pamphylien während der Regierung des Ptolemäos Euergetes (247-221 v. Chr.), empfing in Alexandria von den Nachfolgern des Euklides seine mathematische Bildung und blühte unter Ptolemäos Philopator (221-205). Er lebte eine Zeitlang in Pergamon, wo er mit Eudemos befreundet war, dem er sein Hauptwerk, die "Acht Bücher der Kegelschnitte", gewidmet hat. Von diesem Werk, in welchem A. nicht nur alle bis zu seiner Zeit gefundenen Sätze über die Kegelschnitte zusammengestellt, sondern auch die Theorie dieser Kurven mit zahlreichen wertvollen Entdeckungen bereichert hat, und das unter anderm auch die Keime der später so berühmten Theorie der Evoluten enthält, sind uns nur die vier ersten Bücher in griechischer Sprache, die drei folgenden aber in arabischer Übersetzung erhalten; das achte fehlt ganz und ist von Halley nach den bei Pappos sich findenden Lehnsätzen restituiert worden. Eine griechische Ausgabe besorgte Halley (Oxf. 1710), eine deutsche Balsam (Berl. 1861). Außer diesem Hauptwerk sind uns noch "Zwei Bücher vom Verhältnisschnitt" in arabischer Übersetzung erhalten, welche Richter (Elbing 1846) deutsch herausgegeben hat. Eine Reihe andrer Schriften, deren Titel von Pappos, Hypsikles und Proklos aufgeführt werden, sind verloren gegangen.

3) A. aus Tralles in Karien, griech. Bildhauer im 2. Jahrh. v. Chr., mit seinem Bruder Tauriskos Verfertiger der unter dem Namen des Farnesischen Stiers (s. Farnesische Kunstwerke) bekannten Marmorgruppe zu Neapel.

4) Sohn des Nestor, der Künstler des Heraklestorso im Belvedere des Vatikans (s. Torso), ein Zeitgenosse des Pompejus und Cäsar.

5) A. von Tyana, neupythagoreischer Philosoph, Theurg und Magier, ward von den Feinden des Christentums nicht nur mit Jesus verglichen, sondern selbst über diesen gestellt. Schon vor der Geburt des A. hatte die Mutter eine Erscheinung des ägyptischen Gottes Proteus, der in ihrem Kind selbst Mensch zu werden verhieß. Bei der Niederkunft (um die Zeit Christi) fuhr ein Blitzstrahl neben dem Neugebornen nieder und stieg, ohne Schaden gethan zu haben, wieder in die Höhe. Von seiner Vaterstadt Tyana in Kappadokien begab sich A. nach Tarsus in Kilikien, später nach Ägää, wo er durch Euxenos für die Pythagoreische Philosophie gewonnen wurde, Magie trieb und im Tempel des Äskulap Orakelsprüche erteilte. Das ihm nach dem Tod seines Vaters zugefallene Erbe schenkte er teils seinem Bruder, teils den Armen. Ihn selbst trieb der Durst nach Wissen in das Innere von Asien bis nach Indien, wo ihn besonders die Gymnosophisten anzogen, deren eifriger Schüler er ward. Unter der Regierung des Kaisers Nero erschien er in Rom, mußte aber, ungeachtet er viele Bewunderer fand, auf dessen Befehl die Stadt verlassen und starb nach unstetem Wanderleben, das ihn nach Ägypten und Äthiopien führte, 96 (nach andern 110) n. Chr. zu Ephesos. Die ganze Person des A. ist von neuern Gelehrten, namentlich Kirchenhistorikern, in Zweifel gezogen worden. Daß im 1. Jahrh. n. Chr. ein A. aus Tyana lebte und als neupythagoreischer Schwärmer und Sittenprediger sowie durch seine Reisen, Abenteuer, Prophezeiungen, Wunder oder Blendwerke allgemeines Aufsehen erregte, bestätigen Tempel, Altäre und Bildsäulen, die ihm in vielen Städten, besonders in Kleinasien und Griechenland, errichtet, sowie Münzen, die auf sein noch den Kaisern Caracalla, Aurelian und Alexander Severus heiliges Andenken geschlagen wurden. Der ältere Philostratos (s. d.) beschrieb auf Geheiß der Julia, der Gemahlin des Septimius Severus, das Leben des A. in acht Büchern; eigne Schriften des A. sind verloren bis auf 85 Briefe, welche, wahrscheinlich unecht, wie jene Lebensbeschreibung in den Ausgaben der Werke des Philostratos von Westermann (Par. 1849) und Kayser (Bd. 1, Leipz. 1870) abgedruckt und von Chassang (Par. 1862) mit Kommentar ins Französische übersetzt worden sind. Vgl. Baur, A. von Tyana und Christus, oder das Verhältnis des Pythagoreismus zum Christentum (Tübing. 1832); Newman, Life of A. (Lond. 1849); Pettersch, A. (Berl. 1879).

6) A. Dyskolos (der "Mürrische"), griech. Grammatiker aus Alexandria, lehrte um 140 n. Chr. in Rom unter Antoninus Pius und begründete die wissenschaftliche Grammatik, deren Stoff er zuerst systematisch gliederte. Von seinen Werken sind erhalten die Schriften über Pronomen (hrsg. von Bekker, Berl. 1813), Adverbien und Konjunktionen (von demselben in "Anecdota graeca", Bd. 2, das. 1814) und die Syntax der Redeteile in vier Büchern (von demselben, das. 1817). Gesamtausgabe von Schneider ("Gramm. graeci", Bd. 1, Leipz. 1878); Übersetzung von Buttmann (Berl. 1878). An ihn schlossen sich besonders die lateinischen Grammatiker an, namentlich Priscian. Noch bedeutender war sein Sohn Herodianos. Vgl. Egger, A. Dyscole (Par. 1854); Lange, System der Syntax des A. (Götting. 1852); Skrzeczka (in Königsberger Programmen von 1847 bis 1869).

Apollonius von Tyrus, der Held eines griech. Romans, welcher im Mittelalter viel gelesen wurde und in fast alle Sprachen des Abendlandes übersetzt worden ist. Es werden darin die Schicksale und Abenteuer erzählt, welche der syrische Fürstensohn A. vor seiner Vermählung mit der Tochter des Königs Archistrates von Kyrene zu bestehen hatte; dazu die