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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Arabische Litteratur

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Arabische Litteratur (Naturwissenschaften, Medizin, Theologie, Rechtswissenschaft).

nach ihm die "Mamunischen" genannt werden, fängt die eigentliche Kultur der Astronomie unter den Arabern an. Einer der berühmtesten Astronomen dieser Periode war Alfergáni, der den Almagest in einen faßlichen Auszug brachte (gestorben gegen 830; seine "Elementa astronomica", arab. u. lat. von Golius, Amsterd. 1669). Von dem gelehrten Al Kindî (s. oben, Philosophie) scheinen vieles entnommen und in eignen Schriften mehr nur popularisiert zu haben: der vielgenannte Abu Ma'schar (gest. 885, lat. Abumasar oder Albumasar und ähnlich, auch Japhar Indus; lat. mehrfach seit 1489), Al Bettáni (verderbt Albategnius, gest. 929; "De scientiis stellarum", lat., Nürnb. 1537, Bologna 1645) und Ibn Júnus. Jener machte sich unsterblich durch die Entdeckung der Beweglichkeit des Apogäums der Sonne; Ibn Júnus war Hofastronom Hâkems, des sechsten fatimidischen Regenten in Ägypten, und verfaßte nach den von ihm in Kairo angestellten Beobachtungen die Hakemidischen (arab. u. franz. von Caussin, Par. 1804) und Fatimidischen Tafeln. Auch die bujidischen Sultane in Bagdad waren große Beförderer der Astronomie, so besonders Adhud ed Daula und Scheref ed Daula, der in seinem Schloßgarten eine großartige Sternwarte errichten ließ. Obgleich die arabischen Astronomen in der Theorie meist bei Ptolemäos stehen geblieben sind, so sind doch ihre Beobachtungen höchst wichtig. Über die astronomischen Instrumente der Araber (darunter auch die in europäischen Sammlungen vorkommenden Astrolabien) schrieb im 13. Jahrh. Abul Hassan Alí (übersetzt von Sedillot, Par. 1834-35, 2 Bde.). Wie überall im Mittelalter, ist übrigens auch bei den Arabern mit der Astronomie eng, oft unlöslich die Astrologie verbunden, in deren Dienst bei vielen arabischen Astronomen die eigentliche Wissenschaft stand, und die sich dann mit kabbalistischer und magischer Weisheit vermischte, welche man zum Teil aus untergeschobenen Schriften des Hermes Trismegistos, Zoroaster etc. schöpfte. Sie hat durch jüdische und lateinische Übersetzungen einen bedeutenden Einfluß auf das Mittelalter und selbst noch auf das 16. Jahrh. ausgeübt.

Naturwissenschaften. Medizin.

Von der Philosophie trennen die Araber nicht die physikalischen Wissenschaften, zu denen in ihrem wissenschaftlichen System auch die Medizin gerechnet zu werden pflegt. Sie hat bei ihnen die eifrigste Pflege gefunden, ohne daß es ihnen indes gelungen wäre, über ihre griechischen Lehrmeister erheblich hinauszukommen; im Gegenteil haben sie sich zu dem System des Galen, welches durch seine schematische Gliederung ihrer Geistesrichtung besonders zusagte, in eine geradezu sklavische Abhängigkeit begeben. So vor allem in der Anatomie, deren Kenntnis, weil die Religion Leichenzergliederungen streng verbot, eine lediglich durch Bücher vermittelte blieb, woraus sich sofort von selbst ergibt, daß an eine wirkliche medizinische Entwickelung bei ihnen nicht zu denken ist, mag es immerhin auch unter ihnen große Praktiker und gute Beobachter gegeben haben, die in den schon früh von den Kalifen wie von spätern Herrschern gegründeten Spitälern sich ausbilden konnten. Besseres leisten sie daher vor allem in der pharmazeutischen Chemie, die wenigstens mit vielen Entdeckungen durch sie bereichert worden ist. Fast alle arabischen Ärzte wissen das Quecksilber aufzulösen, in Salzgestalt zu verwandeln und Salben daraus zu bereiten. Sie kennen die Ameisensäure und die Reinigung des Borax, wenden Spießglanzmittel an und wissen aus den Pflanzen die wirksamen Stoffe auszuziehen. Den Weingeist bereiteten sie zuerst aus Zucker und Reis. Die Bereitung der Sirupe, der Elixire, der Naphtha und des Alkohols haben wir von ihnen gelernt. Auch die Botanik, die sie ursprünglich aus Dioskorides kennen lernten, haben sie bedeutend bereichert (vgl. Meyer, Geschichte der Botanik, Bd. 3). In der Therapie folgten sie Galen. Doch kann man ihnen nicht alles Verdienst um Erweiterung dieser Wissenschaft absprechen, wozu sie die Natur gleichsam zwang, indem sich neue Krankheitsformen entwickelten, von denen Galen und die Alten nichts gewußt hatten. Dazu gehören die Pocken, der Aussatz, die Masern, die Röteln, der Friesel, die englische Krankheit etc. Die Chirurgie blieb teils wegen Mangels anatomischer Kenntnisse, teils aus falscher Schamhaftigkeit, hauptsächlich aber aus Operationsscheu vernachlässigt und gewann erst später in Spanien einige Ausbildung. Dasselbe gilt von der Geburtshilfe. Die ältesten uns bekannten Ärzte der Araber sind Syrer, welche die griechische Medizin kannten und übten (s. oben), und Perser, in deren Land syrische Ärzte schon vor der mohammedanischen Invasion praktiziert und Schulen (z. B. in Dschondesabúr) gegründet hatten. Arabisch wurde die Medizin eigentlich erst durch den berühmten Übersetzer und Kommentator des Galen, Honein Ibn Ishák (gest. 873); neben ihm mag genannt werden Ibn Mâsaweíh (lat. Mesue, der ältere, gest. 857). Der größte und gelehrteste der arabischen Ärzte ist Râsi (s. d.), berühmter aber noch Avicenna (s. d.). Ferner sind bemerkenswert aus dem 11. und 12. Jahrh.: die Spanier Abul Kasim (Albucasis) el Sahráwi, der Chirurg; Abu Merwan Ibn Zohr (Abimerun Avenzoar, gest. 1162), einer der originellsten Selbstdenker unter den arabischen Ärzten, und Averroes (s. d.). Eine arabische Geschichte der Ärzte schrieb Ibn Ali Uçeibi'a (gest. 668 d. H.; hrsg. von A. Müller, Königsb. 1884). In den Naturwissenschaften zeichnen sich aus: als Botaniker Ibn el Beitár (gest. 1248; seine "Große Zusammenstellung" schlecht übersetzt von Sontheimer, Stuttg. 1840), als Chemiker Dschabir (s. d.), als Zoolog Damíri (1349-1405), Verfasser eines zoologischen Wörterbuchs (arab. gedruckt, Bulak 1284 d. H., 2 Bde.). Vgl. Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Ärzte und Naturforscher (Götting. 1840); L. Leclerc, Histoire de la médecine arabe (Par. 1876; unkritisch).

Theologie und Rechtswissenschaft.

Den breitesten Raum in den Studien der Araber nimmt die Theologie und die mit ihr notwendig verbundene Jurisprudenz ein. Durch die Entwickelung beider aus Koran und Traditionswissenschaft, zum Teil später durch die Kreuzung mit und den Gegensatz gegen den Einfluß der griechischen Philosophie entstanden allmählich eine Menge Sekten, von denen 4 im 8. Jahrh. entstandene für rechtgläubig und 72 für ketzerisch galten. Unter den letztern haben sich am meisten ausgebreitet die Schiiten, welche noch heute in Persien herrschen; die vier orthodoxen Sekten (Sunniten, weil sie der Sunna, der Überlieferung, folgen) bilden die bei weitem größte Masse der Mohammedaner, und es gehören zu ihnen die Bewohner Arabiens, Afrikas, Ägyptens, Syriens, der Türkei und der Tatarei. Es sind: die Hanefiten (gestiftet von Abu Hanífa Ibn Thâbit, 690-767), Rationalisten, welche die Sunna mit den Grundsätzen der Vernunft in Einklang zu bringen bestrebt sind (vgl. Flügel, Die Klassen der hanefitischen Rechtsgelehrten, Leipz. 1862); die Schafi'iten (gestif-^[folgende Seite]