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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Arbeit

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Arbeit (volkswirtschaftlich).

Arbeit. Im Sinn der Nationalökonomie ist A. jede auf Wertschaffung gerichtete menschliche Thätigkeit; im gewöhnlichen Leben wird mit dem Wort A. nicht allein der Akt der Leistung, sondern oft auch das Resultat derselben bezeichnet. Für den Begriff sind Art und Erfolg der Thätigkeit gleichgültig, insbesondere ist es nicht nötig, daß die Thätigkeit für die Gesellschaft nützlich sei oder von derselben als zulässig erklärt werde; es gibt auch schlechte Arbeiten und Arbeiten der Zerstörung, welche einem gewollten, wenn auch nicht gerade für andre dienlichen Zweck entsprechen können. Den Begriff auf das Gebiet der körperlichen Thätigkeiten oder Handarbeiten zu beschränken, scheitert praktisch schon an der Unmöglichkeit, die geistige und physische A. überhaupt scharf voneinander zu trennen. Die einfachste Handarbeit bedarf einer wenn auch nicht sehr anstrengenden geistigen Überlegung, und die Kopfarbeit, welche, wenn sie nachhaltig nützlich wirken soll, sich äußerlich immerhin objektivieren muß, kann den Körper ebensosehr und selbst stärker angreifen als schwere Handarbeit. Jedoch ist es üblich geworden, den Begriff Arbeiter etwas enger zu fassen, als es obiger Definition entsprechen würde, indem man unter denselben die Klasse der Lohnarbeiter im Gegensatz zu den selbständigen wirtschaftlichen Existenzen, insbesondere zu den Unternehmern und Kapitalisten, zu verstehen pflegt. In diesem Sinn wird das Wort "Arbeiter" von Sozialisten genommen, deshalb ist es verfehlt, ihre Forderungen mit dem Einwand bekämpfen zu wollen, daß andre Mitglieder der Gesellschaft ebenfalls arbeiteten. Jede A. ist mit mehr oder weniger Mühe verbunden. Teils hierdurch unterscheidet sich die A. vom Spiel, teils dadurch, daß letzteres nicht ernster Wertschaffung, sondern der Erheiterung und angenehmen Zerstreuung dient.

Die Bedeutung der A. ist eine doppelte. Zunächst ist sie ein wichtiger Faktor der Produktion und damit auch aller menschlichen Kultur. Was uns die Natur mühelos bietet, reicht nicht aus zur Fristung der bescheidensten physischen Existenz. Es bedarf der stufenweise fortschreitenden A. vieler Generationen, von denen die vorhergehende der folgenden die unentbehrlichen geistigen und materiellen Hilfsmittel für weitere Vervollkommnung überliefert, um Zustände höherer gesellschaftlicher Entwickelung zu erzielen. Nicht nur sind die brauchbaren Naturstoffe zu gewinnen, sondern die Rohstoffe sind umzuwandeln in Genußgüter und Hilfsmittel der A. Dazu kommen Schutzarbeiten, Arbeiten der Versendung, der zeitlichen und örtlichen Verteilung, der Erziehung, Erfindung, Entdeckung, die in den mannigfachsten Gestaltungen auf den verschiedensten Gebieten (Staats-, Gemeindeverwaltung, Privatwirtschaft etc.) dazu dienen, positiv unser Wohlbefinden zu erhöhen oder dasselbe gegen drohende Widerwärtigkeiten zu schützen. Aber die A. schafft uns nicht allein nutzbare Werte, sie übt auch einen wohlthätigen Einfluß auf den Menschen selbst aus, indem sie als Mittel physischer Vervollkommnung, Stählung und Abhärtung des Körpers und geistig-sittlicher Veredelung dient. Genuß ohne A. führt erfahrungsgemäß zur Erschlaffung, zu Blasiertheit und zum Überdruß. Erst die A., welche sich immer neue Aufgaben setzt und zu lösen sucht, ermöglicht eine nachhaltige dauernde Befriedigung. Darum versuchte Fourier (s. d.), sie als Bestimmung des menschlichen Glücks und als Ziel menschlicher Vollendung zu erfassen, und ein deutscher Philosoph meinte, für einen noch einigermaßen willenskräftigen Menschen werde die Verdammung zur Arbeitslosigkeit die härteste aller Strafen sein, und es würde der Mensch, wenn ihn nicht das Leben schon zu Kräftereibungen zwänge, sich die Bewältigung von Hindernissen im Interesse voller Befriedigung suchen müssen. Jener gute Einfluß der A. wird freilich nicht bedingungslos erfüllt, sondern nur unter der Voraussetzung, daß die A. in quantitativer und qualitativer Beziehung gewisse Grenzen nicht überschreite. Überarbeitung, zumal erzwungene, welche den Menschen zum Lasttier herabdrückt, führt zu geistiger und körperlicher Abstumpfung und Verkümmerung; ebenso kann die ununterbrochene, eintönige A., welche für den Geist keine Nahrung bietet oder einzelne Organe angreift, die menschliche Entwickelung bedenklich gefährden. Ruhepausen sind darum unerläßlich zur Erholung, Zerstreuung, Bildung, für allseitige Erregung der Geistes- und Körpervermögen und ein gedeihliches, segensreiches Familienleben. Darum hat auch neben der Nachtruhe die Sonntagsheiligung eine eminent wirtschaftliche Bedeutung. Je eintöniger die A., um so größer das Bedürfnis nach Unterbrechungen.

Der Erfolg der A. und zwar der A. des Einzelnen wie der Gesamtheit wird bedingt teils durch Kräfte und Triebe des Arbeiters selbst, teils durch äußere Umstände, wie Beschaffenheit der anzuwendenden Hilfsmittel, soziale Verhältnisse etc. Er ist insbesondere abhängig vom Trieb zur A. Derselbe ist um so größer, je mannigfaltiger und zahlreicher die Bedürfnisse sind, welche nur durch A. befriedigt werden können. Wo die Natur verhältnismäßig viel bietet und außerdem wenig Aufwand zur Ernährung und zum Schutz gegen die Unbilden der Witterung nötig ist, verfällt der Mensch leicht der Gefahr der Erschlaffung. Die harte Notwendigkeit, durch angestrengte A. die ersten Lebensbedingungen zu schaffen, weckt Eifer und Rührigkeit; die steigende Kultur mit ihren wachsenden Bedürfnissen bildet einen weitern gewaltig wirkenden Sporn zur A. Dazu kommt, daß mit zunehmender Kultur und Bildung auch die A. an und für sich einen größern Reiz bietet. Sie wird mehr geachtet und geehrt, während früher einzelne bevorrechtete Stände (Freie, Adel) es ihrer für unwürdig hielten, zu arbeiten. In dieser Beziehung übt auch einen vorteilhaften Einfluß aus die Möglichkeit der freien Wahl der unter den gegebenen Umständen der eignen Kraft und Neigung am meisten zusagenden Beschäftigung, um in der A. selbst einen Genuß zu finden. Je mehr die A. mit Beschwerden und Unannehmlichkeiten verbunden ist, um so geringer der Trieb zu derselben; dagegen wird der letztere um so kräftiger wirken, je günstiger die Aussicht auf eine angemessene Vergeltung ist. Zwar fördert übergroße Leichtigkeit reichlichen Erfolgs die Sorglosigkeit; doch wird die Arbeitslust verkümmert, und der Mensch wird mutlos, wenn Ungunst der Natur und Rechtsunsicherheit unzureichende Resultate in Aussicht stellen, oder wenn die Früchte eigner A. andern in den Schoß fallen. Je größer die Hoffnung, durch A. seine Lage zu verbessern, je größer die Furcht, daß dieselbe ohne A. sich verschlechtere, um so schärfer auch der Sporn zur schaffenden Thätigkeit. Aus diesen Gründen ist auch von hoher Wichtigkeit das System der Auslohnung. Bei gezwungener und nicht genügend vergoltener A., wie bei derjenigen des Sklaven und des Leibeignen, sind Eifer und Reiz, sich größere Geschicklichkeit zu erwerben, an Stoffen und Geräten zu sparen und dieselben schonend zu behandeln, nicht groß. Es können deshalb nur einfachere Arbeiten verrichtet werden, welche Aufsicht