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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Arte perītus; Artemisĭon; Artemon; Artenay; Arterien

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Artemision - Arterien.

einen gewürzhaften, zitronenartigen Geruch und schwach bitterlichen Geschmack, enthalten ätherisches Öl, Bitterstoff, auch Gerbstoff und werden wie Absinth, jedoch seltener, angewandt. A. vulgaris L. (gemeiner Beifuß, Mutterkraut), krautartig, 90-120 cm hoch, hat einen aufrechten, rispigen, oft braunroten Stengel und eiförmige oder längliche, fast sitzende, schmutzig gelbe bis braunrötliche, filzige Blütenköpfchen, ist gemein an Wegen und Hecken, ein Küchengewürz für Gänse- und Entenbraten. Die süßlich-scharf schmeckende Wurzel ist offizinell und wird gegen Epilepsie, besonders bei Frauen, benutzt. A. pontica L. (A. afra Jacq., römischer Beifuß), mit aufrechtem, oberwärts rispigem, fast rutenförmigem Stengel und grauen, etwas kugeligen, nickenden Blüten, wächst in Südeuropa, auch im südlichen und mittlern Deutschland und wird als Zierpflanze kultiviert. A. Absinthium L. (Wermut) hat einen aufrechten, 60-120 cm hohen, sehr ästigen Stengel, graue, dreifach fiederspaltige Wurzelblätter und doppelt und einfach fiederspaltige Stengelblätter mit lanzettlichen, stumpfen Zipfeln und öhrchenlosen Blattstielen und fast kugelige, nickende, gelbe Blüten, findet sich von Nordafrika durch fast ganz Europa und Nordasien, besonders in Gebirgsländern. Die ganze Pflanze riecht eigentümlich gewürzig und schmeckt aromatisch, stark bitter. Das offizinelle Kraut enthält ätherisches Öl, Bitterstoff (Wermutbitter, Absinthiin) und wird als Stomachikum, besonders bei schwacher Verdauung, auch zu bitterm Likör (Absinth) und zum Denaturieren von Salz angewandt. A. Mutellina, glacialis, rupestris, spicata, in den Alpen, sind unter dem Namen Genippikräuter als Arzneimittel beim Volk sehr beliebt und werden auch zur Bereitung des Absinths benutzt. Die Varietät α Stechmanniana der A. maritima L. (A. pauciflora Web., A. cina Berg), ein Halbstrauch mit 30-50 cm hohen, kahlen Stengeln, welche eine aus vielen dünnen Zweigen zusammengesetzte Rispe tragen, in welcher die vielen Köpfchen eine lockere Ähre bilden; die Grundblätter sind zur Zeit der Blüte abgestorben, die Stengelblätter länglich, doppelt fiederschnittig, fast kahl. Die länglichen, grau- oder gelblichbraunen, unentfalteten Blütenköpfchen dieser in der Kirgisensteppe heimischen Pflanze bilden den Zitwersamen (Semen Cinae). Dieser riecht kräftig aromatisch, schmeckt widerlich bitter und enthält Harz, Zucker, 1-3 Proz. ätherisches Öl und 1,5-2 Proz. Santonin. Er wird in großen Mengen gesammelt und über Nishnij Nowgorod in den Handel gebracht. Man benutzt ihn als kräftiges wurmwidriges Mittel und zur Darstellung von Santonin. A. Dracunculus L. (Dragunbeifuß, Estragon), mit krautigem, aufrechtem Stengel, grünen, kahlen, lineal-lanzettlichen, ungeteilten Blättern und fast kugeligen, nickenden Blüten in Rispen, in Südeuropa, Sibirien und der Tatarei einheimisch, wird in Deutschland seit alter Zeit als treffliche Gewürzpflanze kultiviert. Die blühenden Stengelspitzen riechen stark, aber angenehm gewürzhaft und schmecken ähnlich bitterlich, etwas beißend. Sie dienen als Zusatz zu Suppen, Salat, eingemachten Gurken etc. sowie zur Bereitung des wohlschmeckenden Estragonessigs und Estragonsenfs. Einige Arten, wie A. argentea Ait. mit silberweißen und A. Stelleriana Bess. mit weißgrauen Blättern, werden zu Blattpflanzengruppen und Teppichbeeten benutzt. A. chamaemelifolia Vill., aus Südeuropa, findet sich des Wohlgeruchs ihrer Blätter halber namentlich in Bauerngärten. Aus den feinen, baumwollähnlichen Fasern von A. chinensis L. und A. Moxa Bess. werden die Brenncylinder (Moxen) hergestellt.

Artemisĭon, Heiligtum der Artemis. Bemerkenswert ist besonders das A. an der Nordküste von Euböa, zwischen dem heutigen Kurbatsi und der Pevkibucht, wo 480 v. Chr. das erste dreitägige, aber unentschieden gebliebene Seetreffen zwischen den Persern und den Griechen unter dem Spartaner Eurybiades geschlagen wurde, dem bald darauf die Schlacht bei Salamis folgte. Die 1883 aufgedeckten Ruinen des Heiligtums, nach welchen die ganze Küstenstrecke A. genannt wurde, führen heute den Namen Ai Giorgi.

Artemon (auch Artemas) lehrte im Anfang des 3. Jahrh. nach dem Vorgang des von Byzanz nach Rom gekommenen Theodotus einen bloß menschlichen Christus und behauptete, diese Ansicht sei vor dem Bischof Zephyrinus von Rom (198-217) in der Kirche die allgemeine gewesen. Die Artemoniten oder Artemonianer verschwanden noch im Lauf des 3. Jahrh. Erneuert wurde ihr Andenken, als Samuel Crell 1726 unter dem Namen A. die Gottheit Christi angriff.

Artenay (spr. art'nä), Flecken im franz. Departement Loiret, 18,5 km nördlich von Orléans, an der Eisenbahn nach Paris, mit 1040 Einw., bekannt geworden durch das siegreiche Gefecht des Generals v. d. Tann (10. Okt. 1870) gegen die französische Loirearmee, worauf Orléans am folgenden Tag von den Deutschen besetzt wurde; ferner lieferte das 9. deutsche Korps 3. Dez. bei A. den Franzosen ein siegreiches Treffen (vgl. Orléans).

Arte perītus (lat.), Kunst-, Sachverständiger.

Arterien (griech., Puls- oder Schlagadern), Adern, welche das Blut aus dem Herzen nach allen Körperteilen hinleiten. Bei jeder Zusammenziehung der Herzkammern wird eine gewisse Menge Blut in die A. hineingetrieben, letztere erfahren hierbei eine periodische Erweiterung, auf welche aber sofort durch die Elastizität der Arterienwand und der in ihr enthaltenen glatten Muskelfasern eine Verengerung folgt (sogen. Pulsschlag, welcher den Venen oder Blutadern abgeht). Die größte Arterie heißt Aorta (s. d.). Die Verteilung der A. ist in den beiden Körperhälften im allgemeinen dieselbe, also eine symmetrische; wegen der Einzelheiten s. Blutgefäße (mit Tafel). Das in den A. fließende Blut ist teils sauerstoffreich (arteriell), teils sauerstoffarm (venös), teils und zwar bei den niedern Wirbeltieren gemischt, je nachdem es schon die Atmungsorgane (Kiemen, Lungen) passiert hat oder erst auf dem Weg zu ihnen ist. Im allgemeinen verzweigen die A. sich baumförmig zu immer feinern Ästen, doch gehen die letztern auch vielfach Verbindungen (Anastomosen) unter sich ein, so daß Adergeflechte (Plexus) zu stande kommen. Infolge davon kann bei Verstopfung eines Astes das Blut durch einen andern in denselben Körperteil gelangen. In den größern A. fließt das Blut rascher als in den kleinern, auch ist an letztern der Pulsschlag nicht mehr wahrnehmbar. Die Wände der A. bestehen aus drei Schichten: einer innern, von Bindegewebe gebildeten und nach dem Hohlraum zu von einfachen Zellen aus-^[folgende Seite]

^[Abb.: Stück einer Arterie]