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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ästhetik

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Ästhetik.

Wahrnehmung eines Verhältnis- und Ebenmäßigen erzeugt wird. Letztern Gedanken scheint Aristoteles fortgesponnen, den ersten dagegen Plotinos aufgenommen zu haben, wenn jener das Schöne als "das weder zu Große noch zu Kleine", dieser dagegen es als "die Gegenwart der Idee im Sinnlichen" definiert.

Jene ursprüngliche Scheidung zweier Richtungen wirkt noch bis heute fort und ist seit dem Bestehen der Ä. als selbständiger Wissenschaft als prinzipieller Gegensatz der Form- gegen die Gehaltsästhetik hervorgetreten. Der Begründer jenes Bestehens war der Wolfianer A. G. Baumgarten (s. d., "Aesthetica", 1750), und Anlaß zur Aussonderung der Ä. gab die übersichtliche Systematik der Wolfschen Philosophie. Als nämlich von dieser das Ganze der Philosophie nach den beiden Hauptvermögen der Seele, dem niedern (Sinn) und höhern Erkenntnisvermögen (Verstand und Vernunft) einer- und dem niedern (Begehren) und höhern (Wollen) Begehrungsvermögen anderseits, in einen theoretischen und praktischen Teil zerfällt und die Logik beiden als Propädeutik vorangestellt wurde, zeigte es sich, daß die letztere als Anleitung, das höhere Erkenntnisvermögen zur Vollkommenheit zu bringen, eine Paralleldisziplin für das niedere nicht nur zulasse, sondern sogar fordere. Diese nun war die Ä. Sie und die Logik wichen daher nicht im Gegenstand, sondern nur im Werkzeug des Erkennens voneinander ab. Das Wahre und Gute, hier durch Verstand und Vernunft, dort durch die Sinnlichkeit aufgefaßt, war ihr gemeinschaftliches Objekt. Konsequenterweise lehrten daher die Ästhetiker der Wolfschen Schule (Eschenburg, Eberhardt, Sulzer, Mendelssohn), daß die ästhetische nur eine Vorstufe der intellektuellen Erkenntnis und bestimmt sei, von der letztern verdrängt zu werden. Noch Schiller hat dieser Ansicht in seinen "Künstlern" Worte geliehen, wenn er den Menschen sein "Wissen mit vorgezogenen Geistern teilen", die Kunst, d. h., wie er gleichzeitig an Körner schreibt, die "Verhüllung der Wahrheit und Sittlichkeit in die Schönheit", aber "allein" besitzen läßt. Später hat er selbst, nachdem er die Griechen und Goethe kennen gelernt, gegen diese "Allegorie" energische Einsprache eingelegt. Da der Gehalt, wie er in einer berühmt gewordenen Xenie sagt, das Gefäß nicht "schön macht" und der süße Kern ebenso gut in einer reizend wie in einer geschmacklos geformten Schale enthalten sein kann, so kam es darauf an, wissenschaftlich jene Formen festzustellen, welche dem schönen vor dem häßlichen Gehäuse den Vorzug geben.

Von dieser ihrer wahren Aufgabe ward die Ä. durch Kant abgelenkt, welcher dem kritisch auf das Subjekt gewandten Charakter seiner Philosophie gemäß den Grund des Wohlgefallens am Schönen, statt in den Formen, im Ursprung desselben aus dem harmonischen Zusammenwirken aller Seelenvermögen suchte und das Schöne als Ausstrahlung des ganzen Menschen ansah. Schiller als Denker und W. v. Humboldt folgten ihm auf dieser Bahn, welche weit mehr geeignet war, das Werden des Schönen als dessen Wesen zu erläutern, und bezeichneten das Gleichgewicht der sinnlichen und der Vernunftthätigkeit als die Normalstimmung des Künstlers und die Geburtsstätte der Schönheit. Während sie aber vorsichtig genug waren, dessen Realisierung für einen bloßen "Imperativ", seine Realität für ein Ideal zu erklären, das höchstens in der "naiven" Kunst der Griechen und Goethes erreicht worden sei, glaubte Fichte, was die schöne Kunst thue, nicht besser ausdrücken zu können, als wenn man sage, sie mache den "transcendentalen Gesichtspunkt zum gemeinen", d. h. den der "allgemeinen substantiell gedachten Vernunft" zum "unmittelbaren". Daß er damit auf die alten, von Schiller und Goethe zum Heil der Kunst in ihren Schöpfungen längst verlassenen Grenzen zurückstrebte, innerhalb deren das Schöne nicht, wie Lessing wollte, als Selbstzweck, sondern nur als Versinnlichungsmittel des Wahren und Sittlichen gelten sollte, rechtfertigt das Urteil Schillers, der Fichte "unästhetisch" fand. Seine Nachfolger Schelling und Hegel fielen, der Begeisterung des erstern für Goethe und Winckelmann ungeachtet, sogar auf den Wolfschen Standpunkt zurück, das Schöne, sei es "als sinnliche Erscheinung des Absoluten", wie der erstere, sei es "als Gegenwart der Idee in begrenzter Erscheinung", wie der letztere sich ausdrückte, seiner Selbständigkeit entrückt, zum bloßen Symbol des Göttlichen als des "Absoluten" oder der "Idee" herabzusetzen. Zwei zugleich geist- und kunsterfahrungsreiche Schüler des letztgenannten, Vischer und Carriere, haben zwar die von der Philosophie der Kunst zur Unzeit verlassenen Pfade, welche die größten Dichter der Nation, um die Denker unbekümmert, zu ihrem Frommen eingehalten, wiederzugewinnen und wenigstens neben der Ideen-, d. h. Gehalts-, die Erscheinungsform, d. h. Formseite, des Schönen zu betonen versucht. Daß dabei jener das Erscheinende pantheistisch als Idee, dieser dasselbe theistisch als persönliche Gottheit auffaßte, kommt, so bedeutend der Unterschied für die Metaphysik und spekulative Theologie als Lehre von Gott und dem Seienden ausfällt, für die Ä., welcher das Wie, nicht das Was der schönen Erscheinung die Hauptsache ist, erst in zweiter Reihe in Betracht.

Daß in jenem, d. h. in den Formen der Erscheinung, der Schwerpunkt des Schönen liege, sprach unter den Nachfolgern Kants zuerst Herbart aus, nachdem es Schiller Jahre zuvor in den Briefen "über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts" (22. Brief) und an Körner (III, 116) mit der klassischen Sentenz fixiert hatte: "Die Vertilgung des Stoffs durch die Form ist das wahre Kunstgeheimnis des Meisters". Herbart dehnte den Satz auf alles Gefallende und Mißfallende überhaupt, also auch auf das Löbliche und Tadelnswerte am menschlichen Wollen, aus und bearbeitete unter dieser Voraussetzung die praktische Philosophie als Ä. des Willens und Teil der allgemeinen Ä. überhaupt, deren Bearbeitung als Formwissenschaft er seiner Schule hinterließ. Ihre Durchführung ist nach den unzureichenden Ansätzen von Griepenkerl und Bobrik erst von Robert Zimmermann (s. d.) vollständig unternommen worden. Ä. ist nach dieser Auffassung derjenige Zweig der Philosophie, der im Unterschied von der Metaphysik, die es mit dem Wirklichen, und von der Logik, die es mit jenen Formen zu thun hat, durch welche unser Denken Anspruch auf Richtigkeit und Gültigkeit erwirbt, von den Formen handelt, durch welche ein beliebiger Vorstellungsinhalt, sei er nun das Abbild einer Wirklichkeit oder lediglich Erfindung, Anspruch auf Gefallen oder Mißfallen erlangt. Während es sich nämlich beim Wahren vor allem um die Sache handelt, mit welcher das Bild im Gedanken entweder wirklich stimmt, oder doch stimmen kann oder muß, handelt es sich beim Schönen, wie das Beispiel der Dichtung und des Märchens lehrt, zunächst um ein bloßes Bild, welches durch Realität zwar an Wahrheit, nicht aber an Schönheit gewinnen kann. Daher ist die Ä. weder mit der Kunstgeschichte Eins, welche als rein historische Wissenschaft das von Menschenhand hervorgebrachte