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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ästhetik

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Ästhetik.

wirkliche Schöne in seiner Zeitfolge darstellt, noch mit atheistischer oder theistischer Metaphysik zu verwechseln, welche statt der wesentlichen Formen der Schönheit deren Werden ins Auge faßt. Da sich nun an jedem Bild Form und Stoff unterscheiden und jene abgesondert von diesem sich betrachten, wenngleich nicht thatsächlich von demselben trennen läßt, so kann der Grund des Gefallens oder Mißfallens des Bildes bald in dessen Form (formale), bald in dessen Materie (materiale Ä.) für sich gesucht werden. Geläufige Erfahrungen, wie die, daß dieselben Tonempfindungen in gewisser Aufeinanderfolge ein melodisches, in einer andern ein häßliches Tonbild ergeben, entscheiden für das erstere. Der Grund des ästhetischen Gefallens oder Mißfallens eines Vorstellungsbildes darf nicht in dessen unverbundenen Teilen (der Materie), sondern muß in deren Verbindung zu einem Ganzen (in der Form) gesucht werden. Daraus folgt von selbst, daß bei einem einfachen Vorstellungsbild, wie z. B. bei dem des mathematischen Punktes im Raum, bei einfachen Gesichts- und Gehörsempfindungen, von Gefallen oder Mißfallen nicht die Rede sein kann. In der That hat das Vorbild exakter Ä., die musikalische Harmonielehre, nicht sowohl die einzelnen Töne als vielmehr ihre Verbindung zu wohlgefälligen oder mißfälligen Tonganzen niederer und höherer Ordnung, harmonische und disharmonische Tonverhältnisse (Akkorde etc.), zum Gegenstand. Aufgabe ist nun, von dem Fundamentalsatz ausgehend, daß alles, was überhaupt gefällt oder mißfällt, nur durch seine Form gefalle oder mißfalle, diejenigen Formen, welche, für sich unbedingt bei- oder mißfällig, jedem wie immer beschaffenen Stoff, an dem sie sich finden, die gleiche Eigenschaft mitteilen, in erschöpfender Vollständigkeit aufzuzählen. Ihr Gelingen hängt davon ab, ob diese Formen, welche zugleich jeder auf Realisierung des unbedingt Beifälligen gerichteten (Kunst-) Thätigkeit als Normen dienen, empirisch induziert werden müssen (experimentale Ä., Fechner) oder apriorisch deduziert werden können. Ersteres würde niemals, letzteres muß zu einer geschlossenen Reihe führen. Schlägt man letztern Weg ein, so zeigt sich, daß die Teile des Vorstellungsbildes, da sie als solche selbst wieder Vorstellungen sind, nur entweder ihrer Stärke (Quantität) oder ihrem Inhalt (Qualität) nach ein Verhältnis zu einander haben, daß sie nur durcheinander meßbar oder miteinander vergleichbar sein können. Verfolgt man jenen Gesichtspunkt, so ergibt sich die ästhetische Quantitätsform; verfolgt man diesen, so entspringen die ästhetischen Qualitätsformen. Vermöge der erstern gefällt das Starke (Große) neben dem Schwachen (Kleinen) und mißfällt dieses neben jenem; vermöge der letztern gefällt das dem Inhalt nach überwiegend Identische (Harmonische), mißfällt das dem Inhalt nach überwiegend Entgegengesetzte (Disharmonische). Ersteres überwiegen kann so weit gehen, daß es nicht weiter gehen darf, ohne zur völligen Einerleiheit des Harmonierenden zu werden, womit die Harmonie aufhören würde. Dieses Maximum der Identität tritt bei dem Verhältnis zwischen dem sonst wie immer beschaffenen Vor- und seinem getreuen Nachbild ein; die harmonische Qualitätsform geht für diesen Fall in die wohlgefällige Form des Charakteristischen über. Bleibt die Übereinstimmung hinter dem Maximum zurück, so daß wohl alle Teile des Bildes untereinander nahe verwandt sind, aber jeder jedem in gewissen Rücksichten entgegengesetzt ist, so führt die harmonische, wohlgefällige Qualitätsform den Namen des Einklanges. Die disharmonische Qualitätsform ist als solche mißfällig und weist, wo sie sich einstellt, auf eine notwendige Lösung hin. Erfolgt diese durch künstliche Unterschiebung eines andern an den Platz des mißfälligen Bildes, so ist zwar der Grund des Mißfallens beseitigt, die Eintracht (nicht Einklang!) hergestellt, das so verbesserte oder gänzlich erneuerte Bild korrekt; aber zugleich hat auch ein erkünsteltes Bild den Ort des wahren, Schein die Stelle des Seins eingenommen, und ein neuentstandenes Mißfallen, das an die Geltung des Scheins sich heftet, verschwindet nicht eher, als bis das wahre Bild restituiert, die Störung durch das ein- und untergeschobene ausgeglichen ist. Im ersten Fall geht die disharmonische Qualitätsform in die Form der Korrektheit, im zweiten in jene der Ausgleichung über, welche zugleich die der Bewegung und (wenigstens scheinbaren) verständigen Beseelung ist. Letztere wird für den Fall, daß das wiederhergestellte Bild selbst ein an sich wohlgefälliges sei und daher nach zu Ende gebrachtem Ausgleichungsprozeß kein neues Mißfallen sich einstelle, zur Form des abschließenden Ausgleichs, womit die Reihe der (möglichen) ästhetischen Grundformen endgültig erschöpft ist. Die Zusammenfassung derselben in ein der Form des Charakteristischen entsprechendes Nachbild eines die Formen der Vollkommenheit (Größe, Fülle, Ordnung), des Einklanges, der Korrektheit und des abschließenden Ausgleichs an sich tragenden Vorbildes erzeugt das Schöne.

Die Durchführung jeder einzelnen obiger Elementarformen innerhalb eines Gesamt- oder Totalbildes führt zu den abgeleiteten Formen des ästhetischen Reinheits-, Freiheits-, Einheits-, Wahrheits- und Vollkommenheitssystems, welche zusammengenommen ihrem gemeinsamen Träger den Stempel des Klassischen aufprägen. Jenem steht das mannigfaltige Häßliche, die Gegenteile der ästhetischen Grundformen, diesem das Romantische gegenüber, welches aus unvollendetem Vorstellen entspringt. Die Aufgabe der allgemeinen Ä. als "Morphologie des Schönen" erreicht mit dieser Aufzählung der Formen, an deren Vorhandensein an was immer für einem Stoff Gefallen und Mißfallen sich knüpfen, ihr Ende; die Form des Erhabenen, bei welchem das Vorstellen, der Unermeßlichkeit des Vorzustellenden wegen, sich in ein bloßes Streben vorzustellen verwandelt, greift schon über die Grenzen des rein Ästhetischen hinaus, innerhalb deren nur Meß- und Vergleichbares zu dulden ist; die Formen der Ironie, des Komischen, des Tragischen und des Humors finden erst bei der Erscheinung des Geistes für andre, die ersten beiden innerhalb des geselligen Vorstellens, letztere zwei innerhalb des geselligen Fühlens, ihre richtige Stelle. Zweck der sich an die allgemeine ästhetische Formenlehre anreihenden besondern ist es nun, durch Anwendung der allgemeinen Formen auf begrenzte Stoffgebiete (Natur, Geist, Vorstellen, Fühlen, Wollen) Bilder einer schönen Natur (Kosmos), eines schönen Geistes zu entwerfen, welche einer auf Verwirklichung des absolut Wohlgefälligen gerichteten Thätigkeit (der wirklichen Natur, dem wirklichen Geist) als Muster dienen können. Der Geist wird dabei zuerst als vereinzelter, nur sich selbst, hierauf als geselliger, auch andern erscheinender und zu dem letztern Zweck der realen Sinnenwelt als Verkörperungsmittel (Sprache) sich bedienender, in beiden Hinsichten als vorstellender, fühlender und wollender ins Auge gefaßt. Als ästhetisches Vorstellen ist er Phantasie (Schöngeist), als ebensolches