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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Athen

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Athen (Geschichte: Perikleisches Zeitalter).

Messenier in Naupaktos am Korinthischen Meerbusen ein fester Punkt gewonnen und Achaia zum Anschluß an den Athenischen Bund bewogen, der nun schon einen beträchtlichen Teil des griechischen Festlandes umfaßte. Gleichzeitig ward der Friede im Innern hergestellt, indem Kimon, 457 zurückberufen, die öffentlichen Angelegenheiten in Gemeinschaft mit Perikles leitete. Um für den Untergang des athenischen Heers in Ägypten Rache nehmen zu können, brachte Kimon 450 einen fünfjährigen Waffenstillstand mit Sparta zu stande und unternahm 449 mit 200 Schiffen einen Zug nach Kypros, auf dem er vor Kition seinen Tod fand; noch nach seinem Tod errangen die Athener einen Seesieg über die Perser bei Salamis, und obwohl sie die Eroberung von Kypros aufgeben mußten, trat doch jetzt eine längere Waffenruhe zwischen Griechenland und Persien ein, welche die Freiheit der griechischen Städte in Asien und die Sicherheit von Handel und Verkehr verbürgte.

Blüte Athens im Perikleischen Zeitalter.

A. stand auf dem Höhepunkt seiner Macht. Perikles trat jetzt allein an die Spitze des Staates, welchen er 20 Jahre lang mit fast monarchischer Gewalt leitete. Allerdings erlitt A. durch den Wiederausbruch der Feindseligkeiten mit seinen Gegnern in Griechenland erhebliche Verluste. Durch die Niederlage des Tolmides bei Koroneia 447 ging die Hegemonie über Böotien verloren, 445 fielen Euböa und Megara vom athenischen Bündnis ab, ein gleichzeitiger Einfall der Spartaner in Attika brachte den Staat in höchste Gefahr. Indes Perikles wußte die Spartaner zu einem 30jährigen Frieden zu bewegen, indem A. auf die Hegemonie zu Lande verzichtete, und beobachtete fortan, besonders Sparta gegenüber, eine friedliche Politik. Auf das letzte Ziel der athenischen Wünsche und Hoffnungen, die Herrschaft über ganz Griechenland, verzichtete er keineswegs, und es war ihm klar, daß es um diesen Preis noch zu einem großen Entscheidungskampf kommen müsse; aber er wollte denselben nicht provozieren und in der Friedenszeit A. stark für die Entscheidung machen. Zu diesem Zweck mußte die Seeherrschaft Athens erweitert und verstärkt werden, daher der Abfall von Bundesgenossen, wie der von Euböa und 440 der von Samos und Byzantion, energisch bestraft wurde. Durch Anlegung von Kolonien (wie Thurii in Unteritalien, Amphipolis an der Mündung des Strymon) wurde diese Herrschaft noch erweitert, attische Bürger wurden als Kleruchen auf Naxos, Andros, in der Chersones, an den Küsten des Schwarzen Meers angesiedelt; das aus inschriftlichen Urkunden zu ersehende Verzeichnis der zinspflichtigen Orte enthält über 260 Gemeinden, deren es im ganzen über 300 sein mochten. Über alle diese kleinern Städte und Staaten gebot A. unbeschränkt. Ein besonderes Augenmerk richtete Perikles auf die Finanzen, auf Anlegung eines großen Staatsschatzes. Der jährliche Tribut bestand in 600 Talenten (2,700,000 Mk.), konnte aber noch höher, möglicherweise aufs Doppelte, gesteigert werden. Andre beträchtliche Summen gingen ein durch die Zölle und Hafengelder, durch die Kopfsteuer der Metöken, durch die Erträge der Gold- und Silberbergwerke, namentlich an der thrakischen Küste, durch Pachtgelder etc., so daß zu Perikles' Zeit die Gesamteinnahme sich auf fast 5 Mill. Mk. belief, und daß trotz der kolossalen Ausgaben für Zwecke der Kunst und für die Besoldungen zu Anfang des Peloponnesischen Kriegs ein Staatsschatz von 6000 Talenten (ca. 30 Mill. Mk.) zur Verfügung stand. Eine Flotte von 300 Trieren war stets kriegsbereit; die Landmacht bestand aus 13,000 Hopliten, wozu 16,000 Hopliten Landwehr kamen. Und diese Macht war in den Händen einer Bürgerschaft, welche verhältnismäßig klein genannt werden kann. Ganz Attika zählte ca. 100,000 Seelen bürgerlicher Bevölkerung, wozu noch ca. 40,000 Metöken und ca. 400,000 Sklaven kamen.

Aber nicht bloß für politische und militärische Zwecke wurden Summen gesammelt und verwendet: was die Periode des Perikles so großartig, ja einzig in der Geschichte macht, ist der bewundernswürdige Aufschwung der Kunst in den verschiedensten Beziehungen. Vor allem ward die Burg Athens, die Akropolis, geschmückt mit den erhabensten Monumenten, dem Parthenon, dem Erechtheion, den Statuen der Athene, den Propyläen etc., wobei Künstler wie Pheidias, Iktinos, Kallikrates thätig waren. Aber auch sonst wurde die Stadt aufs reichste mit Kunstbauten ausgestattet, und daneben wurden Bauten zu Schutz und Sicherheit nicht versäumt. Die Verbindungsmauern zwischen Stadt und Hafen wurden um eine dritte vermehrt, die Befestigungen des Piräeus, Werften und Schiffshäuser erweitert. Kein Wunder, daß A. die erste Stadt der griechischen Welt, ein Sammelplatz und eine Bildungsschule von Hellas, in geistiger Beziehung seine Hauptstadt wurde. Die berühmtesten Philosophen und Künstler jener Zeit, wie Anaxagoras, Gorgias, Protagoras, Pheidias, Polygnotos u. a., hielten sich immer oder zeitweilig in A. auf; die Philosophie und Beredsamkeit entwickelten sich zur höchsten Blüte, namentlich aber fand die Poesie, zumal die dramatische, die edelsten Vertreter. Das Drama hatte von jeher in A. die sorgfältigste Pflege gefunden, aus anfänglich dürftigen Elementen wurde es durch Äschylos und noch mehr durch Perikles' Zeitgenossen Sophokles und Euripides auf seinen Höhepunkt erhoben. Diese Blüte fand eine wesentliche Unterstützung durch das Theatergeld, welches auch dem ärmern Bürger den Besuch der Aufführungen möglich machte, und durch die Liberalität, womit von seiten des Staates die Umzüge und Vorstellungen unterstützt wurden, wie denn für musische Zwecke auch das von Perikles erbaute Odeion bestimmt war. Nimmt man dazu, daß auch in materieller Beziehung aufs beste gesorgt war, daß durch Handel und Seefahrt, Industrie und Teilnahme an den öffentlichen Arbeiten Wohlstand und Fülle mehr und mehr sich verbreiteten, so kann man wohl diese (freilich kurze Zeit) als die schönste Periode der ganzen griechischen Geschichte bezeichnen. Bildungseifer und Schönheitssinn waren dem Ionier von Natur eigen, und diesen Anlagen kam die Staatsverwaltung des Perikles aufs liberalste entgegen.

Sturz Athens.

Aber freilich verbargen sich hinter diesen glänzenden Erscheinungen auch große Schäden und furchtbare Gefahren. Das von Natur zum Leichtsinn und Übermut geneigte Volk wurde durch seine Souveränität zu einer Selbstüberschätzung verleitet, welche sich den "Bundesgenossen" gegenüber in despotischer Unterdrückung zeigte; durch die Leichtigkeit des Lebens, welche durch die Besoldungen u. dgl. bewirkt wurde, griff die Lust zum Müßiggang mehr und mehr um sich. Die nächste Gefahr aber lag darin, daß keine Gewähr dafür vorhanden war, ob nach dem Tode des Perikles ein Nachfolger seine Stelle ausfüllen werde. In der That war es Perikles nicht vergönnt, unter den vielen talentvollen Zeitgenossen einen ebenbürtigen Nachfolger zu finden; daß aber das Volk nicht sittlich stark genug war, um auch