Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Athen

1004

Athen (Geschichte: Sturz, Kämpfe mit Makedonien).

ohne eine so sichere Lenkung auf dem rechten Weg zu bleiben, zeigte sich sofort während des Entscheidungskampfs mit Sparta, des Peloponnesischen Kriegs (s. d., 431-404), in den A. in einer Machtstellung eintrat, welche es wohl zur Hoffnung auf den Sieg und die Hegemonie über Hellas berechtigte. Der Ausbruch der Pest, welche den Kern der Bürgerschaft dahinraffte, und der Tod des Perikles (429), nach welchem der Demos von ehrgeizigen, gewissenlosen Demagogen, wie Kleon, sich leiten ließ, vereitelten diese Hoffnung. Es war deshalb ein weiser Schritt, daß Nikias 421 Frieden mit Sparta schloß, welcher, gewissenhaft gehalten, zwar wohl nicht überall die Ruhe hergestellt, aber A. doch einige Muße gewährt hätte, um frische Kräfte zu sammeln und den Kampf zu einer gelegenern Zeit mit Aussicht auf Erfolg aufzunehmen. Aber der verbrecherische Ehrgeiz des Alkibiades stürzte A. von neuem in kriegerische Verwickelungen und verleitete das leichtfertige, abenteuerlustige Volk zu der gewagten Unternehmung gegen Sizilien (415-413), deren Untergang Alkibiades selbst, als er durch die Ränke seiner Neider und Gegner verbannt war, hauptsächlich verschuldete, indem er aus Rachsucht den Spartanern die für die Athener verderblichsten Ratschläge gab. Die Vernichtung der Flotte und des Heers vor Syrakus knickte Athens Macht für immer: in dem zweiten Teil des Peloponnesischen Kriegs, der 413 mit der Besetzung von Dekeleia in Attika durch die Spartaner und der Errichtung einer spartanischen Flotte im Ägeischen Meer mit Hilfe der Perser, beides auf Alkibiades' Rat, begann, kämpfte A. nicht mehr um die Herrschaft über Griechenland, sondern nur noch um seine Existenz und mit immer geringerer Aussicht auf Erfolg, da der Seebund durch den Abfall der meisten Städte und Inseln sich aufzulösen drohte und im Innern die geheimen Umtriebe der Hetärien (politischen Klubs) Unfrieden säeten, das Volk verwirrten und alle schlechten Leidenschaften entfesselten. Der Hermokopidenprozeß (s. d.) hielt A. mehrere Jahre lang in fieberhafter Aufregung. Den Ranken ehrgeiziger Parteihäupter, welche in der Errichtung einer oligarchischen Regierung Macht und Vorteil zu erlangen hofften, gelang es 411 sogar, die Solonische Verfassung auf kurze Zeit zu stürzen.

Die Zurückberufung des Alkibiades durch die Flotte, mit welcher er 410-408 im Hellespont und in der Propontis glänzende Siege über die Spartaner erfocht, und seine Ernennung zum alleinigen Oberfeldherrn schienen das Glück wieder zu gunsten Athens wenden zu wollen. Aber das Volk wurde so von gewissenlosen Demagogen beherrscht, daß es diesen hochbegabten Mann, der nun wirklich alles aufbot, um sein Vaterland zu retten, 407 von neuem von sich stieß und sogar 406 die Strategen, welche die Schlacht bei den Arginusischen Inseln gewonnen hatten, unter leeren Beschuldigungen zum Tod verurteilte. Die Parteileidenschaft und Selbstsucht hatten patriotische Hingebung und Vaterlandsliebe schon so in den Gemütern ertötet, daß Theramenes und andre oligarchische Parteiführer sich nicht scheuten, als A. nach Vernichtung seiner letzten Flotte 405-404 von den Spartanern zu Wasser und zu Lande belagert wurde, selbst einen heldenmütigen Widerstand durch hinhaltende Verhandlungen zu verhindern und A. endlich wehrlos dem Sieger zu überliefern. Daß A. nicht völlig zerstört und seine Einwohner nicht teils getötet, teils in die Sklaverei verkauft wurden, wie es die Athener 416 mit Melos gemacht hatten, und wie jetzt die Korinther und Thebaner verlangten, hatte es nur der Gnade Spartas zu danken, welches sich begnügte, durch die härtesten Bedingungen A. zu einem machtlosen Staat herabzudrücken. Die Festungsmauern des Piräeus und die Verbindungsmauern mußten geschleift, alle Kriegsschiffe bis auf zwölf ausgeliefert, der Seebund aufgelöst werden, und die Athener sollten des Aufgebots der Spartaner zu Wasser und zu Lande stets gewärtig sein. Zugleich wurde ein oligarchisches Regiment, um eine neue Verfassung einzurichten, eingesetzt, die sogen. Dreißig Tyrannen, an deren Spitze Kritias und Theramenes standen. Erst nachdem diese Gewaltherrscher die schwersten Leiden über die Stadt gebracht, wurden sie von den Flüchtlingen unter Thrasybulos 403 gestürzt und unter dem Archontat des Eukleides die demokratische Verfassung in etwas gemäßigter Form wiederhergestellt, wobei auch der Areopag sein früheres Aufsichtsrecht zurückerhielt. Denn da die Ausschreitungen der zügellosen Demokratie, die Geringschätzung und Verspottung der alten Religion und der staatlichen Ordnung, die Verachtung der alten strengen Sitte das Unglück hauptsächlich heraufbeschworen hatten, so glaubten die Wiederhersteller des athenischen Staates eine Wiedergeburt desselben am sichersten durch Rückkehr zu den alten Ordnungen, durch eine gründliche Reaktion, welcher auch Sokrates 399 zum Opfer fiel, erreichen zu können, ohne zu bedenken, daß der Geist der Eintracht und der Ehrfurcht, der die alten Ordnungen erfüllte, nicht durch Gesetze zurückgerufen werden konnte.

Kämpfe mit Makedonien.

Die äußere Macht Athens war für immer vernichtet, es fehlte an allem, an Geld, an Schiffen, an Mannschaft; Attika hatte durch die beständigen Einfälle der Feinde entsetzlich gelitten, ein großer Teil der Bürgerschaft war verarmt, die äußern Hilfsquellen versiegt, ja die Bevölkerung durch die großen Menschenverluste eine andre geworden, das alte Selbstbewußtsein war nicht mehr vorhanden. Was das politische Leben betrifft, so sind es jetzt nicht mehr die großen Pläne und Ziele der frühern Zeit, welche das athenische Volk und seine Staatsmänner bewegen, es ist vielmehr ein Leben von einem Tag zum andern, und obwohl (auch abgesehen von Demosthenes) noch manch bedeutender Mann auftrat (wie es denn an tüchtigen Anführern zu Lande und zur See nicht fehlte), so war die Masse doch zu geneigt, sich von Demagogen zu einem bequemen Nichtsthun verführen zu lassen, wozu namentlich die Besoldungen und das stehend gewordene Theatergeld sowie die Verwendung von Söldnern für den Kriegsdienst beitrugen. Indessen kam A. der Zwist zu gute, in den Sparta durch sein Streben nach der Hegemonie mit seinen alten Bundesgenossen geriet, und verschaffte ihm Gelegenheit, von der spartanischen Herrschaft sich loszumachen. Im Korinthischen Krieg (395) schloß sich A. auf persischen Antrieb an Theben und Korinth gegen Sparta an, und es hatte den wichtigen Vorteil davon, daß Konon nach Vernichtung der spartanischen Flotte bei Knidos (394) mit persischem Gelde die Mauern Athens nebst den Befestigungen des Piräeus und den Verbindungsmauern wiederherstellen konnte. Auch im Antalkidischen Frieden (387) behielten die Athener wenigstens Lemnos, Imbros und Skyros. Die darauf folgenden Feindseligkeiten zwischen Theben und Sparta machten es den Athenern möglich, wieder eine bedeutendere Stellung zu erlangen. Indem sie sich, gereizt durch den Handstreich, wodurch der spartanische Feldherr Sphodrias den Piräeus