Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Athen (Geschichte: Mittelalter, Neuzeit).

dates, worauf dessen Feldherr Archelaos die Stadt zum Mittelpunkt seiner Operationen machte. Allein Sulla eroberte nach längerer, schreckensvoller Belagerung 87 Stadt und Hafen, zerstörte alle Mauern und Befestigungen, Werften und Arsenale und vernichtete dadurch den Wohlstand Athens auf lange Zeit. In den Bürgerkriegen hatte übrigens A. seiner ruhmvollen Vorzeit eine schonende Behandlung zu verdanken: weder Cäsar strafte die Stadt für ihre Verbindung mit Pompejus, noch Antonius für die mit Brutus und Cassius, und Augustus begnügte sich nach dem Sturz des von den Athenern hochgefeierten Antonius damit, Eretria und Ägina von A. loszutrennen. So ging die politische Bedeutung Athens ganz verloren, und nur als hohe Schule der Beredsamkeit und Philosophie hatte die Stadt Ansehen und Erwerb. Eben weil die heidnische Philosophie dort ihren Mittelpunkt hatte, fand die Predigt des Apostels Paulus (52) wenig Beifall. Dagegen kam eine neue Glanzzeit (als matter Schatten der einstigen) durch den Kaiser Hadrian. Dieser nahm wiederholt einen längern Aufenthalt daselbst, gab den Athenern Cephalonia, schmückte die Stadt durch Bauten, vollendete den Tempel des olympischen Zeus und ließ den Bildungsanstalten jegliche Förderung angedeihen, wofür er von den Athenern wie ein Gott verehrt wurde. Auch die folgenden Kaiser waren der Stadt gewogen und wiesen z. B. den Lehrern Besoldungen aus der kaiserlichen Kasse an. Um die Zeit Hadrians lebte zu. A. der Rhetor Herodes Atticus, welcher seinen Reichtum zur Verschönerung der Stadt verwendete und unter anderm das einst mit Zedernholz bedeckte Theater, das Odeion, baute, welches in neuester Zeit wieder ausgegraben worden ist. Im J. 267 n. Chr. wurde A. von den Goten eingenommen, welche von dem Athener Dexippos wieder vertrieben wurden. Als 395 die Stadt durch Kapitulation in Alarichs Hände fiel, benahm sich dieser schonend.

Athen im Mittelalter. Türkenherrschaft. Neuzeit.

So genoß A. noch eine Zeitlang, zehrend am alten Ruhm und noch immer besucht, als Sitz der heidnischen Wissenschaft einer gewissen Bedeutung, bis der Kaiser Justinian I. 529 die Universität schloß und die für die Unterhaltung derselben bestimmten Gelder einzog. Von da an verschwindet die Stadt längere Zeit förmlich aus der Geschichte, was zu der Behauptung (Fallmerayers) geführt hat, ganz Attika sei ca. 400 Jahre lang eine menschenleere Wüste gewesen. Dies ist nun zwar durch neuere Untersuchungen widerlegt worden, aber jedenfalls entbehrte A. in dieser Zeit jeder Bedeutung; von slawischen, namentlich bulgarischen, Horden bedrängt, beschränkte sich auch die räumliche Ausdehnung mehr und mehr. Erst seit dem 13. Jahrh. tritt die Stadt wieder aus diesem Dunkel hervor. Nun wurde aus Anlaß der Gründung des sogen. lateinischen Kaisertums in Byzanz auch in A. ein lateinisches Fürstentum gestiftet. Nachdem der Versuch des Statthalters von Nauplia, Leon Sguros, aus Argos, Korinth, A. und andern Städten eine Herrschaft zu bilden, an dem tapfern Widerstand Athens gescheitert war, kam die Stadt unter die Herrschaft des burgundischen Ritters Otto de la Roche, welcher ein Lehnsmann des Königs von Thessalonich und des Kaisers blieb. Sein Haus regierte im ganzen wohlthätig bis 1311, worauf nach kurzer Regierung Walthers von Brienne und Rogers von Roussillon 1326 die Herrschaft an die sizilische Linie des aragonischen Königshauses fiel. Im J. 1386 aber wurde das Land von dem Florentiner Nerio Acciajuoli erobert, der bisher in Achaia geherrscht hatte und seit 1394 als Herzog von A. eine neue Dynastie begründete, unter welcher Attika und Böotien sich wohl befanden, anfangs unter venezianischer, dann unter türkischer Oberhoheit. Nach dem Tode des Herzogs Antonio Acciajuoli 1435 brachen, besonders durch die buhlerische Herzogin-Mutter hervorgerufen, innere Streitigkeiten aus, welche zuletzt den Eroberer von Konstantinopel, Mohammed II., veranlaßten, durch seinen Feldherrn Omar dem athenischen Herzogtum ein Ende zu machen. Der letzte Herzog, Franco Acciajuoli, wurde 1460 auf Befehl des Sultans ermordet. Aus den Kirchen wurden Moscheen, die Akropolis erhielt eine türkische Besatzung. Verhängnisvoll wurde für die Baudenkmäler Athens das Jahr 1687. In dem Krieg, welchen Venedig im Bund mit Rom, dem Kaiser und Polen gegen die Türken 1684-88 führte, belagerte der venezianische Feldherr Morosini mit General Königsmark die Stadt; 26. Sept. 1687 fiel eine Bombe in den Parthenon, wodurch die darin aufgehäufte Munition sich entzündete; die Explosion zerstörte zwei Drittel des Monuments. Der Tempel der Nike war schon vorher von den Türken abgebrochen worden, und die Ungeschicklichkeit der Venezianer, welche manche Stücke mitnehmen wollten, verdarb noch mehr; nur die marmornen Löwen wurden nach Venedig gebracht, sie stehen jetzt vor dem dortigen Arsenal. Die Venezianer konnten übrigens A. nur bis 4. April 1688 behaupten.

Bis zu der griechischen Revolution war aller größere Landbesitz in Attika in den Händen der vornehmen Türken, die gewöhnlich in der Stadt wohnten; die Mehrzahl der geringern Bürger besaß nur Gärten in den nächsten Dörfern und Olivenbäume. Ackerbau und Viehzucht waren die Haupterwerbszweige und lieferten die wenigen Artikel der geringen Ausfuhr, namentlich Öl, Wolle, Käse und Honig. Die Bauart der Stadt war nach und nach die türkische geworden. A. hatte meist zwei-, zum Teil dreistöckige Häuser mit vorspringenden Erkern, wenig Fenstern nach der Straße, aber bequem eingerichtetem und selbst mitunter luxuriös ausgestattetem Innern, offenen, oft von antiken Marmorsäulen getragenen Hallen und langen, vorn offenen Galerien im obern Geschoß. An den Häusern waren Gärten mit Cypressen, Weinlauben, Orangen- und Zitronenbäumen; überall gab es fließendes Wasser, häufig Springbrunnen. Dabei waren die Straßen freilich eng und krumm und wegen der hohen Häuser und der hohen Gartenmauern finster und unfreundlich. Nach außen war die Stadt mit einer Mauer umgeben, die 1772 gegen die damaligen Raubzüge der Albanesen in der größten Eile binnen wenigen Wochen und leider auf Kosten mehrerer bis dahin noch erhaltener Denkmäler des Altertums, z. B. der Wasserleitung des Hadrian und Antonin, des ionischen Tempels am Ilissos etc., aufgeführt worden war. Als Festung galt A. nur durch seine Akropolis, die, mit bedeutenden Überresten ihrer alten Mauern umgeben und von den Türken seit dem letzten venezianischen Krieg wiederholt durch neue Werke und Bastionen verstärkt, mit einigem Geschütz und einer schwachen türkischen Besatzung unter einem besondern Kommandanten armiert war. Diese Werke wurden zum großen Teil aus den Materialien antiker Bauwerke aufgeführt (der zierliche Tempel der Athene Nike mußte zur Anlage einer Bastion dienen), und auch sonst vernichtete rohe Zerstörungswut die alten Kunstdenkmäler. Der Parthenon erlitt bei dem Bombardement durch die Vene-^[folgende Seite]