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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ätna

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Ätna.

noch in 1100 m Höhe fortkommt. Die Umzäunungen sind gebildet von Opuntien (Opuntia Ficus indica), deren Früchte drei Monate im Jahr die Bevölkerung vorwiegend nähren; sie dienen auch dazu, die Lavaströme allmählich wieder der Kultur zugänglich zu machen. Getreidebau ist weniger ausgedehnt und namentlich an den untern Gehängen unbedeutend. Die angebaute Region verbreitert sich beständig auf Kosten des Waldgürtels, welcher, häufig von dunkeln Lavaströmen durchbrochen und mit Aschenfeldern wechselnd, sich zwischen 1000 und 2000 m Höhe ausdehnt. Nur Weinpflanzungen und Roggenfelder kommen hier noch vor, und die Verwüstung der Wälder ist namentlich im 19. Jahrh. rapid fortgeschritten. Es folgen im allgemeinen aufeinander: Kastanien (900 bis 1300 m), darauf Kastanien und Eichen, dann Lariciokiefern, Birken, Ahorne und Buchen, welche von 1900 m an in Zwergformen übergehen. Die Eichenwälder sind am Südhang fast ganz verschwunden, die Kastanienwälder sehr zusammengeschrumpft; von der Produktionskraft der Natur auf diesem Boden zeugen aber die Überreste der gewaltigen Stämme des Castagno di cento cavalli und des Castagno della nave. Unterholz und niedere grüne Pflanzen fehlen in diesen Wäldern fast völlig, nur Adlerfarn findet sich in ungeheurer Menge. Bei 2000 m beginnt die Regione deserta, eine einsame Wüste von Lavaströmen und schwarzen Aschenfeldern, auf denen niedriges, rasenartiges Gestrüpp sich verbreitet und im Sommer noch dürftig umherirrende Schafherden nährt. Alpine Pflanzen sucht man vergebens, und die für die höhern Regionen des Ä. charakteristische Pflanzenarmut erreicht hier ihr Maximum: von 2000 m an sind nur noch 50 Pflanzenarten nachgewiesen, bei 2500 m nur noch 11, bei 3000 m ist es nur noch eine.

Gewöhnlich besteigt man den Ä. von Catania aus. Man rastet des Nachts in dem sogen. Englischen Haus, einem von Mario Gemmellaro, dem hochverdienten Ätnaforscher, mit Unterstützung englischer Offiziere 1811 errichteten Gebäude, nur noch 370 m unter dem Krater. Hier beginnt der Aschenkegel, der von Eis und Schnee vollkommen frei ist, eine Wirkung der heißen vulkanischen Dünste, welche aus allen seinen Poren dringen. Von dem obersten, wenige Schritte breiten Rande des Kraters erblickt man tief unten den eigentlichen Schlund. Der Krater verengert sich trichterförmig und ist mit Schwefel wie überzogen. Die Aussicht vom Gipfel des Ä. ist unvergleichlich. Man überblickt drei Vierteile Siziliens, die Liparischen Inseln mit dem dunkeln, rauchenden Stromboli, die Meerenge von Messina und jenseit derselben Kalabrien mit seinen an 2000 m hohen Bergen. Ringsum liegen drei Meere, das Tyrrhenische, Ionische und das Afrikanische, im fernen Süden Malta als kleiner schwarzer Punkt. In unermeßlicher Ausdehnung schreitet des Morgens und des Abends der ungeheure Schlagschatten des Bergs um ihn herum, und während die eine Seite desselben schon im Sonnenlicht glänzt, ruht die andre noch in tiefem Dunkel.

Der Riesenberg selbst verändert im Lauf des Jahrs einigemal sein Kleid. Im März trägt er noch das Wintergewand, während um ihn herum all Ebenen und Hügel im schönsten Frühlingsschmuck prangen. Erst im Juli und August erscheint der Berg mit seiner Sommertracht angethan. Der Wald prangt in frischem Grün, aber der Blumengürtel um den Fuß des Riesen ist verdorrt unter den sengenden Strahlen der Sonne, denen nur die immergrünen Bäume und Sträucher mit ihren harten, glänzenden Blättern sowie die saftreichen Opuntien und Agaven Trotz bieten. Die zunächst unter dem Aschenkegel liegende kahle Region bedeckt Eis, das hier vielleicht schon seit Jahrtausenden ruht, nicht schmilzt und wegen seiner außerordentlichen Dauerhaftigkeit einen bedeutenden Ausfuhrartikel nach Italien, Griechenland, der Türkei und Afrika bildet; es wird vom Bischof von Catania für eine namhafte Summe (meist an Marseiller Kaufleute) verpachtet. Die Lavaströme des Ä. verhalten sich hinsichtlich ihrer Mächtigkeit zu denen des Vesuvs wie gewaltige Ströme zu unbedeutenden Flüssen. Schon aus weiter Ferne erkennt man die jüngern, und bei Catania, namentlich längs des Gestades, gleichen sie einem unabsehbaren Meer mit erstarrten Wellen.

Der Ä. gehört erst mit Beginn der geologischen Gegenwart zu den jüngsten Bildungen der Insel Sizilien; er begann seinen Kegel zuerst unterseeisch in einer weiten Bucht aufzubauen, welche tief in die Ostseite Siziliens eindrang. Sein absolutes Alter ist zu nur 50,000 Jahren geschätzt worden, und da im Mittel der letzten drei Jahrhunderte auf ungefähr je zehn Jahre ein Ausbruch kommt, so würden also ca. 5000 Ausbrüche diesen gewaltigen Kegel, dessen Volumen man zu 2,08 geogr. Kubikmeilen berechnet hat, und der den Vesuv um das 20fache übertrifft, aufgebaut haben. Die ältesten, von Diodor historisch beglaubigten Ausbrüche mögen etwa ein Jahrtausend vor unsre Zeitrechnung hinausreichen. Der älteste, gut bezeugte fällt in das Jahr 693 v. Chr., und in griechischer und römischer Zeit sind wir überhaupt weit besser über die Eruptionen unterrichtet als in der ersten Hälfte des Mittelalters. Erst seit dem 12. Jahrh. haben wir wieder bessere Berichte. Einer der gewaltigsten Ausbrüche war der vom 4. Febr. 1169, an welchem Tag zugleich ein Erdbeben Sizilien und Kalabrien erschütterte; weitere namhafte Ausbrüche fanden 1329, 1536, 1537 statt; das 17. Jahrh. war aber an furchtbaren Ausbrüchen reicher als irgend ein andres, von 1603 bis 1620 war der Berg fast in beständiger Thätigkeit, und 1669 erfolgte die bedeutendste und zerstörendste aller bisher vorgekommenen Eruptionen. Erbeben der Erde, unterirdischer Donner, schwarze Rauch- und Aschenwolken aus dem Zentralkrater kündigten dieselbe seit den ersten Tagen des März an, und diese Erscheinungen steigerten sich von Tag zu Tag, bis 11. März sich ein Spalt mit mehreren Schlünden bildete, auf deren einem die Monti Rossi aufgetürmt wurden, welche gewaltige Lavamassen auszuspeien begannen. Diese vernichteten zunächst das Dorf Guardia, dann die Stadt Malpasso, die 8000 Einw. hatte, sowie zahlreiche andre Städte und Dörfer und wälzten sich gegen Catania. Am 26. März stürzte unter furchtbarem Erdbeben der Gipfel des Ä. zusammen. Seit 2. April war die Lava schon bis an die Mauern von Catania gekommen und um dieselben herum ins Meer geflossen; am 30. April durchbrach sie die Mauern und drang in die Stadt ein, deren westliche und südliche Teile zerstört wurden. Ein Teil des Hafens wurde ausgefüllt, die Küste weit vorgeschoben. Erst im Juli, nach 3½monatlicher Thätigkeit, erlosch der Vulkan. Ein Lavastrom von 15 m Mächtigkeit, 50 qkm bedeckend und von einem Volumen von 980 Mill. cbm, war zurückgeblieben; zwölf Städte und Dörfer waren ganz oder teilweise durch die Lava, sechs andre durch die Erdbeben zerstört. Im 18. Jahrh. sind namhafte Ausbrüche die von 1763, 1787 und 1792, im 19. die von 1809, 1819, 1852 und namentlich 1865, der letzte fand 1879 statt. Gut bezeugt und in Einzelheiten geschildert sind uns 98 von sehr verschiedener Dauer,