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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Augenkatarrh; Augenkrankheiten

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Augenkatarrh - Augenkrankheiten.

Blinden und Gläubigen ihre Dienste an. Dies Unwesen der Starstecherkunst herrschte während des 16.-17. Jahrh. fast durch ganz Europa. Erst im 18. Jahrh. begann man, wieder einige Aufmerksamkeit auf die A. zu verwenden; hier und da fingen Ärzte von neuem an, den Krankheiten des Auges eine besondere Berücksichtigung zu schenken. Maître-Jean in Frankreich war einer der ersten, welche manchen glücklichen Kunstgriff in der Kur der Augenkrankheiten ausübten. Boerhave erwarb sich das große Verdienst, die Augenkrankheiten systematisch geordnet und beschrieben und auf eine rationellere Weise abgehandelt zu haben. In Frankreich machte die A. erfreulichere Fortschritte, erhielt aber bald eine zu mechanische Tendenz, und es waren vorzüglich die Augenoperationen, welche später die französischen Ärzte beschäftigten. In Deutschland blieb die A. lange zurück; Bartisch, Schurig, Widemann waren mehr Augenoperateure als Augenärzte; auch wurde Deutschland bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts von italienischen und französischen Ärzten durchzogen, welche im Lande den Star stachen. Wenngleich indes Deutschlands Genius erst spät für diesen Zweig der Heilkunde erwachte, so war er es doch gerade, der ihn auf einen dieser Doktrin würdigen Standpunkt erhoben hat. Barth in Wien, der Lehrer Beers, Ad. Schmidts, Lefébures und vieler andrer ausgezeichneter Männer, und Richter in Göttingen gaben hierzu den ersten Impuls; der letztere gab die A. wieder der Medizin, als einen ihr integrierenden Teil, und das Studium und die Pflege derselben den Ärzten zurück. Richters Beispiel folgten Conradi, Kortum, Arnemann u. a.; ganz vorzüglich aber waren es J. A. ^[Johann Adam] Schmidt, Himly und Beer, welche zum Aufblühen der A. in Deutschland thätig und erfolgreich wirkten. In Göttingen wurde unter Richters Leitung eine Augenklinik errichtet, nach deren Vorbild ähnliche Anstalten fast aus allen wichtigern Universitäten Deutschlands ins Leben traten. Indes ward in diesen Anstalten die A. als ein der Chirurgie untergeordneter Zweig betrachtet und behandelt. Die erste ausschließlich für A. bestimmte Klinik entstand durch Beers Bemühungen in Wien. Später erhielt Wien eine zweite Augenklinik unter Jägers Leitung. Gegenwärtig fehlt es in keiner der größern Städte Deutschlands an einer besondern Heilanstalt für Augenkranke, und namentlich bestehen an allen, auch den kleinern deutschen Universitäten Lehrstühle und klinische Anstalten, in welchen die Studierenden der Medizin mit der praktischen A. vertraut gemacht werden. Auch in das Regulativ von 1872 für die Staatsprüfung ist die A. als Prüfungsgegenstand aufgenommen worden. Ähnliches gilt, wenn auch nicht ganz in dem gleichen Umfang, von England, Frankreich und Italien. Die staunenswerten Fortschritte, welche die A. in den beiden letzten Jahrzehnten gemacht hat, verdankt sie hauptsächlich den Physiologen, welche sich eingehender mit der Physik des Auges beschäftigten. Denn die Kenntnis einer Reihe innerer Augenkrankheiten war bis auf einen Punkt angekommen, wo für längere Zeit hinaus eine Grenze für deren weitere Ausbildung gesteckt zu sein schien. Da machte Helmholtz 1851 die hochwichtige Erfindung des Augenspiegels (s. d.), und damit war das Mittel gefunden, die bis jetzt so dunkeln krankhaften Veränderungen der tiefern Augengebilde (der brechenden Medien und der Netzhaut) genau zu erkennen und diejenigen Heilwege zu finden, welche dem jeweiligen, nun viel strenger unterscheidbaren Leiden entsprechen. Mit der Ausbildung des physiologischen Teils der A., an welcher neben Helmholtz namentlich noch Donders in Utrecht den rühmlichsten und fruchtbarsten Anteil genommen hat, ist auch die Forschung auf dem Gebiet der mikroskopischen und pathologischen Anatomie des Auges Hand in Hand gegangen und wesentlich gefördert worden. Nicht geringere Fortschritte hat der eigentlich kurative, zumal der operative, Teil der A. gemacht. Die Technik der Augenoperation hat eine hohe Vollendung erreicht, zahlreiche neue Operationsweisen und mehrere neue wertvolle Arzneimittel sind in die Praxis der A. eingeführt worden. Der hervorragendste Repräsentant der A. in allen ihren Richtungen war Albrecht v. Gräfe in Berlin (gest. 1870), der Erfinder mehrerer das Augenlicht erhaltender und sogar lebensrettender Operationen. Neben ihm sind zu nennen: Stellwag von Carion und Arlt in Wien, Coccius in Leipzig, Mooren in Düsseldorf, Gräfe in Halle, Pagenstecher in Wiesbaden, Bowman und Liebreich in London, Knapp in New York u. a. Von den in Deutschland gegenwärtig gangbarsten Lehrbüchern der A. sind zu nennen: die von Stellwag v. Carion (5. Aufl., Wien 1882), Schweigger (4. Aufl., Berl. 1880), Schelske (das. 1870-74, 2 Bde.), Schauenburg (6. Aufl., Braunschweig 1873), Hersing (4. Aufl., Stuttg. 1884), Meyer (3. Aufl., Berl. 1883) u. a. Vgl. Hirsch, Geschichte der Augenheilkunde (Leipz. 1877); Cohn, Vorarbeiten für eine Geographie der Augenkrankheiten (Jena 1874).

Augenkatarrh, s. Augenentzündung.

Augenkrankheiten (hierzu Tafel "Augenkrankheiten"). Der komplizierte Bau des Auges, die Ernährungseigentümlichkeiten der einzelnen Gewebe, die Lage und die außerordentlich hohen und mit dem Fortschreiten der Kultur stets wachsenden Ansprüche an die Arbeit des Organs veranlassen die mannigfaltigsten Störungen. Nach Ruetes Beobachtungen sollen Männer öfter von A. befallen werden als Frauen, auch soll sich bei Individuen mit weißem Teint, hellem Haar und blauer Iris eine größere Anlage herausgestellt haben als bei dunkel Gefärbten. Das Lebensalter zwischen der Geburt und dem zehnten Lebensjahr soll am meisten zu Augenleiden disponieren, und zwar sind die Kinder am häufigsten zu entzündlichen Affektionen des Auges geneigt, welche Disposition später abnimmt, aber zur Zeit der Geschlechtsentwickelung wieder wächst. Vom 20.-50. Lebensjahr ist die Disposition zu A. gering; von da an nimmt sie aber wieder zu, indem jetzt die Linsentrübungen häufiger werden; vom 70.-90. Jahr aber sinkt dieselbe auf Null herab. Die ältern Ärzte waren vielfach der Ansicht, daß gewisse Krankheiten des Gesamtorganismus sich mit Vorliebe am Auge gleichsam lokalisierten. Sie sahen deshalb in den meisten A. nur den Ausdruck eines Allgemeinleidens, und demgemäß kämpften sie gegen das letztere an in der Meinung, mit dem präsumtiven Allgemeinleiden werde auch die Augenkrankheit verschwinden. Ja, man fürchtete sogar, durch Beseitigung des Augenleidens könnte ein allgemeines Leiden, eine Krankheit an innern Organen, hervorgerufen oder eine schon bestehende Krankheit gesteigert werden. Diese Ansichten sind im allgemeinen zwar irrig, aber doch gibt es Krankheiten, welche an keinem andern Organ mit der Bestimmtheit erkannt werden können wie am Auge, so daß z. B. eine allgemeine akute Miliartuberkulose oft nur dadurch von einigen in Frage kommenden fieberhaften Krankheiten unterschieden werden kann, daß der Augenspiegel die Knötchen in der Aderhaut direkt erkennen läßt,