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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ausleerende Methode; Auslegung; Auslese; Auslieferung von Verbrechern; Auslieferungsscheine

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Ausleerende Methode - Auslieferung von Verbrechern.

noch in Gefäß 1. Hat das Gefäß 2 viermal reines Wasser empfangen, so wird es ebenfalls entleert, mit frischer Substanz beschickt, und während nun das reine Wasser in Gefäß 3 fließt, gelangt die Lauge zuletzt aus Gefäß 1 in Gefäß 2. In dieser Weise fährt man fort und erreicht damit, daß das reine Wasser stets auf fast erschöpfte Substanz fließt und diese vollständig auswäscht, während sich die schon ziemlich konzentrierte Lauge zuletzt bei Berührung mit frischer Substanz vollständig mit löslichen Teilen sättigt. Diese Methode wird auch in der Weise ausgeführt, daß man die auszulaugende Substanz in Sieb- oder Drahtkörbe packt und diese aus einem Gefäß in das andre hebt, während sich die Flüssigkeit in entgegengesetzter Richtung durch die terrassenförmig aufgestellten Gefäße bewegt, indem in das obere Gefäß reines Wasser einfließt und der konzentrierte Auszug aus dem untersten Gefäß abfließt.

Zum Extrahieren von Vegetabilien wendet man häufig die Deplacierungs- oder Verdrängungsmethode an. Man benutzt hierzu ein thönernes, innen glasiertes Gefäß, welches etwa die Form eines Zuckerhuts besitzt, stellt dasselbe mit der Spitze nach unten in ein geeignetes Gestell, verschließt die untere Öffnung, füllt das Gefäß mit der zerkleinerten Substanz, übergießt diese mit Wasser und überläßt den Apparat einige Zeit der Ruhe. Dann zieht man den ersten Auszug durch die Öffnung in der Spitze des Gefäßes ab, gießt von neuem Wasser auf und wäscht, nachdem auch dieses nach längerer Einwirkung abgezogen ist, die extrahierte Substanz durch gleichmäßiges Ausgießen von Wasser so lange aus, bis die abfließende Flüssigkeit nur noch wenig gefärbt ist. Statt des Thongefäßes wendet man auch ein Faß an, welches nahe über dem Boden mit einem Hahn versehen ist und über diesem einen Siebboden enthält, auf welchen die zu extrahierende Substanz geschüttet wird. Bedeckt man dieses Faß oder das Thongefäß mit einem am Rand luftdicht schließenden Deckel, aus dessen Mitte sich eine möglichst lange, am andern Ende mit einem Trichter versehene Röhre vertikal erhebt, und gießt dann so viel Wasser ein, daß nicht nur das Gefäß, sondern auch die Röhre bis in den Trichter hinein gefüllt ist, so steht die zu extrahierende Substanz unter hohem Druck und wird schneller vom Wasser durchdrungen. Man nennt diese Vorrichtung Realsche oder hydrostatische Presse, während bei der aerostatischen, Romershausenschen oder Luftpresse der Raum zwischen den beiden Böden des Fasses mit einer Luftpumpe verbunden wird, so daß, wenn diese in Thätigkeit tritt, der Atmosphärendruck die Flüssigkeit durch die zu extrahierende Substanz hindurchtreibt. Den Atmosphärendruck kann man auch mit Hilfe von Wasserdampf zur Wirkung bringen, wie es bei manchen Kaffeemaschinen geschieht, und anderseits laugt man z. B. Nutzholz, um es dauerhafter zu machen, unter hohem Druck aus, indem man es in Form von Eisenbahnschwellen etc. in einen Dampfkessel packt und dann aus einem andern Dampfkessel Wasserdampf einleitet. Der Dampf verdichtet sich zuerst, indem er seine Wärme an das Holz abgibt, durchdringt dasselbe dann und entfernt daraus die löslichen, leicht zersetzbaren Saftbestandteile. In diesem Fall handelt es sich nicht um die Gewinnung des Auszugs, und insofern gehört die Operation einem andern Kreis an.

Wird als Lösungsmittel nicht Wasser, sondern eine wertvolle flüchtige Flüssigkeit, z. B. Alkohol, Äther, Schwefelkohlenstoff, Benzin, angewandt, so benutzt man Auslauge- oder Extraktionsapparate, deren einzelne Gefäße, um Verluste durch Verdunstung zu vermeiden, luftdicht verschließbar sein müssen. Auch für kontinuierlichen Betrieb sind derartige Apparate ausgebildet worden. Man versieht z. B. ein cylinderförmiges, aufrecht stehendes, luftdicht verschließbares Gefäß in halber Höhe mit einem Siebboden und schüttet auf diesen die zu extrahierende Substanz, während der Äther sich in dem untern Raum befindet, der mittels Doppelbodens durch Dampf geheizt wird. Die Ätherdämpfe gelangen durch ein weites Rohr, welches die Mitte des Siebbodens durchsetzt, in den Raum über der zu extrahierenden Substanz und werden hier an einem horizontal liegenden, mit kaltem Wasser gespeisten Schlangenrohr und an dem ebenfalls gut gekühlten Deckel des Gefäßes verdichtet, so daß der Äther in Tropfen auf die Substanz herabfällt. Er durchdringt dieselbe, nimmt die löslichen Stoffe auf und sickert durch den Siebboden in den untern Teil des Apparats, wo er von neuem in Dampf verwandelt wird, während die gelösten Stoffe zurückbleiben. Man läßt den Apparat arbeiten, bis der von dem Siebboden herabfallende Äther farblos ist. Die Extraktionsapparate für flüchtige Flüssigkeiten sind besonders für die Gewinnung von Fett aus Samen, Knochen, Wolle mit Hilfe von Schwefelkohlenstoff, Äther, Benzol etc. ausgebildet worden.

Ausleerende Methode (Evacuatio), eine in früherer Zeit, besonders unter der Herrschaft der Humoralpathologie, hochgeschätzte und vielfach mißbrauchte Heilmethode, welche auf der reichlichen Anwendung von Abführmitteln, Brechmitteln, Harn und Schweiß treibenden Mitteln beruhte und eine im Körper vorausgesetzte Materia peccans zu entfernen suchte. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts gelangte die a. M. durch Stoll in Wien zu großem Ansehen, während man jetzt nur noch in einzelnen Fällen davon Gebrauch macht.

Auslegung (Interpretation), die Auffindung und Darstellung des in irgend etwas (Worten, Zeichen etc.) liegenden Sinnes, insbesondere des Sinnes einer Schriftstelle. Im Gegensatz zu einer sinngetreuen, wissenschaftlich genauen oder authentischen (d. h. vom Verfasser selbst herrührenden) A. nennt man populäre A. diejenige, welche den Sinn einer Stelle, z. B. einer Bibelstelle, so vielseitig behandelt, als lehrreich und fruchtbar erscheint, ohne sich an den Sinn, welchen der Verfasser hineinlegen wollte, streng zu binden. Die A. macht sich als Kunst besonders geltend in der Philologie, wo sie als Interpretation das richtige Verständnis der klassischen Schriftwerke zu vermitteln hat; in der Theologie als Exegese der Heiligen Schrift und der als norma fidei sanktionierten Glaubensartikel (s. Hermeneutik); in der Jurisprudenz als Gesetzesauslegung (s. d.).

Auslese, im Weinbau s. v. w. Ausbruch, oft aber auch nur ein hochfeiner Wein bester Lage.

Auslieferungsscheine oder Extraditionsscheine, auch Bezugsanweisungen, Bezugsscheine genannt, sind Scheine, welche die Auslieferung einer Ware zum Zweck haben. Vgl. Lagerschein.

Auslieferung von Verbrechern. Vermittelst der A. wird ein Strafverfahren oder auch die Strafvollstreckung gegen solche Personen ermöglicht, welche sich nach begangener Missethat durch Flucht der Verfügung des Gerichts oder der Vollzugsbehörde entzogen haben. An dem Hergang der A. sind also notwendigerweise drei Kategorien von Personen beteiligt: die Beamten oder Organe desjenigen Landes, welches sich der Verfügung über einen Rechtsflüchtigen entschlägt; die Beamten oder Organe des-^[folgende Seite]