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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Auswanderung

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Auswanderung (Ursachen).

ist die Ziffer der Einwanderer aus Europa gestiegen oder gefallen. Von großem Einfluß auf die A. ist die ganze geschichtliche Entwickelung eines Volks. So zeichnet sich die kinderreiche germanische Rasse durch einen traditionellen Wandertrieb aus, während der größte Teil der Slawen zwar zum Wandern innerhalb der Grenzen des eignen Landes geneigt genug ist, zum Auswandern sich aber nur schwer entschließt. Von den romanischen Völkern sind die seßhaftesten die Franzosen, während der Italiener wieder leichter sein Vaterland verläßt.

Die deutsche A. nach Osten, d. h. nach Rußland, Ungarn und Siebenbürgen, wurde angeregt durch die Herrscher jener Länder, welche menschenleere Gebiete zu bevölkern und ihre halbbarbarischen Unterthanen durch deutsche Kultur auf eine höhere Stufe zu heben gedachten. Die deutsche A. nach Westen, namentlich nach Nordamerika, wurde ursprünglich veranlaßt durch politische und religiöse Bedrückung, durch Kriegs- und Hungersnot. Die große Hungersnot 1816-17 hob die bisher auf wenige Tausende beschränkte A. plötzlich auf 20,000 Seelen. Dann sank letztere wieder, bis die Reaktionsperiode der 30er Jahre eine neue Steigerung brachte, die 1847 ihren Kulminationspunkt erreichte. Einen plötzlichen Sprung machte die A. abermals 1852, gelangte 1854 zu einer früher nicht annähernd dagewesenen Ziffer (127,694), um dann wieder rasch zu sinken, bis sie infolge des amerikanischen Bürgerkriegs 1861 auf die niedrigste Stufe (30,939) herabging. Die Beendigung dieses Kriegs ließ die A. schnell steigen, einen noch mächtigern Anstoß gab der Krieg von 1866, während der von 1870 bis 1871 ein schnelles Nachlassen zur Folge hatte. Kaum aber war der Krieg beendet, so hob sich die A. wiederum, bis sie 1872 das Maximum von 125,650 erreichte. Die auch Amerika heimsuchenden Krisen hemmten den Auswanderungsstrom von neuem, bis der wunderbare wirtschaftliche Aufschwung der Union 1880 denselben zu einer alles früher Dagewesene überbietenden Mächtigkeit anschwellte (s. unten).

Die britische A. hat ihren Grund zwar zum Teil in ähnlichen Verhältnissen gehabt, zuerst in religiöser Unterdrückung, Hungersnot (1846); vornehmlich aber ist sie gefördert worden durch den britischen Kolonialbesitz und durch die mit Nordamerika bestehende Stammesverwandtschaft. Seit 1863 sank die britische A. nur einmal (1877) unter 100,000. Nicht absolute Bevölkerungsdichtigkeit, wohl aber das Unvermögen einer sich schneller als andre mehrenden Volkszahl, unterstützt durch große Vertrautheit mit dem Meer, veranlaßt die skandinavischen Völker zur Übersiedelung nach überseeischen Ländern. Und wenn die Schweiz und Italien jährlich verhältnismäßig hohe Kontingente zur Auswandererziffer liefern, so ist der Grund bei den einen wohl in dem höher entwickelten Unternehmungsgeist, bei den andern in einer gewissen Beengtheit und dadurch geschaffenen mißlichen Lage zu suchen. Österreich-Ungarn hat noch weite Striche innerhalb seiner Grenzen zu bevölkern, noch mehr Rußland, bei welchem die A. sogar durch die Einwanderung übertroffen wird, während Frankreichs geringe Bevölkerungszunahme fast vollständig Raum findet in der durch stetige Kapitalbildung erweiterten und verbesserten Werkstatt des Volkslebens. Diese günstigen Bedingungen haben dem industriereichen Belgien sogar schon seit Jahren eine beträchtliche Zuwanderung verschafft. Der beschränkte Raum der Heimat sendet alljährlich Scharen chinesischer Auswanderer nach allen Richtungen ins Ausland, wo diese mäßigen und arbeitsamen Menschen in erfolgreiche, ja bedrohliche Konkurrenz mit europäischer Arbeit treten.

Wie die beiden Faktoren: Volksvermehrung und die Möglichkeit, den Anforderungen zu genügen, welche eine steigende Bevölkerung an das Leben stellt, die A. beeinflussen, mag nachstehende Tabelle zeigen:

Geburtenüberschuß und Auswanderung in neun Hauptgebieten.

Staaten Geburtenüberschuß Auswanderung

Beobachtungsperiode Zahl der Jahre Mittl. Bevölkerungsziffer der Periode Wirkliche Zahl für alle Jahre der Periode Jährlich auf 1000 Einw. Beobachtungsperiode Zahl der Jahre Wirkliche Zahl für alle Jahre der Periode Jährlich auf 1000 Einw.

Großbritannien u. Irl. 1872-82 11 33627000 4773946 13,89 1872-82 11 2142458 6,90

Deutschland 1872-82 11 43767000 5927458 12,63 1872-82 11 923655 1,93

Italien 1872-81 10 27630000 2020789 7,31 1876-82 7 255852 1,14

Schweden 1871-81 11 4367000 587901 13,48 1871-81 11 148493 2,94

Norwegen 1871-81 11 1833300 279225 14,23 1872-82 11 126914 6,35

Österreich 1870-80 11 21270000 1818001 7,77 1870-80 11 77605 0,33

Dänemark 1871-80 10 1877000 224300 11,95 1872-82 11 54258 2,56

Schweiz 1871-80 10 2757000 201618 7,31 1872-82 11 53714 1,73

Frankreich 1873-81 8 36887000 952488 3,23 1872-77 6 31692 0,13

Aus dieser Aufstellung geht hervor, daß die relative Stärke der deutschen A. vielfach überschätzt wird. Namentlich wird dies klar, wenn wir die drei Teile des britischen Königreichs gesondert betrachten. Denn in der Periode 1871-82 nimmt Deutschland unter sieben Staaten erst den sechsten Platz ein. Es stellt sich nämlich für jene Zeit die mittlere Zahl der Auswanderer, auf 1000 der mittlern Bevölkerung berechnet, bei Irland auf 1101, Norwegen 635, Schottland 531, England 438, Dänemark 256, Deutschland 193 und Schweiz 173. Deutschland stellt sich ferner für 1871-81 zu Schweden wie 170:294, für 1872-81 zu Portugal wie 169:318.

Daß die A. den Staaten, zu denen sie sich wendet, in der Regel einen Vorteil bringt, ist leichtverständlich. Zur A. entschließen sich vorwiegend jüngere und kräftigere Elemente. So war in den 70er Jahren das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum weiblichen bei den Auswanderern = 126:100, bei der Reichsbevölkerung nur 103:100, und es kamen von je 1000 Auswanderern der Jahre 1880 und 1881:

solche von bei den Auswanderern bei der ganzen Bevölkerung

0-20 Jahren 427 443

20-40 Jahren 472 293

40 Jahren und mehr 101 264

In der neuern Zeit wandern mehr ganze Familien aus als früher. Infolgedessen ist der Prozentanteil des weiblichen Geschlechts und der Kinder gestiegen. Dann kommen die Auswanderer auch nicht ganz mittellos in das fremde Land. Kapp berechnet, daß die Vereinigten Staaten allein von Deutschland