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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Avignonbeeren; Avignonet; Avigny

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Avignonbeeren - Avigny.

mit einem gotischen Turm aus dem 14. Jahrh., davor das Standbild Crillons, des tapfern Feldherrn Heinrichs IV., Crillons Haus und das Museum Calvet, nach seinem Stifter genannt, mit Bibliothek von 85,000 Bänden, 2500 Manuskripten, Gemälden, Münzen, Skulpturen, Altertümern etc. A. zählt (1881) 32,440 Einw., welche sich seit den Bekehrungen des 13. Jahrh. durch Bigotterie (die Frauen zugleich durch Schönheit und Anmut) auszeichnen. Die industrielle Thätigkeit derselben erstreckt sich vorzugsweise auf Seidenmanufaktur, nachdem die Krappindustrie, deren Hauptsitz im Abendland A. war, zurückgegangen ist. Jene beschäftigt bei der Spinnerei und Weberei 12-14,000 Arbeiter, die jährlich für ca. 1½ Mill. Frank Ware erzeugen. Außerdem treibt man Fabrikation von Bijouteriewaren, Papier, Teigwaren, Seife, chemischen Produkten, Buchdruckerei und Maschinenbau und Handel mit Getreide, Öl, Wein und Seide. A. hat ein Lyceum, die Académie de Vaucluse (an der Stelle der 1303 gestifteten, 1794 aufgehobenen Universität), einen botanischen Garten und ist der Sitz eines Erzbischofs. Es ist Geburtsort von Petrarcas Laura und des Malers J. ^[Joseph] Vernet. Petrarca wurde 1874 in A. ein Denkmal errichtet.

A. hieß zur Zeit der Römer Avenio (A. Cavarum, Avenicorum civitas) und war die Stadt der Kavaren, eines gallischen Volks; 48 v. Chr. gründeten die Römer hier eine Kolonie. Vom 1. Jahrh. n. Chr. an besaß A. alle Rechte einer italischen Stadt. Unter den Thronstreitigkeiten der spätern Kaiser hatte es schwer zu leiden. Nach dem Untergang des weströmischen Reichs kam es unter die Herrschaft der Burgunder, dann der Westgoten und endlich der Franken und ward 730 und 737 von den Sarazenen zerstört. Nach dem Zerfall des fränkischen Reichs gehörte A. mit seinem Gebiet zum Königreich Burgund und zur Grafschaft Venaissin, kam jedoch bald in den gemeinschaftlichen Besitz der Grafen von Toulouse und Provence und der Grafen von Forcalquier. Der letzte Graf von Forcalquier schenkte seinen Anteil der Stadt A., welche dadurch fast selbständig wurde. In A. und Umgegend fand die Lehre der Albigenser große Verbreitung. Deshalb ward es von Ludwig VIII. von Frankreich 1226 nach dreimonatlicher Belagerung zum größten Teil zerstört. Nach dem Tode des letzten Grafen von Toulouse (1249) brachte der Gemahl von dessen Tochter Johanna, Alfons, Graf von Poitiers, Bruder Ludwigs IX. von Frankreich, A. unter seine Oberhoheit. Nach Alfons' Tod fiel ein Teil der Grafschaft A. 1271 an Frankreich, den König Philipp der Schöne jedoch 1290 an Karl von Anjou, König beider Sizilien und Grafen von Provence, abtrat. Darauf war A. 1309-76 Sitz der Päpste, welche schon die Grafschaft Venaissin besaßen und 1348 auch die Stadt A. durch Kauf von der Königin Johanna von Neapel erwarben. Die avignonischen Päpste waren Clemens V. (bis 1314), Johann XXII. (bis 1334), Benedikt XII. (bis 1342), Clemens VI. (bis 1352), Innocenz VI. (bis 1362), Urban V. (bis 1370) und Gregor XI. (bis 1378), der im September 1376 wieder nach Rom übersiedelte. Diese Zeit des Papsttums heißt die babylonische Gefangenschaft der Kirche. Vgl. Höfler, Die avignonesischen Päpste, ihre Machtfülle und ihr Untergang (Wien 1871). Petrarca schildert A. zur Zeit Clemens' VI. als eine stinkende, schlecht gebaute, wütenden Winden ausgesetzte Stadt und als Sitz jeglichen Lasters. Der große von den Päpsten erbaute Palast hatte ein düsteres Aussehen. In Rom folgte auf Gregor XI. Urban VI. (1378-89). Die französischen Kardinäle aber wählten zu Fondi Clemens VII. (1378-94) zum Papst, der seit 1379 in A. residierte. So entstand das große Schisma der abendländischen Kirche. Als Clemens VII. 1394 zu A. starb, wählten seine Kardinäle Benedikt XIII. (1394-1415). Benedikt, in A. belagert, floh nach Spanien. Seit der Wiederherstellung der Alleinherrschaft des römischen Papstes (1417) residierten in A. nur Legaten als päpstliche Statthalter. Der finanzielle Gewinn der Kurie aus dem Besitz Avignons war gering, da die Stadt infolge innerer Wirren ihre frühere Blüte verlor. Die Einkünfte, die sich auf höchstens 300,000 Livres beliefen, wurden auf öffentliche Gebäude und Straßen, zur Besoldung der Truppen und bürgerlichen Beamten verwendet; dagegen mußte für alle ins französische Gebiet ausgeführten Landesprodukte eine starke Abgabe entrichtet werden, so daß A. der französischen Staatskasse mehr einbrachte, als wenn es mit Frankreich vereinigt gewesen wäre. Im J. 1791 empörte sich die von der Revolutionspartei aufgereizte Volksmenge gegen die päpstliche Herrschaft, zerstörte Schlösser und Klöster und bat die Konstituierende Versammlung um die Vereinigung Avignons mit Frankreich, welche auch ebenso wie die von Venaissin beschlossen wurde. A. wurde die Hauptstadt des neuen Departements Vaucluse. Infolge davon entbrannte in A. ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Papisten und Demokraten. Die letztern bildeten einen Gemeinderat, riefen wilde Banden aus dem Gebirge nach der Stadt, und als einer der Bandenführer, Lescuyier, 16. Okt. 1791 von der Volksmenge ermordet wurde, schlachteten die Banden 53 Gefangene und warfen die Leichen in das Verlies des Schlosses, die Eisgrube (Glacière). Im J. 1792 wütete ein Volkshauptmann, Jourdan, in A. mit blutiger Grausamkeit gegen die Anhänger der alten Zustände. Im Frieden von Tolentino (19. Febr. 1797) mußte der Papst A. und Venaissin an Frankreich förmlich abtreten. Erst das Kaisertum stellte die Ruhe in A. her, mit der Restauration aber brach der alte Parteihaß wieder hervor, und in A. wütete besonders der "weiße Schrecken". Hier ward der Marschall Brune (s. d.) 2. Aug. 1815 ermordet. In A. sind mehrere Kirchenversammlungen gehalten worden: 1209 wider die Albigenser, 1210 über Exkommunikation der Toulouser und ihres Grafen wegen Weigerung der Ketzervertreibung, 1326 überkirchliche Sitte und Verfassung, 1327 über klerikale Zucht, 1328 wider den kaiserlichen Gegenpapst u. a.

Avignonbeeren, s. Gelbbeeren.

Avignonet (spr. awinjoneh), Dorf im franz. Departement Obergaronne, Arrondissement Villefranche, an der Südbahn und am Canal du Midi. Hier ermordeten 1242 die Albigenser fünf päpstliche Inquisitoren, was Veranlassung zu einem Kreuzzug gegen sie gab.

Avigny (spr. awinji), Hyacinthe Robillard d', franz. Historiker, geb. 1675 zu Caen, wurde bei den Jesuiten erzogen und später zum Prokurator am Collège zu Alençon ernannt. Er starb dort 1726, wie man erzählt, aus Gram darüber, daß der Pater Lallemant, welchem nach dem Willen der Obern seine beiden Werke: "Mémoires pour servir à l'histoire ecclésiastique 1600-1617" (Par. 1720) und "Mémoires pour servir à l'histoire universelle de l'Europe 1600-1716" (das. 1725) zur Zensur unterbreitet wurden, diese beim zweiten derselben so ausübte, daß inhaltlich ein ganz andres Werk herauskam, als A. geschrieben hatte. Stilistisch betrachtet, sind beides Meisterwerke, und die Lektüre des zweiten erhält besondern Reiz durch eine Fülle pikanter Anekdoten. Das erstere kam trotz Lallemants Zensur zu Rom auf den Index der verbotenen Bücher.