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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Azoren

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Azoren.

Miguel und Santa Maria die südöstliche und Flores mit Corvo die nordwestliche Gruppe bilden. Ihr gesamter Flächenraum ist zu 2388 qkm (43,4 QM.) berechnet. Die Inseln sind vulkanischen Ursprungs und bedeckt von neuern vulkanischen Massen, Laven, Tuffen, Bimssteinen und Schlacken; es finden sich auf ihnen nicht nur zahlreiche heiße Quellen und erloschene Krater, sondern auch noch fortdauernd thätige, Lava nebst siedendem Wasser auswerfende Vulkane. Die bedeutendsten Ausbrüche derselben ereigneten sich 1591, 1638, 1719 und 1841, und aus der Erscheinung, daß bei diesen Ausbrüchen kleine vulkanische Inseln aus dem Meer emporstiegen, die bald nachher wieder verschwanden (1811 die Insel Sabrina bei San Miguel), hat man auf das Vorhandensein eines vulkanischen Herdes unter dem Boden der A. geschlossen und dieselben zu den Zentralvulkanen gerechnet, die ihren Herd in sich selbst haben. Die Oberfläche sämtlicher Inseln ist bergig, durch tiefe Schluchten zerrissen, pittoresk und steigt in einzelnen kegelförmigen Piks bis 2300 m empor. Auch die Küsten sind durchweg steil und hoch, häufig unzugänglich. Das Klima, eins der gesündesten auf Erden, ist ausgezeichnet gemäßigt und fast das ganze Jahr hindurch gleichförmig, die Atmosphäre stets ungemein rein. Der Stand des Thermometers bewegt sich zwischen +10 und 23° C. Die Vegetation ist auf dem gut bewässerten, vulkanischen Boden höchst üppig ungeachtet der mangelhaften Kultur. Vorzüglich gedeihen Orangen (einzelne Stämme tragen gegen 26,000 Früchte und geben bis 600 Mk. jährlichen Ertrag), Wein und Orseille (besonders auf Pico und Flores), daneben alle unsre Getreidearten und Hülsenfrüchte, viele Arzneipflanzen, selbst tropische Gewächse, wie Yams, Bananen, Kaffee und Zuckerrohr. Bemerkenswert ist unter den Pflanzen noch eine immergrüne Myricee (Myrica Faya), die besonders auf der Insel Fayal in Menge vorkommt. Metalle und Schiffbauholz fehlen. Von Tieren findet man die europäischen Haustiere, insbesondere Schafe und Ziegen nebst Schweinen, in sehr großer Menge (Käse und Schinken von Terceira sind gesucht), vortreffliches Geflügel (Rothühner), mehrere schön gefiederte außereuropäische Vogelarten etc., Fische und Austern in ziemlicher Menge an den Küsten. Giftige Reptilien gibt es auf den A. nicht. Die A., so weit von den Kontinenten entfernt und durch eine tiefe See von ihnen getrennt, echt ozeanische Inseln im Sinn Darwins, sollten eigentlich, nach dem Beispiel andrer Inseln, eine eigentümliche Flora und Fauna zeigen. Allein 80-90 Proz. der Tiere wie der Pflanzen sind mit europäischen Arten übereinstimmend, und nur unter den Landmollusken finden sich 60 Proz. endemische Arten. Als Erklärung dieser Anomalie werden die heftigen Stürme gerade in dieser stets bewegten See angegeben, welche mit dem Wind oder den Wellen von Europa leicht Pflanzen und Tiere herbeiführten. Auffallend sind auf allen Inseln die guten Wasserleitungen, selbst für die kleinsten Dörfer, ferner die Brunnen, Teiche und Zisternen an Wegen und Straßen, oft verziert und überall wohlunterhalten. Dies erinnert an die maurischen Elemente, welche das hiesige Volksleben einst aufnahm (s. unten). Die Bewohner (1881: 269,401 an Zahl), meist portugiesischer Abkunft, sind von hagerm, aber festem Körperbau, intelligent, ausdauernd, mäßig und sparsam. Von den größern Inseln wird ein lebhafter Handelsverkehr trotz des völligen Mangels sicherer Häfen mit Portugal, England, Brasilien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika unterhalten. Hauptexporte sind: Wein und Branntwein, Orangen, Getreide, Hülsenfrüchte, Salzfleisch, Färbermoos, Öl (gepreßt aus den Beeren von Persea azorica), Käse, Orseille, Leinwand. Importiert werden alle europäischen Industrieerzeugnisse, da auf den A. selbst keine Industrie herrscht. Bei der für den Handel so günstigen Lage und der Wohlfeilheit der Lebensmittel verproviantieren sich hier viele Schiffe. Die sichersten Reeden sind die von Angra auf Terceira, Fayal und Ponta Delgada auf San Miguel. Die A. bilden keine Kolonie, sondern stehen unter der unmittelbaren Verwaltung des Königreichs. Sie zerfallen in drei Verwaltungsbezirke mit den Hauptorten Ponta Delgada, Angra und Horta, die zusammen 22 Gemeinden (concelhos) und 121 Kirchspiele umfassen. Trotz des natürlichen Reichtums der Inseln liefern sie der Krone nur geringen Ertrag, da der Grund und Boden sehr ungleich verteilt ist und Großgrundbesitz vorherrscht. Die religiösen Angelegenheiten stehen unter dem katholischen Bischof von Angra. Der Unterricht ist sehr vernachlässigt, die Schulen sind schlecht und für den Bedarf nicht ausreichend.

[Die einzelnen Inseln.] Die wichtigern Inseln der A.-Gruppe sind: 1) San Miguel, 777 qkm (14 QM.) mit 107,000 Einw., die größte, bestkultivierte und wichtigste Insel der A., ist gebirgig und erreicht im Pico de Vara 1175 m Höhe. Mineralquellen, kalte und heiße, sind häufig. Hauptstadt ist Ponta Delgada, mit 3 verfallenen Forts, alten Kirchen und (1878) 17,635 Einw., worunter viele Engländer, die im Besitz des auswärtigen Handels sind. Übrigens fehlt der Insel ein Hafen; die Reede von Ponta Delgada ist völlig offen. Südöstlich von San Miguel liegen Santa Maria (5880 Einw.) und die Felseneilande Formigas. 2) Pico, 447 qkm (8 QM.) mit 27,904 Einw., reich an schöner Waldung, gutem Rindvieh und vortrefflichem Wein. Fast auf allen Punkten steigen die Küsten senkrecht aus dem Meer empor; die Insel selbst ist nur die Basis eines gigantischen Bergkegels, dessen majestätischer, 2350 m hoher und auf 180 km sichtbarer Gipfel noch 1718 Lava ergoß und noch jetzt Schwefeldämpfe ausstößt. Außer Lagens (3310 Einw.) gibt es noch vier kleine Städte auf Pico. 3) Fayal, 179 qkm (3,2 QM.) mit 26,264 Einw., so genannt nach dem bei der Entdeckung in Fülle angetroffenen Strauch Myrica Faya, hat halbmondförmige Gestalt, einen fast 1000 m hohen erloschenen Kraterberg am Südostende und einen zweiten Vulkan, der noch 1682 Lavaströme ergossen hat. Hauptstadt ist Horta, am Meer, der Insel Pico gegenüber gelegen, ein gut gebauter, lebhafter Handelsplatz mit 7446 Einw. (darunter viele Engländer, Nordamerikaner, Brasilier und Portugiesen) und vorzüglicher Reede, der einzigen Stelle der A., wo Schiffe ohne Gefahr ankern können. Dabei die kleinern Inseln Flores (10,700 Einw.) und Corvo (1000 Einw.). 4) San Jorge, östlich von Fayal, 244 qkm (4 QM.) mit 18,000 Einw., sehr fruchtbar, aber häufigen Erdbeben ausgesetzt. Im J. 1580 und in neuerer Zeit (1808) wurde fast die ganze Insel durch Lavaausbrüche verwüstet, und 1757 erschienen nahe der Küste unter Erderschütterungen 18 kleine Inseln, die bald wieder verschwanden. Hauptstadt ist Villa de Velhas, mit 2150 Einw. und Hafen. 5) Graciosa, nördlich von San Jorge, vollkommen rund, einem Blumenkorb ähnlich, 63 qkm (1 QM.) mit 8718 Einw.; Hauptort ist Santa Cruz, mit 3824 Einw. 6) Terceira, das Zentrum