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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Babylonien

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Babylonien.

gewaltige Stadt, die Alexander d. Gr. (der hier starb) größer machen wollte, als sie je gewesen, geriet nach der Gründung von Seleukeia und Ktesiphon in raschen Verfall und war in der Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. bereits Ruine. Ihre Trümmer liegen in der Wüste, bei dem heutigen Hillah am Euphrat, südlich von Bagdad, und bilden drei Haufen ungeheurer Schuttberge. Sie wurden seit dem 16. Jahrh. öfters besucht und sind namentlich in neuester Zeit von Rich, Loftus, Fresnel, Oppert, Rawlinson, Layard u. a. gründlich durchforscht worden. Die bedeutendsten dieser Ruinen, die durch kolossale Größe, nicht durch Schönheit imponieren, sind: der sogen. "Kasr" (Burg), der für den Palast Nebukadnezars (Akropolis) gilt, mit dem besterhaltenen Mauerwerk; südlich davon der Hügel "Amran", den man für den Rest der hängenden Gärten ansieht; nördlich vom Kasr der ca. 40 m hohe, 180 m lange Hügel "Babil", in welchem man mit Bestimmtheit den "Turm zu Babel", den Tempel des Himmelsgottes, erkannt hat, und isoliert im SW. der "Birs Nimrud" (Nimrodsturm) genannte Hügel. Dies und die noch wohlerhaltene innerste Stadtmauer ist im wesentlichen, was vom gewaltigen B. übriggeblieben. Die Trümmer bestehen aus teils gebrannten und mit Namensstempeln versehenen, teils ungebrannten Lehmbatzen, die durch Kalk, Mörtel oder Erdharz verkittet sind. Platten mit Bildwerk, wie in Ninive, oder Kolosse von Stein finden sich hier nicht. Als Erbauer der Stadt wird Belos genannt, doch ist das Vorhandensein von B. als Residenz der babylonischen Könige erst seit dem 16. Jahrh. v. Chr. bezeugt. Seit der Unterwerfung Babyloniens unter assyrische Herrschaft (s. Babylonien, Geschichte) war es der Sitz assyrischer Unterkönige und ward 683 bei einem Aufstand gänzlich zerstört. Erst Nabopolassar und Nebukadnezar bauten die Stadt nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit Babyloniens von neuem aufs prächtigste auf. Letzterer vollendete den großartigen von seinem Vater begonnenen Palast, errichtete den Göttern Marduk (Belos) und Nabu hohe, turmartige Tempel und baute die gewaltigen Mauern, welche die ganze Stadt umgaben. B. soll damals 2 Mill. Einw. gehabt haben. Im J. 538, unter dem babylonischen König Nabonetos, ward die Stadt von Kyros erobert, jedoch geschont und zur dritten Hauptstadt der medisch-persischen Monarchie erhoben. Nach der Empörung der Babylonier gegen Dareios Hystaspis (518) wurden Mauern und Thore niedergerissen, viele Einwohner verjagt oder getötet. Xerxes raubte aus dem Belostempel die goldene Statue des Gottes und beschädigte den Tempel selbst, der seitdem verfiel. Alexander d. Gr. beabsichtigte seine Wiederherstellung, starb aber vor Ausführung dieses Plans in dem Palast des Nebukadnezar. Den härtesten Stoß erlitt B. unter der Herrschaft der Seleukiden durch die Erbauung der Stadt Seleukeia und die derselben verliehenen Privilegien. Handel und Einwohner wandten sich jetzt von B. weg, und schon um 130 wurde auf dem größten Teil des von den Mauern eingeschlossenen Stadtraums Getreide gebaut. Unter den noch übrigen Einwohnern waren sehr viele Juden. Zur Zeit des Hieronymus (gest. 420 n. Chr.) benutzten die Partherkönige die Ruinen von B. mit den noch stehenden Mauern als Wildgehege zur Jagd. Seit der Herrschaft der Araber verschwand der Name B. ganz aus der Geschichte, und im 10. Jahrh. wußte man von der Stadt nur, daß an ihrer Stelle ein kleines Dorf, Namens Babel, stehe. Vgl. Rich, Memoirs on the ruins of B. (4. Aufl., Lond. 1839); Layard, Discoveries in the ruins of Niniveh and B. (das. 1853; deutsch, Leipz. 1856); Oppert, Expédition en Mésopotamie (Par. 1857-64, 2 Bde.); Kiepert, Karte der Ruinenfelder von B. (Berl. 1883).

Babylonien (in der Bibel Schinear und Babel, seit dem 9. Jahrh. v. Chr. auch Chaldäa genannt), im Altertum Name des von Semiten (vorher von Sumeriern) bewohnten Tieflandes am untern Euphrat und Tigris, dem heutigen Irak Arabi entsprechend. Es zeichnete sich durch große Fruchtbarkeit aus, doch konnte seine allseitige Anbaufähigkeit nur durch viele vor den Überschwemmungen des Euphrat schützende Kanäle und Dämme ermöglicht werden. Dergleichen waren der Naarsares oder Naharmalcha (Königsfluß), von Nebukadnezar (604-561) angelegt, und drei andre ihm parallele Kanäle, alle noch in arabischer Zeit schiffbar, doch jetzt versandet; ferner ein Kanal, der nördlich von Babylon vom Euphrat abzweigte und in den See Strophas (jetzt Bahr Nedschef) mündete; der Pallakopaskanal, der südlich von Babylon bis in das Meer führte. Auch ein künstlich angelegter See von 75 km Umfang diente (nach Herodot) zum Schutz des Landes gegen Überschwemmung. Durch kleinere Kanäle, welche sich nach allen Richtungen hin verzweigten, erhielt der Boden seine ungemeine Fruchtbarkeit. Weizen und Gerste gewährten 200- und 300fältigen Ertrag; außerdem gediehen Datteln, Sesam, Hülsenfrüchte, Äpfel und andre Obstarten in Fülle. Nur an Holz und Steinen war das Land arm; man verwendete daher als Baumaterial eine häufig vorkommende vortreffliche Ziegelerde und statt Mörtels das Erdharz, das z. B. bei Is (heute Hit) in reichlicher Menge dem Boden entquoll. Der zwischen dem Euphrat und der Arabischen Wüste liegende südwestliche Teil hieß auch Chaldäa (im engern Sinn), während B. dann vorzugsweise die Ebene zwischen dem Euphrat und Tigris bezeichnete. Zur Verteidigung des Landes gegen Einfälle kriegerischer Nachbarn war im N. zwischen dem Euphrat und Tigris die sogen. Medische Mauer (s. d.) gezogen. Die bedeutendsten Städte Babyloniens waren: Babylon mit Borsippa, Orchoe, Teredon, Sittake, Pirisabora, Sipphora und die später entstandenen oder unter neuen Namen vergrößerten: Seleukeia, Apameia, Ktesiphon u. a.

Die Fruchtbarkeit und die geographische Lage Babyloniens an zwei mächtigen Strömen, welche die bequemste Verbindungsstraße zwischen Ost- und Westasien darbieten, forderte von selbst die Bewohner zu regsamer Thätigkeit und Betriebsamkeit auf. So kam es, daß hier frühzeitig eine künstliche Agrikultur, Architektur, Schiffahrt, Handel und Wissenschaft erblühten. Die babylonische Industrie war mannigfach und blühend, besonders behaupteten die Webereien einen hohen Rang. Die wollenen, leinenen und baumwollenen Gewänder der Babylonier waren auch im Ausland beliebt; namentlich wurden die Teppiche, einer der Hauptgegenstände des orientalischen Luxus, nirgends so prächtig gewebt wie in Babylon. Außer Webereien lieferte B. namentlich wohlriechende Wasser, Goldschmiedearbeiten, zierlich geschnitzte Handstöcke und vorzüglich geschnittene Steine zu Siegelringen. Den Landhandel betrieben die Babylonier durch Karawanen, östlich nach Indien und Baktrien, westlich nach Vorderasien und Phönikien. Nach den zuletzt genannten Ländern brachten die Babylonier teils eigne Fabrikate, teils arabische und indische Waren und zwar den Euphrat hinauf bis Thapsakos und von da durch Karawanen weiter. Der Handel auf dem Euphrat geschah durch sogen. lederne Schiffe.