Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Babylonien.

Der Seehandel ward meist durch Araber über den Persischen Meerbusen nach Indien betrieben. Die Etappen dieses Seehandelswegs im Persischen Golf waren Gerrha, wo sich seit der Eroberung Babyloniens durch die Perser flüchtige Chaldäer niedergelassen hatten, dann weiter südöstlich Regma und das Vorgebirge Maketa. Hauptgegenstände desselben waren arabischer Weihrauch, indische Spezereien, Elfenbein, Ebenholz, Edelsteine und persische wie indische Perlen. Kunststraßen führten von B. nach Baktrien, Medien, Persien, Indien, Armenien, Vorderasien und Arabien. Der Reichtum, mit welchem Kunstfleiß, Handel und Landbau die Babylonier überschütteten, hatte Üppigkeit und Schwelgerei in seinem Gefolge, und besonders war die Hauptstadt Babylon schon früh in dieser Beziehung weithin verrufen. - Die Religion der Babylonier war eine Naturreligion, in welcher die Gottheit als personifizierte Naturkraft und zwar in menschlicher Weise, als Mann und Weib, aufgefaßt ward. Der älteste Gott ist El; der dritte, Bel oder Baal (Marduk), der "Herr des Alls", stellt das schaffende, aber auch zerstörende Element in der Natur dar; die Göttin Bilit oder Baaltis (die Mylitta Herodots), "die Königin und Mutter der Götter", ist das empfangende und gebärende Prinzip, die Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit und Geburt. Ihr gegenüber steht die Istar als Göttin des Kriegs und des Verderbens. Mit der Bilit verschmolzen, ist sie die abwechselnd Leben und Segen, Tod und Verderben bringende Göttin, wie die Aschera-Astarte der Phöniker und Karthager. Daneben herrschte in B. ein kompliziertes System des Sterndienstes. Ein geschlossener Priesterstand suchte durch Opfer und Zauberei Unglück abzuwenden, war mit Vogel- und Opferschau beschäftigt, las den Charakter und das Schicksal der Menschen, bevorstehende Witterung, Erdbeben, Sonnen- und Mondfinsternisse in den Sternen und pflanzte mancherlei Kenntnisse durch Familienüberlieferung fort. Die Sterndeutekunst fand in B. schon ihre vollkommene Ausbildung und Anwendung. Ein ganzes Priesterkollegium lag der Beobachtung des gestirnten Himmels ob, wobei wohl der weitschauende, genau orientierte Belosturm als Sternwarte diente. Die Babylonier verstanden bereits, eine Mittagslinie zu ziehen und den Sonnenstand oder die Tagesstunde zu bestimmen. Im "Almagest" des Ptolemäos sind uns Angaben über mehrere Mondfinsternisse nach babylonischer Berechnungsart erhalten, die von den neuern Berechnungen nur 9 Minuten abweichen. Der Lauf des Mondes scheint die babylonischen Priester überhaupt viel beschäftigt zu haben: sie entdeckten, daß 223 Monderneuerungen ungefähr 19 Sonnenjahre ausmachen, fanden aber auch den übrigbleibenden Unterschied und kamen so auf eine genauere Periode von 600 Jahren, wie sie auch schon wußten, daß die tägliche mittlere Bewegung des Mondes 13° 10' 35'' beträgt, was mit unsern Tafeln bis auf die Sekunden übereinstimmt. Sogar eine rückgängige Bewegung der Sonne von W. nach O. und die ungefähre Peripherie der Erde waren ihnen nicht unbekannt, obgleich sie sich die Erde hohl und von der Gestalt eines halben Eies dachten. Der Höhepunkt babylonischer Kunst und Wissenschaft fällt in die Zeit der Unabhängigkeit (seit 626 v. Chr.). Die Regierung war nach asiatischer Weise despotisch. Der König thronte, unsichtbar für das Volk, von einem glänzenden Hofstaat umgeben, in seinem Palast; Satrapen herrschten mehr oder minder unabhängig in den Provinzen.

Geschichte. Über die älteste Geschichte Babyloniens berichtet der Geschichtschreiber Berosos, daß die Babylonier die Anfänge ihrer Kultur: Sprache und Wissen, Künste und Schrift, Ackerbau und Baukunst, durch Oannes erhielten, ein Wundergeschöpf, halb Fisch, halb Mensch, das dem Persischen Meer entstieg, den Tag über auf dem Land verweilte und des Nachts ins Meer zurückkehrte. Zehn Könige, deren erster Aloros und deren letzter Isuthros geheißen, herrschten nun 120 Saren oder 432,000 Jahre lang über das Land, bis Bel die Menschen durch eine große Flut vernichtete. Isuthros rettete sich vor der Sündflut mit Tieren aller Art auf ein Schiff, ward an das armenische Hochgebirge getrieben und nach Gründung eines neuen Reichs zu den Göttern erhoben, worauf zahlreiche Könige aus verschiedenen Dynastien, einer medischen, chaldäischen, arabischen und assyrischen, 36,000 Jahre bis auf Nabopolassar regierten. Obgleich die erhaltenen babylonischen Inschriften nicht so zahlreich und belehrend sind wie die assyrischen, namentlich keine chronologischen Anhaltspunkte gewähren, erfahren wir, nachdem ihre Entzifferung gelungen ist, aus ihnen doch so viel, daß B. in ältester Zeit von dem Volk der Sumerier (s. d.) bewohnt wurde, welche die Grundlagen der babylonischen Kultur geschaffen haben. Ihre uralten Priesterstädte und Herrschaftssitze waren Ur (das Ur Kasdim Abrahams, jetzt Mughnir), Arku oder Erech (Warka), Larsak (Senkereh), Nipur (Niffer), Agani (Lippara) u. a. Ein sumerischer Stamm waren die Chaldäer, nach denen der Süden besonders Chaldäa hieß. Von Süden wanderten dann Semiten ein, welche sich unter den Sumeriern niederließen und ihre Kultur, Religion, Keilschrift u. a. annahmen. Doch beweist die Auswanderung von Semiten (wie die Abrahams und der Hebräer aus Ur Kasdim, dem Ur der Chaldäer), daß Reibungen zwischen beiden Völkern vorkamen. Als ein König von Ur wird Likbagas genannt. Dann fielen, 1635 Jahre vor dem assyrischen König Assurbanipal, wie derselbe in einer Inschrift von etwa 650 v. Chr. berichtet, also um 2280, die Elamiten in B. ein, und elamitische Könige, wie Kudur-Nanchundi, Kudur-Mabuk u. a., herrschten etwa 300 Jahre über B., bis bei Beginn des 2. Jahrtausends, um 1980, Sargon I. von Agani (Sippara) in Nordbabylonien die Herrschaft an sich riß, auch Syrien eroberte und dem Semitismus zum Übergewicht verhalf; er ließ die religiösen Gesänge und die astronomischen Tafeln der Sumerier ins Semitische übersetzen und in Arku aufbewahren. Später folgte die von Hammurabi gegründete Dynastie der Kassi (Kassier), welche Babylon zur Hauptstadt und Residenz machte und die Anlegung des Kanalsystems begann. Von B. aus wurde Assyrien bevölkert, das sich aber 1500 unabhängig machte und im 9. Jahrh. das Übergewicht über B. erlangte, ja es um 700 sich auf 70-80 Jahre gänzlich unterwarf. Erst nach dem Tode des assyrischen Königs Assurbanipal (626) erlangte B. unter Nabopolassar wieder Selbständigkeit. Derselbe verband sich 609 mit Kyaxares von Medien zum Kampf gegen Assyrien und ward nach dem Untergang Ninives der Gründer des neubabylonischen Reichs, welches außer B. auch Mesopotamien und Syrien umfaßte und den höchsten Glanz unter seinem Sohn und Nachfolger Nebukadnezar (604-561) erreichte. Dieser, der noch während der Regierung seines Vaters die Ägypter bei Karchemis (605) besiegt hatte, unterjochte Phönikien und zerstörte das Reich Juda, dessen König Zedekia (586) mit dem größten Teil seines Volks nach B. (s. Babylonische Gefangenschaft) geschleppt ward. Nebukadnezar stellte das Kanalsystem wieder her und erweiterte es, vergrößerte Ba-^[folgende Seite]