Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bauernkrieg

473

Bauernkrieg (die zwölf Artikel).

ladenen; es redete davon, daß alle Brüder seien. Von nun ab war nicht mehr bloß die Befreiung von individuellem Druck, sondern die Errichtung eines nationaldeutschen christlichen Reichs, in dem ein mächtiger Kaiser alle beschütze, alle Menschen gleich und Brüder seien, unter Berufung auf das "göttliche Recht" das Ziel der Erhebung, die man den B. nennt. Deshalb schlossen sich Männer aus den höhern, gebildeten Ständen der Bewegung an, durch welche sie die ersehnte Reichsreform mit Einem Schlag zu erreichen hofften. Allerdings vermischten sich mit dem gesunden und berechtigten Kern derselben auch revolutionäre sozialistische Tendenzen, und die rohe Zügellosigkeit der Massen brach bald hervor.

Die Gärung im Bauernstand und im niedern Bürgerstand der kleinern Städte nahm seit der Thronbesteigung Karls V. zu. Prediger, wie Thomas Münzer, steigerten sie durch die zündende Beredsamkeit, mit der sie die Aufrichtung des himmlischen Reichs, wo keine geistliche und weltliche Gewalt, kein Unterschied von reich und arm, vornehm und gering sein würden, schilderten; aufreizende Flugschriften waren in Menge in Umlauf. Die Erhebung begann im Sommer 1524 im südlichen Schwarzwald, wo die Strenge der österreichischen Regierung gegen die neue Lehre, der Übermut des Adels und die Nähe der Schweiz die Gemüter besonders erregt hatten. Unter Führung Hans Müllers von Bulgenbach stifteten die Bauern eine "evangelische Brüderschaft"; es war nicht ihre Absicht, mit Gewalt loszuschlagen, sondern durch Beschlüsse großer Versammlungen ihren Forderungen Nachdruck zu geben und Zugeständnisse zu erwirken. Sie ließen sich daher auch unklugerweise auf Verhandlungen ein und zogen, als man ihnen gute Versprechungen gab, wieder heim. Doch die Herren hatten nur Zeit zu Rüstungen gewinnen wollen; von Erfüllung der Versprechungen war keine Rede. Als sich die Bauern getäuscht sahen, brach der Aufstand Anfang 1525 von neuem aus, zuerst im Algäu bei Kempten, von wo er sich mit Windeseile an den Bodensee, in das Ried und bis an den Oberrhein verbreitete. Ein Einfall des vertriebenen Herzogs Ulrich von Württemberg in sein Land, den das schwäbische Bundesheer abwehren mußte, begünstigte die Verbreitung. Im Algäu entstand auch das erste merkwürdige Programm, "die gründlichen und rechten Hauptartikel aller Bauernschaft und Hintersassen der geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, von welchen sie sich beschwert vermeinen", oder die zwölf Artikel, als deren Verfasser der ehemalige pfalzgräfliche Kanzler Fuchssteiner oder Christoph Schappeler zu Memmingen genannt wird. Sie pflanzten sich durch den Druck und mündlich rasch fort und fanden in ganz Süd- und Westdeutschland großen Anklang. Ihre billigen und mäßigen Forderungen waren folgende: 1) Jede Gemeinde soll ihren Pfarrer selbst wählen, auch Gewalt haben, denselben zu entsetzen, wenn er sich ungebührlich hält, und der gewählte Pfarrer das Evangelium lauter und klar, ohne allen menschlichen Zusatz, predigen. 2) Nur der im Alten Testament gebotene große Zehnte soll ferner gegeben werden, nicht der kleine Zehnte als ein unziemlicher, von Menschen erdichteter Zehnte. 3) Die Bauern wollen nicht mehr für Eigenleute gelten, da Christus alle mit seinem Blut erlöst hat, also frei sein, aber ihrer gewählten und von Gott gesetzten Obrigkeit in allen ziemlichen und christlichen Sachen gehorchen. 4) Wildbret, Geflügel, Fische sollen frei sein. 5) Die Waldungen, sofern sie nicht durch Kauf Eigentum geworden, fallen von den Herrschaften an die Gemeinden zurück und sollen den Gemeindemitgliedern zum unentgeltlichen Nießbrauch überlassen werden, doch unter Aufsicht der Gemeindedeputierten. 6) Frondienste dürfen nicht gewährt, sondern es soll das alte Herkommen geachtet werden. 7) Die Herrschaft soll von dem Bauern nicht Dienste verlangen, die über dessen vertragsmäßige Verpflichtung hinausgehen. Das Weitergehende soll um einen "ziemlichen Pfennig" geleistet werden. 8) Wenn Güter mit Gülten so überladen sind, daß die Arbeit für den Anbauenden keinen Ertrag mehr gibt, so soll nach der Entscheidung ehrbarer Leute der Zinsfuß verringert werden. 9) Gerichtsstrafen sollen nicht willkürlich erhöht werden, sondern es ist das alte Herkommen zu bewahren. 10) Die Wiesen und Äcker, die man den Gemeinden entfremdet, sollen ihnen zurückgegeben werden. 11) Die Abgabe, welche Todfall heißt, ist als eine widerrechtliche Beraubung der Witwen und Waisen aufzuheben. 12) Man solle ihre Artikel an der Heiligen Schrift prüfen, und wenn sie durchaus als unziemlich nachgewiesen würden, wollten sie davon abstehen, aber auch nur in diesem Fall.

Die Bauern verlangten also im wesentlichen kirchliche Freiheit und Predigt der neuen Lehre, dann Ablösung der unerträglichen Feudallasten, Dinge, die durchaus gerecht und durchführbar waren. Auch nahm die Bewegung einen Fortgang, der zu den besten Hoffnungen berechtigte, wenn sie einig und gemäßigt blieb. Österreich, Tirol wurden in sie hineingezogen, im Elsaß, am ganzen Ober- und Mittelrhein erhoben sich die Bauern, und Prälaten, Edelleute und Städte unterwarfen sich ihnen. Schon gegen Ende März begannen auch in Franken die Unruhen. In Rotenburg a. d. Tauber, wo längst die Geschlechter mit den kleinen Leuten im Streit lebten, brach eine Revolution aus, infolge deren das Gemeinwesen im Sinn der neuen "evangelischen Freiheit" eingerichtet und ein Bund mit den Bauern geschlossen wurde. Ein Haufe, aus Unterthanen der Pfalzgrafen am Rhein, der Bischöfe von Mainz und Würzburg, der Deutschherren und vieler Edlen bestehend, wählte den Wirt von Ballenberg im Odenwald, Georg Metzler, einen verwegenen Menschen und erbitterten Adelsfeind, der sein Vermögen verschleudert hatte, zum obersten Hauptmann des "evangelischen Heers"; ein andrer Odenwälder Haufe nahm einen Edelmann, Florian Geier, zum Führer. Im Hohenloheschen stellte sich der frühere gräfliche Kanzler, Wendel Hippeler, an die Spitze der Bauern, im Heilbronnschen Jäcklein Rohrbach. In diesen Gegenden war der Aufstand begünstigt durch die große Menge kleiner Herrschaften, welche sich nicht leicht einigten und einzeln zum Widerstand zu schwach waren. So zerfielen die Aufständischen in eine große Anzahl "sturmlicher Haufen", denen jede einheitliche Leitung fehlte. Die zwölf Artikel wurden jetzt erweitert, man wollte volle Freiheit haben. Klöster wurden überfallen, Weinkeller und Vorratshäuser geleert, ein Leben in Saus und Braus geführt. Die zügellose Raub- und Zerstörungslust nahm immer mehr überhand, Kirchen wurden geplündert, Burgen und Klöster in Brand gesteckt, so Hohenstaufen und die Grabstätte des Kaisergeschlechts, Kloster Lorch, die Insassen grausam behandelt. Die anfangs wehrlosen Herren, wie die Grafen Hohenlohe und Löwenstein, wurden schimpflich gedemütigt.

Der Siegestaumel riß die Bauern zu einer blutigen Frevelthat hin. Weinsberg mit seinem festen Schloß Weibertreu, gegen welches das Bauernheer Mitte April zog, ward verteidigt von dem Grafen Lud-^[folgende Seite]