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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bauernkrieg

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Bauernkrieg (Heilbronner Reichsverfassungsentwurf; Thomas Münzer).

wig von Helfenstein, einem der tapfersten Ritter jener Zeit, Liebling Ferdinands von Österreich. Die Wut der Bauern stieg aufs äußerste, als die Aufforderung zur Übergabe mit Schimpf und Spott abgewiesen ward; der 8000 Mann starke Haufe begann einen heftigen Sturm, und die durch ein verräterischerweise geöffnetes Thor hereindringenden Bauern richteten unter den Herren und Edlen ein fürchterliches Blutbad an. Vergeblich warf sich des gefangenen Grafen von Helfenstein Gattin, eine natürliche Tochter Maximilians I., ihren Knaben auf dem Arm, den Häuptlingen zu Füßen; vergebens bot der Graf selbst 30,000 Fl. als Lösegeld. "Und wenn du uns zwo Tonnen Goldes gäbest, so müßtest du doch sterben!" rief man ihm hohnlachend zu. Als der Graf kein Erbarmen sah, stürzte er sich verzweifelnd in die Spieße der Bauern. Wie der Graf, so wurden seine Gefährten unter Trommel- und Schalmeienklang durch die Spieße gejagt. Helfensteins Gemahlin riß man das Geschmeide ab, warf sie mit ihren Frauen auf einen Mistkarren und führte sie so nach Heilbronn. Nach dieser furchtbaren That nahm der ganze Adel vom Odenwald bis an die schwäbische Grenze die Gesetze der Bauern an. Von Weinsberg brach das Heer der Bauern gegen Heilbronn auf, und hier bedurfte es nicht einmal eines ernsthaften Angriffs; da die Mehrzahl der Bürger schon vorher den Bauern geneigt war und durch Verrat ein Thor geöffnet ward, worauf die Menge eindrang, mußte der Rat eine Verbrüderung mit den Bauern eingehen. Während ein Platz nach dem andern in die Hände der Bauern fiel, empfanden diese doch den Mangel an Zucht und Ordnung. Daher wählten sie auf Hippelers Vorschlag den Ritter Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, welcher als Feind der hohen Geistlichkeit und der Fürsten bei den Bauern beliebt war, zum Feldhauptmann. Götz sträubte sich anfangs und nahm die Führung auch nur auf einen Monat an. Schon am 6. und 7. Mai erschien das Bauernheer von verschiedenen Seiten her vor Würzburg und wurde freudig begrüßt von den Bürgern der Stadt, welche jetzt reichsstädtische Freiheiten zu erringen gedachten. Sie und die Bauern schwuren einander Treue und Standhaftigkeit, bis der Frauenberg erobert sei, wo die letzte Kraft der Ritterschaft und des Fürstentums in Franken unter Sebastian v. Rotenhan und Markgraf Friedrich von Brandenburg versammelt war.

So war der ganze schwäbische und fränkische Stamm der deutschen Nation in einer Bewegung begriffen, die der bestehenden Ordnung der Dinge eine vollständige Umkehr drohte, und um so größer war die Bedeutung dieses Aufstandes, als auch schon eine große Anzahl von Städten daran teilnahm. Zuerst waren es die kleinern Städte, die sich zu den Bauern gesellten, wie Kempten, Leipheim und Günzburg a. d. Donau, die kurmainzischen Städte im Odenwald, die Städte im Breisgau. Auch einige Reichsstädte, wie Memmingen, Dinkelsbühl, Wimpfen, wurden mit Güte oder Gewalt herbeigezogen. Aber auch in den größern Städten thaten sich ähnliche demokratische Bestrebungen mit Macht hervor. So forderte die Bürgerschaft von Mainz die ihr nach dem letzten Aufruhr entrissenen reichsstädtischen Rechte wieder zurück. Der Rat von Trier stellte sich an die Spitze der Bewegung und drang auf Herbeiziehung der Geistlichen zu den bürgerlichen Lasten. Solche Fortschritte veranlaßten einige Männer von größerer politischer Einsicht, die Neuorganisation der ganzen Reichsverfassung ins Auge zu fassen; es waren besonders Wendel Hippeler und Friedrich Weigand v. Miltenberg. Heilbronn wurde zum Mittelpunkt der ganzen Bewegung erwählt, dort sammelten sich im Mai 1525 Abgeordnete der verschiedenen aufgestandenen Gaue, und in diesem "Bauernparlament" entstand der Heilbronner Reichsverfassungsentwurf. An der Spitze desselben stand die Säkularisation der geistlichen Güter, welche zur Entschädigung der weltlichen Herren für die Aufhebung der Feudallasten dienen sollten; die Steuern sollten beschränkt oder ganz aufgehoben werden, der Kaiser sollte eine größere Macht bekommen gegenüber den Fürsten und Herren; dem Volk sollte das alte nationale Recht zurückgegeben, Doktoren des römischen Rechts sollten nur an Universitäten angestellt werden; eine neue Gerichtsordnung war beabsichtigt, Einheit von Münze und Gewicht, Sicherheit des Handels, Schutz gegen Wucher wurden verlangt; alle Stände sollten sich zur Erhaltung von Frieden und Ruhe verbinden. Ein Schiedsgericht wurde in Aussicht genommen, zu welchem als Beisitzer Erzherzog Ferdinand, Kurfürst Friedrich von Sachsen, Luther, Melanchthon u. a. vorgeschlagen wurden. Es war also eine vollständige Reichsreform in demokratischem Sinn beabsichtigt, welche Deutschland einen neuen Staats- und Rechtsboden und damit die Möglichkeit einer glücklichen, ja großartigen Entwickelung hätte geben können. Indessen Kaiser Karl V. hatte kein Verständnis für die deutschen Dinge, ihm kam der Gedanke gar nicht, die mächtige populäre Bewegung zur Errichtung eines starken, einheitlichen Reichs zu benutzen. Noch wichtiger war, daß die zügellosen Ausschreitungen und die rohen Gewaltthaten der Bauern den Mittelstand davon abschreckten, sich der Erhebung anzuschließen, daß vor allem Luther, in dessen Geiste die Führer der Bewegung zu handeln glaubten, sich entschieden gegen sie erklärte und zwar veranlaßt durch die Art, wie sie in Thüringen auftrat.

Hier waren die sozialpolitischen Bestrebungen aufs engste mit den kirchlichen Reformideen, aber in der schwärmerischen und fanatischen Weise Thomas Münzers verbunden. Dieser war in Mühlhausen zum Ansehen eines gottbegeisterten Propheten gelangt. Er entschied im Rat, im Gericht nach seiner innern Offenbarung, ließ Geschütz gießen, die Pfarrer vertreiben, zahllose Klöster zerstören und die Schlösser und Burgen der Herren stürmen. Vom Thüringer Wald bis zum Harz hin war alles in wilder Bewegung, und hier war nicht die Rede von Bedingungen und Verträgen, wie in Oberdeutschland, sondern alles ging auf "allgemeines erbarmungsloses Verderben" hinaus. Blut und Zerstörung folgten Münzers Bahnen, es sollte ganze Arbeit gemacht werden: "Nur dran", rief er, "dran, dran! Lasset euch nicht erbarmen, lasset euer Schwert nicht kalt werden vom Blut, schmiedet Pinkepank auf dem Amboß Nimrod, werft ihm den Turm zu Boden! Dran, dran, dieweil ihr Tag habt, Gott geht euch vor, folget!" Er wollte von keiner Obrigkeit, keinem Eigentum wissen, Staat, Kirche und Gesellschaft sollten umgestürzt werden. Hiergegen erhob sich nun Luther, auf den seit Beginn des Bauernkriegs aller Augen gerichtet waren. Als ihm die Bauern die zwölf Artikel zugeschickt hatten, hatte er mit einer "Ermahnung zum Frieden" geantwortet; er sprach offen aus, daß manche Forderungen billig seien, daß die Fürsten und Herren anders werden und Gottes Wort weichen sollten; aber er war weit entfernt, das revolutionäre Auftreten der Bauern zu billigen. Gehorsam gegen die Obrigkeit stand ihm ja stets in erster Linie, er schied streng zwischen Geistlichem und Welt-^[folgende Seite]