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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Baumwolle

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Baumwolle (Kultur; chemische Beschaffenheit etc.).

pflanzen die schwächlichen und entspitzt nach 3-4 Monaten die Schößlinge, damit die Pflanzen recht buschig werden, weil die besten Früchte an jungen Trieben wachsen. Fünf Monate nach der Aussaat beginnt die Ernte. Perennierende Arten werden im zweiten Jahr kurz über dem Boden abgeschnitten, die Ernte fällt aber bei ihnen von Jahr zu Jahr geringer aus, und nach einigen Jahren müssen sie umgepflügt werden. Die Ernte umfaßt wegen des ungleichen Reifens der Kapseln immer eine längere Zeit; man pflückt die Wolle mit den Samenkörnern und läßt die Hülsen stehen, weil dieselben leicht zerstückeln und sich dann schwer von der B. trennen lassen. Zur Abscheidung der pfefferkorn- bis erbsengroßen Samen benutzt man Egreniermaschinen, durch deren Erfindung die Baumwollkultur mächtig gefördert wurde. Sie sind für verschiedene Baumwollsorten von ungleicher Konstruktion. Auf einer rasch umlaufenden Welle befinden sich z. B. 20-80 Kreissägen, welche mit ihren spitzen, schräg gestellten Zähnen durch die eng stehenden Zähne eines eisernen Rostes hindurchgreifen, die auf einem Zuführtisch ausgebreitete B. erfassen und durch den Rost hindurchzerren, während die Samenkörner abspringen. Eine mit Bürsten besetzte Welle, welche sich hinter der Sägewelle dreht, nimmt von dieser die B. ab. Es ist leicht einzusehen, daß langhaarige B. bei diesem etwas gewaltsamen Prozeß leicht zerrissen wird. Um dies zu vermeiden, wendet man eine Walzenmaschine (roller-gin) an, welche die B. zwischen zwei glatten oder geriffelten Walzen hindurchzieht, wobei wieder die Samen, welche nicht folgen können, abspringen. Eine große Baumwollpflanze kann bis 2½ Pfd. rohe B. liefern, häufig wird aber nur der zehnte Teil dieses Ertrags gewonnen. Man schätzt den Ertrag von 1 Acre (0,4 Hektar) bei Sea Island auf 75-150 Pfd. gereinigte B., bei Upland 150-250 Pfd.; in Indien rechnet man aber nur 50-60 Pfd., in Natal 200 Pfd. vom Acre. Von den geringen Sorten liefern 900 Pfd. rohe Wolle einen Ballen von 300-350 Pfd., von den besten Sorten gehören dazu bis 2000 Pfd. rohe B.

[Beschaffenheit.] Die Baumwollfaser bildet eine einzige langgestreckte Pflanzenzelle, ist vor der Reife mit einem körnigen Inhalt erfüllt, zur Zeit der Reife aber leer und zu einem glatten, meist schraubenartig gedrehten Band zusammengefallen, welches unter dem Mikroskop doppelt konturiert erscheint (Fig. 3, 4, 6). Die Außenfläche der Zelle bekleidet ein feines Häutchen, die Cuticula, welches an gröbern, besonders glanzlosen, Baumwollsorten stark entwickelt ist und als ein feinkörniges oder streifiges oder astförmig gezeichnetes Häutchen erscheint, aber im allgemeinen um so undeutlicher bleibt, je feiner und glänzender die B. ist. Die Breite der Haare schwankt zwischen 0,0119 und 0,0420 mm, die Länge zwischen 2,5 und 6 cm. Die am häufigsten vorkommenden Werte für die Längen (Stapel) der nachstehenden Baumwollsorten sind:

^[Liste]

Gossypium barbadense, Sea Island 4,05 Centim.

" " Brasilien 4,00 "

" " Ägypten 3,89 "

" arboreum, Indien 2,50 "

" herbaceum, Makedonien 1,82 "

" " Bengalen 1,03 "

Außer diesen Haaren findet sich auf den Samen eine Grundwolle, aus kleinen, etwa 0,5-3 mm langen Haaren bestehend, teils gleichmäßig den Samen überziehend oder auf die Spitze und Basis beschränkt. Wenn zur Zeit der Reife der Baumwollhaare deren körniger Inhalt zu schwinden beginnt, so verdickt sich die Zellwand, bis sie etwa ⅓-⅔ vom Durchmesser des Haars erlangt hat. Die Wand der Baumwollzelle kann sich in Bezug auf ihre Dicke nicht mit der Flachsfaser, wohl aber mit sehr vielen andern Bastfasern messen und übertrifft bei weitem alle übrigen technisch verwendeten Pflanzenhaare. Von der Stärke dieser Verdickungsschicht hängen nun aber die Weichheit und Biegsamkeit der Faser, die schraubenzieherartige Drehung und damit die Elastizität sowie die Festigkeit ab; was letztere betrifft, so zerreißt Louisiana bei 2,5, Georgia bei 3,66, Jumel bei 4,33, kurze Georgia bei 4,5 g Belastung. Das spezifische Gewicht der B. beträgt 1,47-1,5; sie ist sehr hygroskopisch, und zwar vermehrt nach vollkommenem Trocknen im luftleeren Raum 1 g ungesponnene B. ihr Gewicht auf 1,3092, Gespinst auf 1,2593 in einer bei 18° mit Feuchtigkeit gesättigten Luft. Die B. besteht im wesentlichen aus Cellulose C6H10O5 ^[C_{6}H_{10}O_{5}], die Cuticula scheint aber andre Zusammensetzung zu haben. Sie ist im allgemeinen weiß mit einem Stich ins Gelbliche, und zwar ist gerade die feinste u. festeste B. gelblich. Die Nankingbaumwolle ist gelb oder gelbbraun. Aber auch die weiße ist fast niemals rein weiß, und die Grundwolle zeigt meist gelbe, bisweilen grüne Färbung. B. löst sich in konzentrierter Schwefelsäure, u. beim Verdünnen der Lösung entsteht Dextrin; als Zwischenstufe entsteht eine dem Stärkekleister sich höchst ähnlich verhaltende Substanz, das sogen. Amyloid; in verdünnter Schwefelsäure quillt die B. etwas auf; konzentrierte Salpetersäure oder ein Gemisch von Salpeter und konzentrierter Schwefelsäure verwandelt sie in Pyroxylin, welches entweder in Ätheralkohol unlöslich ist (Schießbaumwolle), oder sich darin löst (Kollodiumwolle). Kali- und Natronlauge wirken bei einiger Konzentration und nicht zu langer Berührung zusammenziehend auf die Fasern, diese schwellen an, verdicken und verkürzen sich, zeigen sich unter dem Mikroskop bedeutend stärker gedreht, mit fast kreisrundem Querschnitt und sehr enger Höhlung. So veränderte B. heißt mercerisiert (Querschnitt, Fig. 7), sie nimmt beim Färben dunklere Nüancen an als unveränderte B. unter denselben Verhältnissen. Wasserglas, welches bisweilen bei der Appretur gebraucht wird, macht die B. besonders bei dichter Ver-^[folgende Seite]

^[Abb.: Fig. 1 u. 2. Faser der toten oder unreifen Baumwolle. Fig. 3 u. 4. Reife Baumwolle (400mal vergrößert). Fig. 5 Querschnitte der toten, Fig. 6 der reifen Baumwolle.]

^[Abb.: Fig. 7. Querschnitt mercerisierter Baumwolle.]