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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bayern

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Bayern (Geschichte: seit 1873).

Regierung Befehl, ihre Thätigkeit einzustellen. Eine Kollektiveingabe der bayrischen Bischöfe an den König (Oktober 1873), worin für sämtliche noch bestehende geistliche Orden und religiöse Kongregationen der königliche Schutz erbeten wurde, hatte ebensowenig Erfolg wie die fast gleichzeitig eingereichte Vorstellung gegen die Errichtung konfessionell gemischter Schulen. Die Regierung war auf den glücklichen Gedanken gekommen, die Schulreformen, welche sie in den Kammern nicht hätte durchsetzen können, teils durch die Landräte der einzelnen Kreise (wie die Aufstellung fachmännisch gebildeter Kreis- und Bezirksschulinspektoren), teils auf dem Verordnungsweg ins Leben zu führen. Im September 1873 erschien eine Verordnung über Vermehrung der Volksschulen und Umwandlung der konfessionell getrennten in konfessionell gemischte Volksschulen, welche Maßregel von einem Beschluß der Gemeindebehörden abhängen sollte, und im April 1873 eine Verordnung über Gründung und Leitung von Erziehungs- und Unterrichtsanstalten, welche alle, namentlich auch die Seminare für angehende Kleriker, unter die Genehmigung und die Oberaufsicht des Staats gestellt werden sollten. Im übrigen beobachtete die Regierung dem Klerus gegenüber eine vorsichtige Haltung und bemühte sich, einen offenen Bruch zwischen Staat und Kirche zu vermeiden. Sie begnügte sich, die erledigten Bischofstühle mit gemäßigten, friedfertigen Männern zu besetzen.

Die Geistlichkeit und die Patriotenpartei ruhten indes nicht und errangen durch ihre Agitation bei den Reichstagswahlen 10. Jan. 1874 einen entschiedenen Sieg, indem sie von den 48 Wahlbezirken 32 für ultramontane Abgeordnete eroberten. Bei den neuen Landtagswahlen 24. Juli 1875 erlangten sie nur eine knappe Majorität, nämlich 79 Patrioten gegen 77 Liberale. Dennoch begannen sie sofort nach Eröffnung des Landtags, die 28. Sept. ohne Thronrede erfolgte, den parlamentarischen Feldzug, der das Ministerium stürzen und ihnen die Regierung in die Hand geben sollte. Das ganze Direktorium der Abgeordnetenkammer wurde nur aus Patrioten zusammengesetzt. Am 2. Okt. ward der Antrag des Abgeordneten Kurz, eine Adresse an den König zu richten, und 13. Okt. die von Jörg verfaßte Adresse selbst, welche das Ministerium der Parteilichkeit, der Verfassungsverletzung bei der Wahlkreiseinteilung und der Preisgabe von bayrischen Kron- und Landesrechten "in einem Interesse, das sehr weit entfernt sei, das allgemeine deutsche zu sein", beschuldigte und eine bayrische Regierung forderte, um den Frieden im Land wiederherzustellen, mit 79 gegen 76 Stimmen angenommen. Der König weigerte sich aber, die Adresse und das Entlassungsgesuch des Ministeriums anzunehmen, bezeigte vielmehr dem letztern in einem Erlaß vom 19. Okt. sein unerschüttertes Vertrauen und seine Hoffnung, daß es ihm mit Unterstützung aller maßvoll Denkenden gelingen werde, die Rückkehr des innern Friedens herbeizuführen. Zugleich ward der Landtag vertagt.

So endete dieser parlamentarische Feldzug, auf den die ultramontane Partei in und außer B. so große Hoffnungen für einen Umschwung der Dinge gesetzt hatte, mit einer entschiedenen und wohlverdienten Niederlage der Patriotenpartei und ihrer Führer Jörg und Freytag. Diese änderten auch nach Wiedereröffnung des Landtags 23. Febr. 1876 ihre Taktik. Sie spielten die Versöhnlichen. Bei der Beratung des provisorischen Steuergesetzes 3. März erörterte Freytag in ausführlicher Rede den Standpunkt der Partei, der unverändert der von Sr. Majestät allergetreuester Opposition sei; jedoch die Ordnung des Staatshaushalts wollten sie nicht stören und daher alle notwendigen Ausgaben bewilligen, nur müßten sie sich gegen die Folgerung verwahren, als ob das ein Anzeichen ihres Vertrauens zum Ministerium sei. Das provisorische Steuergesetz wie der Staatshaushaltsetat für 1877 wurden daher auch genehmigt, letzterer allerdings nicht ohne bedeutende Abstriche für Universitäten und Schulen sowie unter Streichung der Erhöhung der Beamtengehalte. Für diese Nachgiebigkeit hielten sich die Patrioten aber schadlos, indem sie einmal den Minister Lutz wegen seiner Aufdeckung der Senestreyschen Wahlagitationen wiederholt in der heftigsten Weise angriffen, dann bei den Wahlprüfungen in rücksichtslosester Weise von ihrer Majorität Gebrauch machten, um liberale Wahlen für ungültig zu erklären. So geschah es 4. Mai mit den Wahlen der Stadt München, deren liberaler Ausfall die Ultramontanen besonders erbittert hatte. Die fünf liberalen Vertreter Münchens wurden indes 26. Mai mit weit größerer Majorität wieder gewählt. Gleichwohl kassierte die Kammermajorität darauf 5. Juli die Wahlen in Pirmasens, 19. Juli die in Regensburg und Sulzbach, 27. Juli die in Würzburg und Schweinfurt, "um ein Exempel zu statuieren", wie ihre Redner sich ausdrückten; ohne alle Scheu erklärte sie für Kassationsgrund, was sie bei klerikalen Wahlen billigte. Daß die Vorwände für diese Beschlüsse ganz frivol waren, bewies der Ausfall der Neuwahlen, die durchweg mit größerer Majorität als früher liberal ausfielen. Am 29. Juli ward der Landtag vom Prinzen Luitpold geschlossen. Schon während der Sitzung war im Patriotischen Klub Streit ausgebrochen zwischen den sogen. Staatsmännern (Jörg, Freytag u. a.) und den Extremen (den Kaplänen Ratzinger, Rittler u. a.). Der im ganzen für die Patrioten erfolglose Ausgang der Session verschärfte diesen Streit, der sich nun in der Presse fortsetzte, und es bildete sich in der klerikalen Partei ein linker Flügel, welcher sich allein auf das von der Geistlichkeit beherrschte Volk stützen, durch radikale Mittel, wie Massenaustritt aus der Kammer, deren Auflösung und eine günstigere Neuwahl erlangen und dann den klerikalen Musterstaat aufrichten wollte, der das Deutsche Reich sprengen und der Kirche zum Sieg verhelfen sollte; diese "katholische Volkspartei", wie sie sich nannte, wurde von den demagogischen Hetzkaplänen, deren Vorbild Sigl, der Redakteur des Münchener "Vaterland", war, geleitet, die ohne Vaterland und ohne Bildung den rohesten kirchlichen Fanatismus und das engherzigste Bajuvarentum predigten und weder von politischen Rücksichten noch von Gemeinschaft mit den norddeutschen Ultramontanen, den "Preußen", etwas wissen wollten. Jetzt sahen sich Jörg und Genossen, die früher alle gemäßigten Parteigenossen brutal von sich gestoßen, selbst überholt und in den Hintergrund gedrängt. Die Regierung konnte unter diesen Umständen ungehindert ihren Weg weitergehen. In der Volksstimmung ward allerdings ein Umschwung zum Bessern noch nicht bemerkbar. Bei den Reichstagswahlen wie bei den Wahlen für den Landtag behaupteten die Klerikalen ihren Besitzstand. Dennoch nahmen die Verhandlungen im Abgeordnetenhaus einen ruhigen Verlauf. Die Einführungsgesetze für die große deutsche Justizreform wurden 1879 genehmigt, ebenso ein Gesetz über den Ausbau des Eisenbahnnetzes und 1881 eine Steuerreform, welche die durch den Ausfall bei den Eisenbahnen verringerten Einkünfte des Staats vermehren sollte. Unbequeme