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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Belgien

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Belgien (Geschichte 1842-1860).

Weise. So gar eine orangistische Verschwörung wurde entdeckt, an deren Spitze die Generale Vandermer und Vandersmissen standen. Von besonderer Wichtigkeit waren unter dem Ministerium Nothomb die am 16. Juli 1842 mit Frankreich und 1. Sept. 1844 mit dem Deutschen Zollverein abgeschlossenen Handels- und Zollverträge, wodurch der belgische Handel bedeutet in Aufschwung kam. Infolge der Wahlen von 1845 trat das Ministerium Nothomb zurück. Nur von kurzem Bestand war das im Juli 1845 berufene liberale Ministerium van de Weyer, das schon im März 1846 durch ein katholisches unter de Theux ersetzt ward, welches aber bereits 1847 wieder einem liberalen Ministerium Rogier weichen mußte.

Damit kam der auf die Mehrheit des Volks sich stützende Liberalismus ans Ruder; freilich war noch manche Schwierigkeit zu überwinden, zumal die Erste Kammer sich widerspenstig zeigte. Indessen leistete die neue Regierung nicht wenig in der Richtung besonnenen freiheitlichen Fortschritts, suchte die Übergriffe des Klerus in würdiger Weise zurückzuweisen und traf Einrichtungen zur Hebung der Volksbildung, des Wohlstandes und der kommunalen Autonomie. Das Kabinett war daher im Revolutionsjahr 1848 so fest begründet, daß es ohne Anstoß sich erhielt, und die Dynastie genoß solches Vertrauen, daß der König ohne Bedenken die Beibehaltung seiner Krone von dem Willen des Volks abhängig machen konnte. Ohne Schwierigkeiten wurden die geforderten Summen für Erhaltung der belgischen Unabhängigkeit und für Militärbedürfnisse verwilligt, und als Ende März 1848 ein Haufe Arbeiter von der französischen Grenze her in B. eindrang, um das Land zu revolutionieren, zeigten sich keine Sympathien, und die Eindringlinge wurden ohne Mühe durch die belgischen Truppen zersprengt. Neue Unterstützung fand das Ministerium durch die Wahlen von 1848, wodurch die Opposition auf weniger als ein Dritteil der Stimmen beschränkt ward. So konnte 1850 das Gesetz über den mittlern Unterricht in freiheitlichem Sinn zu ungunsten des Klerus entschieden werden. Trotz mancher Personalveränderungen und trotz der durch das Militärbudget herbeigeführten Krisis behauptete sich das Ministerium; die Handelsverträge wurden gesichert, die Gewerbesteuer erleichtert, eine Nationalbank gegründet, die Brieftaxe auf die Hälfte herabgesetzt. Auch die Schwierigkeiten, welche der französische Staatsstreich 2. Dez. 1851 verursachte, und welche namentlich die Behandlung der politischen Flüchtlinge betrafen, wurden durch die besonnene Haltung der Regierung überwunden, obwohl zum Schutz des Landes ein Kredit von 4,700,000 Fr. verlangt und ein verschanztes Lager bei Antwerpen errichtet wurde. Zugleich gelang es, mit dem bis dahin B. abgeneigten Rußland in bessere Beziehungen zu treten, weshalb die im belgischen Heer dienenden polnischen Offiziere 4. April 1852 entlassen wurden. Dennoch sah sich infolge einer Niederlage bei der Wahl des Kammerpräsidenten im September 1852 das Ministerium veranlaßt, abzudanken, und an seine Stelle trat ein gemäßigt liberales, an dessen Spitze Brouckère als Minister des Auswärtigen stand, und welches die kommerziellen Verhältnisse mit Frankreich in befriedigender Weise regelte. Die Annexionsgelüste des neuen französischen Kaisers aus dem Napoleonischen Haus waren König Leopold und der belgischen Regierung wohlbekannt. Sie hüteten sich aber wohl, durch voreiliges Lärmschlagen dieselben herauszufordern und vielleicht ihre Verwirklichung zu beschleunigen.

Nachdem das Kabinett Brouckère infolge einiger an sich unbedeutender Differenzen mit der Kammer im März 1855 zurückgetreten war, berief der König ein gemäßigtes, doch in der Hauptsache der katholischen Partei zugeneigtes Kabinett, in welchem de Decker das Innere, Graf Vilain XIV. das Auswärtige übernahmen. Zwar suchte die neue Regierung den ultramontanen Übergriffen zu begegnen, konnte aber doch nicht das volle Vertrauen der Liberalen gewinnen, obwohl mehrere Abstimmungen zu gunsten des Ministeriums ausfielen und die Kammer sogar das Examengesetz genehmigte, welches die Maturitätsprüfung für die Universitäten abschaffte und in seinen Konsequenzen dem klerikalen Unterrichtswesen zu großem Vorteil gereichte. Nach außen bewahrte das Kabinett eine feste Haltung und wies namentlich die nicht undeutlichen Absichten der französischen Regierung, in B. eine Beschränkung der Preßfreiheit durchzusetzen, mit aller Entschiedenheit zurück. So zeigten sich denn auch die Sympathien für König Leopold in hohem Maß bei seinem 21. Juli 1856 begangenen 25jährigen Regierungsjubiläum. Allein das öffentliche Vertrauen ging dem Ministerium verloren bei der Vorlegung des Gesetzes über die Organisation des Stiftungswesens und der Wohlthätigkeitsanstalten, für welche die Staatsaufsicht beseitigt wurde, worin man eine Herstellung der Toten Hand und eine unverantwortliche Unterstützung des Klerus und des Mönchswesens erblickte. Schon in der Kammer zeigte sich das Mißtrauen, und sie wurde im Sommer 1856 vertagt. Als aber 20. Mai 1857 die Hauptartikel des Gesetzes mit 60 gegen 44 Stimmen angenommen wurden, brach die allgemeine Unzufriedenheit los; in mehreren Städten kam es zu Mißhandlung der Mönche und zu Tumulten, welche durch Waffengewalt unterdrückt werden mußten. Indessen durch die Schließung der Session und durch einen im "Moniteur" veröffentlichen Brief des Königs an den Minister de Decker, der einen tiefen Eindruck machte, wurde die Ruhe wiederhergestellt; gleichwohl sah sich, zumal als die Gemeinderatswahlen im Oktober 1857 in antiklerikalem Sinn ausfielen, das Ministerium zum Rücktritt veranlaßt (30. Okt. 1857).

An seine Stelle trat ein liberales Ministerium unter Rogier. Die Kammer wurde aufgelöst, und durch die Neuwahlen ergab sich eine liberale Majorität von 70 Stimmen gegen 38. Das neue Ministerium mußte seine Thätigkeit mit einer Beschränkung der Preßfreiheit beginnen, indem es auf Verlangen der französischen Regierung, welche durch das Orsinische Attentat erschreckt war, die Verfolgung der Beleidigung fremder Monarchen auch ohne Antrag der Beleidigten anordnete. Auch beschloß es, die Befestigungsfrage in die Hand zu nehmen. Die bisherigen Festungen an der Südgrenze gegen Frankreich waren veraltet; auch ihr Umbau war nicht zweckmäßig, da ihre große Zahl die ganze belgische Streitmacht erfordert, diese zersplittert und das Land selbst gänzlich wehrlos gemacht hätte. Es erschien daher zweckmäßiger, diese festen Plätze im Süden aufzuheben und Antwerpen, das sich mehr und mehr zu einem großartigen Handelsemporium entwickelte, zu einer bedeutenden Festung umzugestalten, welche im Notfall der belgischen Armee einen Stützpunkt gewähren und die Verbindung mit der See aufrecht erhalten konnte. Die Verwirklichung dieses Plans erforderte jedoch beträchtliche Geldmittel und mußte daher die Opposition gegen die Regierung verstärken; ferner stieß sie in Antwerpen selbst, wo man allerhand Nachteile und Gefahren von der Befestigung, welche die