Schnellsuche:

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bell-Lancastersches Unterrichtssystem; Bellinzōna; Bellis; Bellman

671

Bellinzona - Bellman.

4 Heilige und ein Geige spielender Engel (1505, Venedig, San Zaccaria, Hauptwerk), der heil. Christoph mit dem Kind, Augustin und Hieronymus (1513, Venedig, San Giovanni Crisostomo). Von seinen Bildnissen sind der Doge Giovanni Mocenigo und der Doge Leonardo Loredano mit seinen Söhnen hervorzuheben. Es gelang ihm, die Befangenheit der ältern Meister vollkommen abzustreifen und in seinen letzten Jahren zur vollen Freiheit der Renaissance zu gelangen, welche in den von ihm beeinflußten Giorgione, Palma und Tizian ihren Höhepunkt erreichte.

3) Lorenzo, Mediziner, geb. 3. Sept. 1643 zu Florenz, ward 1663 Professor der Anatomie in Pisa, zuletzt Leibarzt des Großherzogs von Toscana; starb 8. Jan. 1704. Er ist sehr verdient um die anatomische Untersuchung der Nieren und Entdecker der nach ihm genannten Röhrchen in den Nierenwärzchen (tubuli Belliniani, Bellinische Gänge), auch als Dichter bekannt, namentlich durch seine "Bucchereide" (Flor. 1729). Er schrieb: "De structura et usu rerum" (Flor. 1662) u. a. Seine "Opera omnia" erschienen Venedig 1708, 2 Bde., u. öfter.

4) Vincenzo, ital. Opernkomponist, geb. 3. Nov. 1801 zu Catania in Sizilien, war seit 1819 Schüler des Konservatoriums zu Neapel und machte seine Studien besonders unter Tritto und Zingarelli. Von seinen ersten Kompositionen, bestehend in Kirchensachen, Instrumentalstücken für Flöte, Klarinette und Klavier und einer Kantate: "Ismene", abgesehen, war es zuerst seine Oper "Adelson e Salvina" (1824 zu Neapel gegeben), welche ihn bekannt machte und ihm den Auftrag verschaffte, für das Theater San Carlo die Oper "Bianca e Fernando" zu komponieren. Dieses Werk fand bei seiner Aufführung (1826) so großen Beifall, daß B. alsbald einen Ruf nach Mailand erhielt, um für das Theater della Scala eine Oper zu schreiben. Das hier entstandene Werk, welches sofort nach seinem Erscheinen (1827) den Ruhm des Künstlers über ganz Italien verbreitete, war "Il Pirata", Text von Felice Romani, welcher den Komponisten seitdem in seiner Thätigkeit aufs eifrigste unterstützte. Rasch aufeinander folgten jetzt die Opern: "La Straniera" (1829 zu Mailand), "I Capuleti ed i Montecchi" (1830 zu Venedig), "La Sonnambula" (1831 zu Mailand, für die Pasta geschrieben), "Norma" und "Beatrice di Tenda" (beide letztere 1831), die überall mit Entzücken aufgenommen wurden und ganz Europa von den einschmeichelnden, schmachtenden Melodien des Sizilianers widerhallen machten. B. begab sich 1833 nach Paris und von da nach London, wo er glänzende Aufnahme fand. Doch kehrte er 1834 nach Paris zurück, um für die dortige Italienische Oper seine "Puritani" zu schreiben, die mit neuem Enthusiasmus begrüßt wurden und zugleich einzelne nicht unwesentliche Fortschritte in seiner künstlerischen Entwickelung bekundeten. Leider raffte ein früher Tod den Künstler hinweg; er starb 23. Sept. 1835 in Puteaux bei Paris. B. ist kein dramatischer Komponist im deutschen Sinn des Worts; er strebt nicht danach, ein dramatisches Ganze zu schaffen, sondern begnügt sich, dem Sänger ein weites Feld theatralischer Erfolge zu eröffnen, und opfert diesem Streben nicht selten den wahrhaft dramatischen Ausdruck völlig auf. Dabei fehlen ihm die übersprudelnde Genialität und geistreiche Mannigfaltigkeit Rossinis, während er in der Rückkehr von der überladenen Kolorierung Rossinis zum einfachen getragenen Gesang sowie überhaupt in dem ungekünstelten Ausdruck reicher und ernster Empfindung jenem gegenüber unleugbare Vorzüge besitzt. Auch arbeitete er gewissenhafter und sorgfältiger als Rossini. Von besonderm Wert für den Erfolg seiner Opern war noch der Umstand, daß ihm zur Ausführung derselben die vorzüglichsten Gesangskräfte zu Gebote standen, namentlich der Tenorist Rubini und die Pasta, für deren eigentümliches Talent mehrere seiner tragischen Rollen ausdrücklich bestimmt sind. Vgl. Pougin, B., sa vie, ses œuvres (Par. 1868); Percolla, Elogio biografico del Cav. V. B. (Neap. 1876). Eine geistvolle Schilderung seiner künstlerischen Persönlichkeit findet man in Ferdinand Hillers "Künstlerleben" (Köln 1880).

Bellinzōna (im Munde der deutschen Schweizer früher Bellenz), die Hauptstadt des schweizer. Kantons Tessin, 222 m ü. M., mit einer im italienischen Geschmack des 16. Jahrh. erbauten Stiftskirche und (1880) 2436 Einw. italienischer Zunge. Die Thalenge, jetzt von der Gotthardbahn durchzogen, beherrscht einerseits den Ausgang der Straßen über den St. Gotthard und St. Bernhardin wie der zwischen ihnen gelegenen Pässe Lukmanier und La Greina, anderseits den Zugang zum Lago Maggiore und (durch den Übergang des Monte Cenere) zum Luganer See. Die hoch thronenden drei Burgen mit Türmen und Zinnen geben B. ein mittelalterliches Aussehen; eine derselben (Castello Grande) dient jetzt als Zucht- und Zeughaus, die beiden andern wurden durch neuere Fortifikationen verstärkt. Ein Damm schützt die Stadt gegen die Überschwemmungen des Ticino.

Bellis L. (Maßlieb, Gänseblume), Gattung aus der Familie der Kompositen, einjährige und perennierende, kleine Kräuter in Europa und den Mittelmeerländern. B. perennis L., mit nacktem Schaft, grundständigen, gekerbt-gezahnten, etwas rauhen, haarigen Blättern, ausdauernd, wächst überaus häufig auf Triften, Grasplätzen und Wiesen durch ganz Europa und blüht vom ersten Frühjahr bis in den Spätherbst. In Gärten gefüllt mit vielen weißen und roten Abänderungen, wobei alle Blüten unregelmäßig röhrig sind, unter dem Namen Tausendschön kultiviert, gewährt dieses Pflänzchen als Einfassung der Rabatten im Frühling und Sommer einen schönen Anblick.

Bell-Lancastersches Unterrichtssystem, benannt nach Andrew Bell u. Joseph Lancaster (s. d.); s. Wechselseitiger Unterricht.

Bellman, Karl Michael, pseudonym Fredman, schwed. Dichter, geb. 4. Febr. 1740 zu Stockholm, studierte in Upsala, zeigte in seiner Jugend eine religiöse Richtung, ließ sich aber bald zu einem dissoluten Leben in lustigen Gesellschaften verführen, die sein unvergleichliches Improvisationstalent ausbeuteten. Beim Zollwesen angestellt, versäumte er seine Dienstpflichten; auch trug er sonst bald alle Merkzeichen eines verkommenen Genies. Zum Glück für ihn herrschte damals Gustav III. in Schweden, der B. 1775 die Stelle eines Hofsekretärs mit 3000 Reichsthaler Gehalt verlieh, worauf der Dichter sich eine Sinekure machte, indem er für die Hälfte seines Gehalts die Geschäfte einem andern übertrug. Der König berief ihn oft zur Erheiterung der Gesellschaft an den Hof. B. starb 11. Febr. 1795 in Stockholm. Er ist einer der originellsten Dichter aller Zeiten, der an Selbständigkeit, Fülle der Phantasie, tiefem und wahrem Gefühl und Angemessenheit der Darstellung und des Ausdrucks alle seine Zeitgenossen weit überragte. Er war ein wahrer Volksdichter, alles objektiv auffassend, ganz mit seiner Zeit verschmolzen (daher reich an persönlichen und örtlichen Beziehungen), begabt mit kindlicher Natürlichkeit, dabei ein Meister