Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

766

Berliner Braun - Berlioz.

als blaue Tinte, zur Aquarellmalerei, zum Illuminieren von Landkarten und zum Ausspritzen der Gefäße bei anatomischen Präparaten. In der Zeugdruckerei befestigt man bisweilen das fertige B. mit Eiweiß auf den Geweben, meist erzeugt man es aus diesen selbst, indem man sie mit Eisenoxydlösung tränkt und dann durch eine Mischung von gelbem Blutlaugensalz mit Mineralsäure passiert. Wird gleichzeitig Zinnchlorür angewendet, so erhält das Blau eine prächtige Purpurnüance (Raymonds Blau, Napoleons Blau, Kaliblau). Das auf Seide hervorgebrachte Bleu de France wird nur mit Blutlaugensalz versetzt, indem man die Lösung mit Schwefelsäure versetzt und das Gewebe in der Flüssigkeit bei Luftzutritt erhitzt. B. wurde 1704 von Diesbach in Berlin entdeckt und die Fabrikation bis 1724 geheim gehalten. Später wurde es der Ausgangspunkt für zahlreiche Untersuchungen, und erst in neuester Zeit erkannte man die wahre Zusammensetzung.

Berliner Braun (Preußischbraun), sehr schönes, beständiges und gut deckendes Braun, wird durch Glühen des Berliner Blaus an der Luft dargestellt, besteht aus Eisenoxyd und Kohlenstoffeisen, kann aber im großen nicht leicht von gleichmäßiger Nüance erhalten werden. Es ist nicht giftig und als Wasser-, Öl- und Kalkfarbe brauchbar.

Berliner Eisen, s. Schwanenhalseisen.

Berliner Kongreß, die Versammlung von Vertretern der Großmächte Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Rußland und Türkei, welche, von Österreich angeregt, auf Einladung der deutschen Reichsregierung 13. Juni 1878 unter Vorsitz des Fürsten Bismarck in Berlin zusammentrat, um das im Frieden von San Stefano festgesetzte Ergebnis des russisch-türkischen Kriegs zu prüfen und mit den Interessen Europas, besonders Englands und Österreichs, in Einklang zu bringen. Das Ergebnis der Beratungen war der Berliner Friede vom 13. Juli 1878, der die Fürstentümer Rumänien, Serbien und Montenegro, letztere beiden erheblich vergrößert, für souverän erklärte, Bulgarien als suzeränen Staat und Ostrumelien als autonome Provinz von der Türkei abtrennte, Rußland Bessarabien und einen Teil Armeniens als neue Gebietserwerbungen zusprach, Österreich mit der Okkupation Bosniens und der Herzegowina beauftragte und Griechenland eine Erweiterung seiner Nordgrenze in Aussicht stellte. Die Macht der Türkei in Europa und Asien ward durch den Vertrag erheblich geschwächt, aber der Einfluß Rußlands zu gunsten Österreichs eingeschränkt.

Berliner Rot (Preußisch rot), gebrannter, lebhaft roter Ocker, sonst auch Englischrot oder eine aus Fernambukholz oder andern Rotholzsorten mit Alaun dargestellte Lackfarbe.

Berlingot (franz.), s. Berline.

Berlin-Spandauer Schiffahrtsgraben, s. Spree.

Berlioz (spr. -ōs), Hector, berühmter franz. Komponist, geb. 11. Dez. 1803 zu La Côte St.-André unweit Grenoble, wurde von seinem Vater, einem dortigen Arzt, zu dem gleichen Beruf bestimmt und erhielt demgemäß eine vorwiegend wissenschaftliche Erziehung. Mit äußerst bescheidenen musikalischen Kenntnissen kam er 1822 nach Paris, um Medizin zu studieren; doch vertauschte er dies Studium bald mit dem der Musik, freilich gegen den Willen seines Vaters, der ihm sogar seine Unterstützung entzog, so daß B. gezwungen war, als Chorist des Theaters Gymnase dramatique seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 1826 als Schüler ins Konservatorium aufgenommen, fand er im Direktor der Anstalt, Cherubini, zwar einen Gegner, dafür aber in LeSueur einen auf sein Wesen liebevoll eingehenden Lehrer, und von diesem gefördert, konnte er 1830 mit einer Kantate: "Sardanapale", den sogen. römischen Preis gewinnen, infolgedessen er einen 18monatlichen Aufenthalt in Rom und Neapel nehmen durfte. Schon früher war er in Paris als Komponist öffentlich aufgetreten, zuerst 1828 mit den Ouvertüren: "Waverley" und "Les francs juges", das Jahr darauf mit der fünfsätzigen Symphonie "Épisode de la vie d'un artiste", in welcher die charakteristischen Merkmale seines gesamten Schaffens schon deutlich zu Tage traten: das Streben, einen dichterischen Gedanken in Tönen zu versinnlichen, und ein dem entsprechender Aufwand instrumentaler Mittel sowie jene Überschwenglichkeit der Phantasie und Freiheit der formalen Gestaltung, welche die damals in Frankreich zum Durchbruch gekommene Romantik im allgemeinen kennzeichneten. Noch entschiedener zeigten diese Seite der Berliozschen Individualität seine spätern symphonischen Arbeiten: "Le retour à la vie", eine Art Ergänzung zur oben genannten "Épisode", die er nebst der Ouvertüre zum "König Lear" aus Italien zurückgebracht; "Harold en Italie" (zum erstenmal aufgeführt 1834); die Totenmesse (Requiem) zur Begräbnisfeier des Generals Damrémont (1837); "Romeo et Juliette" mit Solo- und Chorgesang (1839); die Trauer- und Siegessymphonie für Militärmusik, zur Einweihung der Julisäule (1840), und die Ouvertüre "Le carnaval romain". Alle diese Werke erregten durch die Originalität der Erfindung und die von den bisherigen Mustern völlig abweichende Form ein ungemeines Aufsehen, wogegen der Versuch des Künstlers, mit der Oper "Benvenuto Cellini" (1838) auf der Bühne festen Fuß zu fassen, völlig mißlang.

Inzwischen war B. auch als musikalischer Schriftsteller mit Erfolg thätig gewesen, zuerst 1828 als Mitarbeiter des "Correspondant", dann der 1834 gegründeten "Gazette musicale", endlich des "Journal des Débats". Die Vorteile, die ihm aus dieser Stellung erwuchsen, büßte er jedoch zum Teil wieder ein durch die rücksichtslose Schärfe seiner Kritik, welche ihm zahlreiche Feinde zuzog. Von der Haltung des Pariser Publikums im ganzen wenig befriedigt, beschloß er, 1843 eine größere Kunstreise zu unternehmen, die ihn zunächst nach Norddeutschland führte, wo er meist mit Begeisterung aufgenommen wurde und unter andern in Griepenkerl (Braunschweig), Rob. Schumann und Lobe (Leipzig) warme Verehrer seiner Kunst fand. Zwei Jahre später bereiste er Österreich und Ungarn und 1847, nachdem er das Jahr zuvor seine Symphoniekantate "La damnation de Faust" in Paris zur Aufführung gebracht, Rußland, wo er noch mehr als in Deutschland gefeiert wurde. 1852 besuchte er zum zweitenmal Deutschland und verweilte diesmal längere Zeit in Weimar bei Liszt, der schon seit Jahren für die Verbreitung der Berliozschen Musik thätig gewesen war. Von seinen spätern Kompositionen sind zu erwähnen: das Mysterium "L'enfance de Christ" (1854), ein doppelchöriges Tedeum (1856), welches ihm die Ehre der Mitgliedschaft der Akademie eintrug, die komische Oper "Béatrice et Bénédict" (1862 in Baden und später in Weimar aufgeführt) und die große Oper "Les Troyens" (1866 im lyrischen Theater zu Paris aufgeführt). Mit diesem Werk, welches er als sein bestes bezeichnete, das Publikum jedoch abermals ablehnte, nahm B. Abschied von der Pariser Öffentlichkeit. Er starb 8. März 1869 in Paris, nachdem er noch das