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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bernstein

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Bernstein (Gewinnung, Handelssorten, Verarbeitung; Geschichtliches).

fiel auch wohl auf am Boden liegende Blätter, deren Form es im Abdruck erhalten hat. Auch die Bernsteinfauna ist in sehr zahlreichen Einschlüssen erhalten, weist Krustentiere, Tausendfüße, Spinnen, Insekten, eine Landschnecke, eine Vogelfeder und einen Büschel Fledermaushaare auf. Fische und Amphibien fehlen gänzlich. Sämtliche Bernsteintiere sind Landtiere, aber ein einziges Bruchstück eines Seekrebses deutet doch auf die Nähe des Meers und die vielen Neuropteren auf den Wasserreichtum des Bernsteinwaldes. Über das Schicksal dieses Waldes wissen wir nichts; es läßt sich die Existenz von 100 Mill. Ztr. B. berechnen, aber nirgends sind entsprechende Holz- oder Kohlenmassen zu finden, denn die Braunkohlenablagerungen des Samlandes stehen in gar keiner Verbindung mit dem Bernsteinwald.

Gewinnung. Handelssorten. Verarbeitung.

Man gewinnt den B. durch Auflesen des von der See ausgeworfenen und geht auch bis 100 Schritt ins Wasser, um ihn mit großen Netzen, welche an langen Stangen befestigt sind, zu "schöpfen". Der herantreibende Tang, welcher den B. eingeschlossen enthält (Bernsteinkraut), wird mit den Netzen in der Mitte der überkippenden Welle aufgefangen, an den Strand geworfen und ausgesucht. Nächst dieser ältesten, schon von Tacitus beschriebenen Art der Bernsteingewinnung ist das Bernsteinstechen im Gebrauch. Man wendet es an, wo große Steine in der Nähe des Strandes liegen, zwischen denen der B. niederfällt; 4-5 Mann fahren bei klarer See in einem Boot hinaus, und während einer mit einem Speer den B. zu lösen oder mit einem Haken den Stein zu wenden sucht, fängt ihn ein andrer mit einem Käscher auf. Bei Brüsterort, wo in 5-9 m Tiefe eine reiche Bernsteinablagerung vorhanden ist, hebt man die Steinblöcke mit Zangen und Flaschenzügen auf ein Floß und bewegt ein Netz mit scharfem Rand kratzend (schrapend) auf dem Grund hin und her. Großartigere Resultate erzielt man im Kurischen Haff durch Baggerei, welche an der gefährlichen Küste bei Brüsterort nicht anwendbar ist. Die Firma Becker u. Stantien in Memel unternahm bei Schwarzort auf der Kurischen Nehrung diese Gewinnungsart mit 9 Dampfbaggern und 3 Handbaggern und gewann in einem Jahr 36,500 kg B. im Wert von etwa 540,000 Mk. Unter diesem gebaggerten B. findet man viele Kunstprodukte von der Art wie in den altpreußischen Grabstätten, den Hünengräbern. Seit etwa 200 Jahren wird endlich auch B. auf dem festen Lande durch Graben gewonnen, und diese Methode ist ergiebig geworden, seitdem man die blaue Erde als die eigentliche Lagerstätte des Bernsteins erkannt hat. Der Kubikfuß der blauen Erde enthält durchschnittlich 40 g B. Die Strandberge werden in der ganzen Höhe abgestochen, und während sich eine Arbeiterreihe mit Spaten rückwärts bewegt, sammeln die ihnen gegenüberstehenden Aufseher den bloßgelegten B. Versuche, den B. unterirdisch durch Bergbau zu gewinnen, sind schon zweimal gescheitert, indem der sandige, lockere Boden zu große Schwierigkeiten bot und man in den Braunkohlensanden, nicht in der blauen Erde arbeitete. Gegenwärtig, wo man durch den norddeutschen Braunkohlenbergbau lockere, lose Gebirgsmassen zu überwinden gelernt hat, erwartet man von dieser Methode sehr günstige Resultate. Die ganze Produktion des Bernsteins in Preußen beträgt jährlich ca. 100,000 kg, wovon auf die Baggereien im Kurischen Haff 36,500, auf die Gräbereien im Samland 22,500, auf die Gräbereien im Binnenland 3-5000, endlich auf den Seeauswurf 36-38,000 kg kommen. Der Seeauswurf ist in den letzten 300 Jahren ziemlich gleichgeblieben. 50-60 Proz. des gewonnenen Bernsteins sind nur zu chemischen Präparaten und Räucherzwecken verwendbar.

Man unterscheidet den B. im Handel nach Farbe, Reinheit, Größe und Form der Stücke, und um dies zu können, entfernt man zunächst die in der Regel vorhandene chagrinartig genarbte Verwitterungsschicht durch die Feile. Stücke über ½ kg Gewicht kommen nur selten vor, das größte Stück B. findet sich im königlichen Mineralienkabinett in Berlin, es wiegt 6750 g und hat einen Wert von 30,000 Mk. Stücke über 75 g haben bei guter Farbe und nicht zu ungünstiger Form Silberwert, sie dienen zu Schälchen, Bechern, Nippsachen, flache Stücke (Fliesen) zu Broschen etc. Der sizilische B. wird in Catania zu Kreuzen, Rosenkränzen, Heiligenbildern verarbeitet. Nach der Farbe unterscheidet man den kreideweißen oder lichtgelben Knochen, der reich an Bernsteinsäure ist, und dem besondere heilkräftige Wirkungen zugeschrieben wurden; durchscheinende, wolkige (flohmige) Varietäten und den ganz klaren Gelbblank und Rotblank; am geschätztesten ist der halbdurchsichtige bis durchscheinende Bastart, Bastardstein, von licht grünlichgelber Kumst- oder Weißkohlfarbe.

Man bearbeitet den B. auf der Drehbank, durch Schnitzen, Raspeln oder Feilen, auch mit der Laubsäge und poliert ihn mit Bimsstein, Kreide und Wasser und durch Reiben mit dem Daumen oder überzieht Stellen, die nicht poliert werden können, mit Bernsteinfirnis. Durch Erhitzen in Öl kann man B. vorübergehend so weich machen, daß er sich etwas biegen und in Formen pressen läßt (gegossener B., Braunschweiger Korallen); milchiger B. wird dabei durchsichtig. Der Hauptplatz für den Bernsteinhandel und seine erste Verarbeitung ist seit langer Zeit Danzig, in zweiter Stelle Memel und Königsberg; auch Stolp in Hinterpommern, Lübeck, Breslau verarbeiten viel B.; die großen Stücke gehen aber meist roh ins Ausland und werden in Konstantinopel, Wien und Paris zu den schönsten Schmuckwaren, im Orient zu Pfeifenmundstücken und Bernsteinkorallen als Pferdeschmuck verarbeitet. Bedeutend mehr Korallen werden aber seit alter Zeit anstatt des Geldes zu den Negervölkern Afrikas, den Eingebornen der Südseeinseln und Ostasiens gebracht. Als Surrogate und Verfälschungen des Bernsteins kommen Glas, Kopal und Fabrikate aus Bernsteinabfällen vor, welch letztere man mit Hilfe von Schwefelkohlenstoff oder Äther in eine plastische Masse verwandelt oder mit einem Bindemittel unter hydraulischem Druck in Formen preßt (Ambroid). Die Entdeckung von Fälschungen ist bisweilen recht schwierig, am wichtigsten ist die Beachtung des spezifischen Gewichts, der Härte und der Löslichkeitsverhältnisse. Bernsteinabfälle dienen zur Bereitung von Bernsteinsäure, Bernsteinöl und Bernsteinfirnis. Geschmolzener B. gibt mit 1½ Teil Schwefelkohlenstoff einen ausgezeichneten Schnellkitt.

Geschichtliches.

Der B. stand bei den Alten in sehr hohem Ansehen. Schon lange vor Homers Zeiten erzählten die phönikischen Bernsteinhändler, daß im Nordwesten der Hesiodischen Erdscheibe sich in den Okeanos von den hohen Rhipäen (Alpen) der Eridanus ergieße, an dessen Ausfluß gewisse Bäume von der Hitze der vorbeischiffenden Sonne B., genannt Elektron oder Sonnenstein, ausschwitzten. Homer spricht in der "Odyssee" von einem Halsband: "golden, besetzt mit Elektron, der strahlenden Sonne vergleichbar". Die