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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Betäubende Mittel

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Betäubende Mittel.

willkürlichen Muskelbewegungen, wie Herz und Atemmuskeln, beherrschen, bei ganz großen Mengen meist sofort auf den Zentralapparat, das Gehirn und Rückenmark selbst. Daraus ergibt sich, daß die segenspendende und die verderbenbringende Wirkung, daß Heilmittel und Gift hier eng bei einander wohnen, daß oft 0,01 g, also ein kleines Körnchen, entscheidend für ein Menschenleben ist, und daß mit der Führung dieses zweischneidigen Schwertes nur der erfahrene Arzt und niemals wohlwollende Laienberater betraut werden dürfen. Dieser Schluß ist um so mehr beherzigenswert, als durch die Erfahrung festgestellt ist, daß die Wirkung der betäubenden Mittel nicht nur bei verschiedener Körperanlage verschieden ist, sondern daß sie auch bei einer und derselben Person vielfachen Schwankungen unterliegt, welche teils von einer allmählichen Gewöhnung, teils von der größern oder geringern Aufnahmefähigkeit des Magens oder der Haut abhängig sind. Über die Anwendung der betäubenden Mittel läßt sich im allgemeinen sagen, daß bei Schmerzen jeglicher Art lindernde Mittel am Platze sind, daß aber die Auswahl vielfach wechselt je nach der Stärke der Dauer; welche man beabsichtigt, und je nach den Nebenwirkungen, welche etwa mit dem einzelnen Narkotikum herbeigeführt werden. So darf man z. B. in manchen Fällen nicht Opium anwenden, obwohl es den Schmerz sehr gut stillen würde, weil es zugleich die Darmbewegung lähmt, oder man darf Chloralhydrat nicht wählen, obwohl es das geeignete Mittel sein würde, weil es im gegebenen Fall die Magenschleimhaut zu stark reizen würde. Für die meisten Leiden, Zahnschmerz, Gesichtsschmerz, Schmerzen nach Wunden und Operationen, bei Rückenmarksleiden etc., ist das Morphium anwendbar und auch am wirksamsten. Geht die Absicht über die bloße Bekämpfung von Schmerzen hinaus, beabsichtigt man tiefe Betäubung des Bewußtseins (tiefe Narkose), vollständige Gefühllosigkeit (Anästhesie) und Erschlaffung der willkürlichen Muskelbewegungen, so kommen Äther, Luftgas, Äthylidenchlorid und vor allem das Chloroform in Anwendung. Diese eigentlichen Anästhetika bilden den notwendigen Hilfsapparat bei allen irgendwie schmerzhaften Operationen oder Untersuchungen, ihnen vor allem verdankt die heutige Chirurgie nicht nur die Ausführbarkeit vieler großer und großartiger Leistungen, sondern auch die außerordentliche Popularität gegenüber der Scheu, welche früher Laien und gefühlvolle Ärzte von manchem rechtzeitigen Messerschnitt abgehalten hat.

Vereinzelte Nachrichten über Anwendung betäubender Mittel datieren aus früher Zeit. Bischof Theodor von Cervia wandte im 13. Jahrh. Opium mit Bilsenkraut als Betäubungsmittel an, und Chauliac erwähnt um 1360 narkotische Einatmungen bei schmerzhaften Operationen. Größere Bedeutung gewann die Anwendung betäubender Mittel aber erst, als Jackson in Boston bei zufälliger reichlicher Einatmung von Äther in völlige Bewußtlosigkeit und tiefen Schlaf verfallen war und nun diese Erscheinung weiter verfolgte. Sein Freund, der Zahnarzt Morton, welchem er seine sorgfältig angestellten Versuche und Beobachtungen mitteilte, bediente sich längere Zeit hindurch des Äthers beim Zahnausziehen, und Warren in Boston veröffentlichte die Anwendungsweise desselben im Oktober 1846, nachdem ihm gelungen war, sie bei einer größern chirurgischen Operation zu erproben. Die Entdeckung, gewiß eine der wichtigsten unsers Jahrhunderts für die leidende Menschheit, verbreitete sich mit außerordentlicher Schnelligkeit in alle zivilisierten Länder, und es währte nicht lange, so waren eine Menge von Apparaten zur Einatmung jenes äußerst flüchtigen Stoffes erfunden. Schon 1847 wurde das Chloroform als anästhetisches Mittel versucht. Simpson in Edinburg, welcher dasselbe 1847 zuerst angewandt und dann zahlreiche Versuche mit demselben angestellt hatte, schilderte 1849 die Vorzüge des Chloroforms und verdrängte dadurch den Äther nahezu gänzlich. Die Wirkung des Äthers ist im allgemeinen fast die gleiche wie die des Chloroforms. Allein der Äther wirkt langsamer als das Chloroform, er ist viel flüchtiger als letzteres und daher schwerer anzuwenden. Der nach dem Erwachen aus der Äthernarkose bestehende Rausch dauert stets länger als der nach dem Gebrauch des Chloroforms, und in Bezug auf Gefährlichkeit stehen Äther und Chloroform ganz auf derselben Linie. Die Ausführung des Chloroformierens geschieht durch einen Arzt, da nur dann der Operateur die Sicherheit hat, daß die Betäubung ohne Zwischenfall verlaufen wird. Bei Anwendung eines reinen Präparats ist das Chloroformieren meist ohne Gefahr, nur vermeide man es bei schwer fiebernden Kranken, bei Berauschten und solchen Personen, welche an Herzfehlern leiden. Am besten läßt man den Kranken mit leerem Magen in den Chloroformrausch gelangen; man entfernt die Kleidung, soweit diese irgend die Atmungsbewegungen beschränkt, und gießt das Chloroform auf ein zusammengelegtes Taschentuch oder eine eigens dazu erfundene Flanellkappe, welche nebenbei noch immer etwas Luftzutritt gestattet. Diese mit Luft gemischten Chloroformdämpfe werden durch die Nase eingeatmet; schon nach etwa 2 Minuten verschwinden die Sinne, der Kranke sieht verschwommene Bilder, hört eintönige, klopfende Geräusche, die Haut wird unempfindlich und endlich ganz taub gegen Berührung, das Bewußtsein hört auf. In diesem Stadium fühlt der Kranke noch jede Verletzung, es darf also noch nicht operiert werden. Dann folgt die Periode der Aufregung (Excitationszustand), in welcher der Kranke unruhig wird, rasch atmet, halbverständlich redet oder schreit, um sich schlägt und tobt. Bei ruhigen Personen, bei Kindern und Frauen währt diese Zeit nur wenige Minuten; bei Männern, namentlich solchen, die dem Trunk ergeben sind, hört zuweilen das Toben überhaupt nicht auf, selbst beim Verbrauch von 200 g Chloroform und mehr. Auf dieses Stadium folgt dann die Lähmung aller willkürlichen und reflektorischen Muskelbewegungen. Jetzt ist es Zeit zum Operieren, Zeit aber auch, die Narkose mit Aufmerksamkeit zu überwachen, damit nicht Herz und Atemmuskeln mitgelähmt werden, wodurch zuerst ein Scheintod, dann aber rasch der wirkliche Tod bedingt wird. Sobald röchelndes Atmen oder verlangsamte Atmung bemerkbar wird, sobald der Puls aussetzt, entferne man sofort das Chloroform und ziehe die Zunge vor; meist genügt diese Maßnahme, um bald wieder regelmäßige Atembewegungen herzustellen. Ist Scheintod erfolgt, so muß augenblicklich künstliche Atmung durch abwechselnden Druck auf Bauch und Brust eingeleitet werden, die durch Faradisieren der Atmungsnerven beiderseits der Luftröhre wirksam unterstützt wird. Man sollte deshalb bei allen Operationen, welche eine tiefe Betäubung erfordern, einen elektrischen Apparat in Bereitschaft halten. Außerdem besprenge man die Haut mit kaltem Wasser und reize sie durch Klopfen mit der flachen Hand oder durch den elektrischen Strom. Es gibt seltene Ausnahmefälle, in denen alle Belebungsversuche erfolglos sind, so daß auch die direkte Reizung