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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Betriebssystem

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Betriebssystem (freie Wirtschaft, Weidewirtschaft).

anpassen, insbesondere auch den Futterbau einrichten nach Maßgabe einerseits der vorhandenen natürlichen ständigen Futterflächen, anderseits des Bedarfs für die rationelle Viehhaltung; sie gestattet die Einführung der Sommerstallfütterung des Rindviehs, die reichliche Produktion von Winterfutter und erhöht dadurch den Stalldünger und die Bodenfruchtbarkeit; sie vermag durch den Anbau mannigfaltiger Gewächse eine annähernd gleiche Verteilung des Bedarfs an menschlichen und tierischen Arbeitskräften auf den ganzen Sommer herbeizuführen. Die Fruchtwechselwirtschaft liefert einen größern Rohertrag als die Betriebssysteme 1-4, aber nicht immer auch einen größern Reinertrag; sie ist kein absolut besseres B. als diese, sondern auch nur unter bestimmten Voraussetzungen rationell anwendbar. Es müssen hinreichend Arbeitskräfte und Kapital zur Verfügung stehen, der Absatz leicht und gesichert, dabei die Preise der landwirtschaftlichen Produkte hohe sein; sie setzt also allgemein eine dichte und wohlhabende Bevölkerung, eine höhere Kulturstufe voraus. Sie erfordert ferner einen guten oder mindestens mittelguten Boden und günstige klimatische Verhältnisse, damit für eine zweckmäßige Fruchtfolge die genügende Auswahl möglich ist. Auch an die landwirtschaftliche Bildung des Wirtschaftsdirigenten stellt sie höhere Anforderungen. Wo diese Voraussetzungen nicht vorhanden, sind andre Betriebssysteme rationeller, namentlich wenn bei ihnen auch, soweit es möglich, das Prinzip der Fruchtwechselwirtschaft praktische Anwendung findet. Daher die Erscheinung, daß in Mittel-, West- und Süddeutschland die Fruchtwechselwirtschaft ihre hauptsächlichste Verbreitung in den tiefer gelegenen Distrikten hat, während in den höher gelegenen die Feldgraswirtschaft, resp. die verbesserte Felderwirtschaft vorherrscht, und daß im nordöstlichen Deutschland die Fruchtwechselwirtschaft nur in besonders bevorzugten Lagen, namentlich in der Nähe großer Städte, vorkommt.

6) Die freie Wirtschaft. Bei diesem B. wird grundsätzlich und fortdauernd von der Innehaltung eines bestimmten Wirtschaftssystems und namentlich einer festen Fruchtfolge abgesehen. Der Wirtschaftsplan wird nie auf mehrere Jahre, sondern immer nur für ein Jahr entworfen. Man produziert auf dem Ackerland diejenigen Produkte, die nach den jeweiligen Marktverhältnissen (Absatz, Preis) und nach den individuellen Produktionsverhältnissen der Gutswirtschaft (Bodenbeschaffenheit, Witterungsverhältnisse, Kapital, Arbeitskräfte, Intelligenz des Dirigenten etc.) momentan als die rentabelsten erscheinen. Durch entsprechende Bodenbearbeitung und Düngung (auch künstliche) wird der Boden für die Erzeugung der anzubauenden Frucht geeignet gemacht. In der Regel wird das ganze Land bestellt, und eigentlicher Ackerboden dient nie als Grasland. Dies B. gestattet die Erzielung der höchsten Erträge: es lassen sich Ausfälle vermeiden oder doch verringern, die bei einer Fruchtfolge unvermeidlich sind, wenn ein Feld sich zu dem für dasselbe bestimmten Gewächs nicht eignet, oder wenn ein Saatfeld durch die Witterung, Insektenfraß etc. geschädigt ist; es kann bei ihm den wechselnden Marktkonjunkturen am meisten Rechnung getragen werden. Aber dies B. ist auch nur unter bestimmten Voraussetzungen mit Erfolg durchführbar. Absolute Voraussetzung ist die Freiheit in der Benutzung des Bodens. Dem Dirigenten müssen ferner Arbeitskräfte und Kapitalien (zum Ankauf von Futter, künstlichen Dungmitteln, Saatgut, zur Anschaffung von totem und lebendem Inventar) beliebig zur Verfügung stehen. Er muß viel Um- und Einsicht haben, muß genau die Beschaffenheit seines Bodens, die Gesetze der Pflanzenbildung und tierischen Ernährung kennen, die Marktverhältnisse richtig beurteilen können, den klaren Überblick über alle Verhältnisse seiner Wirtschaft haben. Erforderlich sind ferner sehr günstige klimatische und Bodenverhältnisse, der Landwirt muß unter vielen Kulturgewächsen wählen können. Diese Voraussetzungen sind nur in begrenztem Maß, bei großen Gütern nur ganz ausnahmsweise vorhanden. Auf großen Gütern ist ein festes B. kaum zu entbehren. Im ganzen kommt die freie Wirtschaft nur verhältnismäßig selten vor. Am meisten empfiehlt sie sich für mittlere und kleine Güter in der Nähe von größern Städten und für Wirtschaften, deren Ackerland aus vielen zerstreut liegenden Parzellen, die noch dazu von sehr verschiedener Beschaffenheit sind, besteht.

7) Die Weidewirtschaft ist eine Art von Feldgraswirtschaft. In neuerer Zeit, aber namentlich seit dem Aufkommen der Fruchtwechselwirtschaft, und seitdem die Viehhaltung durch die Mastviehwirtschaft eine größere Bedeutung erlangte, hat sie eine so eigentümliche Gestalt erhalten, daß sie vielfach als ein besonderes B. hingestellt wird. Sie beruht auf der Weidenutzung. Der größte Teil des gesamten Areals (auch des an sich zum Ackerbau geeigneten Landes) ist Weide und wird als solche ständig oder doch viele Jahre nacheinander benutzt; man bricht eine Weide nur um und verwandelt sie in Ackerland, wenn der Graswuchs ungenügend wird, legt aber dann gleichzeitig ein früheres Ackerstück zur Weide nieder. Das eigentliche Ackerareal der Wirtschaft ist gering, die Viehhaltung im Verhältnis zu demselben groß. Man kann deshalb die Äcker stark düngen und fortgesetzt mit stark angreifenden, aber ertragreichen Früchten bestellen. Für die Winternahrung der Tiere ist man hauptsächlich auf Wiesen und abgemähtes Weidegras angewiesen; daher muß auch die Viehhaltung im Winter möglichst beschränkt, im Sommer möglichst ausgedehnt werden. Dies wird erreicht durch Viehmästung, die bei diesem B. den Schwerpunkt der Viehnutzung bildet. Mageres oder halbfettes Vieh (Rindvieh, auch Schafe) wird im Frühjahr gekauft, auf der Weide gemästet und im Lauf des Sommers, spätestens im Herbst wieder verkauft. Im Winter hält man außer den notwendigen Arbeitstieren nur so viel Vieh, wie zur Deckung des Hausbedarfs an Fleisch und Molkereiprodukten und zur Ausnutzung des gewonnenen Heus, Strohs und der etwanigen Wurzelgewächse nötig ist. - Die Weidewirtschaft ist ein sehr einfaches B. Sie erfordert wenig Arbeiter und Arbeitsvieh, wenig Maschinen und Geräte, ein geringes Gebäudekapital. Die Verwaltung und Beaufsichtigung des Betriebes ist einfach und wohlfeil. Der Hauptteil des erforderlichen Geldbetriebskapitals besteht in dem Geld zum Ankauf des Nutzviehs, das aber spätestens in einem halben Jahr umgesetzt ist. - Die Weidewirtschaft ist um so mehr angezeigt, je mehr die geringe Dichtigkeit der Bevölkerung oder die Höhe der Arbeitslöhne oder die klimatischen Verhältnisse zur Ersparnis in der Verwendung von Arbeitskräften drängen. Sie ist aber auch an Voraussetzungen gebunden, die ihrer Anwendung nur eine enge Grenze setzen. Sie erfordert einen reichen graswüchsigen Boden, ein feuchtes, den Graswuchs begünstigendes Klima; es müssen ferner magere Viehstücke nach Bedarf zu geeigneter Zeit und angemessenen Preisen gekauft und die fetten Tiere ebenso verkauft werden können, eine Bedingung, welche für große Besitzer in der Regel viel schwerer zu erfüllen