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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bett; Bettage; Bettdrell; Bettelbrüder; Bettelini; Bettelmönche; Bettelvogt; Bettelwesen

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Bett - Bettelwesen.

diente ein dickes Federbett, während die schlechteste Stube des Hauses noch gerade gut genug zur Schlafkammer erschien. Auch heute noch verwendet der Deutsche weniger Sorgfalt auf seine nächtliche Lagerstätte als der Engländer und Franzose, namentlich findet man in Frankreich in den Gasthöfen der kleinen Städte, ja selbst der größern Dörfer gute Betten, was in Deutschland noch immer nicht überall der Fall ist. Man verkennt noch vielfach und namentlich auf dem Land, wo man in einigen Gegenden kastenartige, in die Wand eingebaute Löcher als Schlafstelle benutzt, daß ein richtig konstruiertes B., welches ein volles Ausstrecken des ermüdeten Körpers gestattet und welches die nötige Erwärmung bietet, ohne die ebenso unentbehrliche Ausdünstung des Körpers zu verhindern, eine der notwendigsten Voraussetzungen für die Erhaltung der Gesundheit bildet. Die in Frankreich und England gegebenen Vorbilder sind indes nicht ohne Wirkung geblieben. Die Herrschaft der großen, genügend breiten und langen Bettstellen gewinnt täglich an Ausdehnung; das ungesunde Unterbett macht der reinlichen, luftigen und doch genügend erwärmenden Roßhaarmatratze Platz; die als Unterlage benutzten Sprungfedermatratzen verschaffen dem Lager die erwünschte Elastizität, und als Zudecke benutzt man mehr und mehr eine leichte Wattdecke, der im Winter ein Federkissen hinzugefügt wird.

Bett, in der Jägersprache der Platz, an welchem ein Stück Hoch- oder Rehwild sitzt oder gesessen hat. Bei den Sauen heißt dasselbe Kessel, beim Hasen Lager. - In der Technik bei liegenden Dampfmaschinen, Drehbänken etc. s. v. w. Gestell.

Bettage, in der katholischen Kirche die drei Tage vor dem Himmelfahrtstag Christi, an welchem die sogen. Bittgänge (s. d.) abgehalten werden; in den protestantischen Ländern s. v. w. Bußtage (s. d.).

Bettdrell, s. Barchent.

Bettelbrüder, s. v. w. Bettelmönche (s. d.); speziell s. v. w. Hieronymianer (s. d.).

Bettelini, ital. Kupferstecher, geb. 1763 zu Lugano, Schüler Gandolfis und Bartolozzis, ging später zur Nachahmung R. Morghens über. Seine Zeichnung ist nicht korrekt; dagegen erreicht er eine gewisse malerische Wirkung, die freilich von Kraftlosigkeit nicht frei ist. Hauptwerke von ihm sind: die Grablegung nach Andrea del Sarto; die Anbetung der Hirten nach van der Werff; die Madonna col divoto nach Correggio; die Mater divae sapientiae nach Tizian; die Himmelfahrt Mariä nach Guido Reni. B. starb 1823 in Rom.

Bettelmönche (Mendikanten), die Mönche solcher Klöster, welche ihrer ursprünglichen Regel zufolge kein Eigentum besitzen durften, sondern auf die milden Gaben angewiesen waren, welche von ihnen eingesammelt wurden; so die Franziskaner, Dominikaner, Augustiner, Serviten und Karmeliter. Gerade der Bettel brachte diese Mönche in beständige Verbindung mit dem Volk, dessen Prediger, Lehrer und Gewissensführer sie um so mehr wurden, als gerade die Armut eine dem Volk erkennbare und populäre Steigerung der Askese darstellte. Da sie mit Privilegien ausgestattet und der episkopalen Aufsicht entzogen wurden, so daß sie z. B. überall predigen, Beichte hören, Messe lesen durften, so schlossen sie sich um so unbedingter an die römische Kurie an. Auch der Universitäten bemächtigten sie sich, und der Streit der Franziskaner und Dominikaner (Thomisten und Scotisten) beherrschte lange die Wissenschaft. Während die päpstliche Hierarchie den antihierarchischen, mystisch-asketischen Geist in den Spiritualen und Fraticellen der Franziskaner zu bekämpfen hatte und später der Augustinerorden fast ganz der Reformation beitrat, wurden anderseits besonders die Dominikaner die Fanatiker der Inquisition und des bigottesten Aberglaubens. Was die innere Einrichtung der Bettelmönchsklöster anlangt, so waren für das Einsammeln der milden Gaben besondere Mönche, die sogen. Terminanten, bestellt, die zur Erleichterung ihres Geschäfts in den Städten eigne Terminhäuser hatten. Bald bildeten sich nach denselben Regeln auch Frauenorden und gewannen weite Verbreitung. Weiteres hierüber in den Artikeln über die einzelnen Orden und im Art. "Kloster".

Bettelvogt (Gassen-, Armenvogt, Armenwächter), niederer Beamter, der früher von der Obrigkeit angestellt wurde, um das Betteln zu verhindern, besonders durch Verhaftung der Bettelnden.

Bettelwesen. Die Stellung der Bettelei zur menschlichen Kulturgeschichte ist eng verbunden mit der Entwickelung des Armenwesens. Es kann nicht überraschen, daß die ethische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Beurteilung des Bettelwesens in verschiedenen Zeiten eine sehr ungleiche gewesen ist. Instinktiv pflegt man im Bettler zunächst einen beklagenswerten und unglücklichen Menschen zu sehen. Wo, wie bei orientalischen Völkern, das Almosengeben dem Einzelnen als religiöse Pflicht auferlegt wird, kann der Bettler selbst, der den Reichen an seine Gewissensschuld erinnert, nicht getadelt werden. Selbst bei den Griechen stellte der alte Volksglaube die Bettler unter den Schutz des Zeus Hiketesios. Innerhalb der christlichen Kirche übte die asketische Richtung einen bedeutenden Einfluß auf die Behandlung des Bettelwesens. Einerseits galt es als verdienstlich, sich seines weltlichen Besitztums zu entschlagen, weil Christus die Armut gepriesen und dem Reichtum den Eingang in das Himmelreich erschwert sah. Anderseits betrachtete die Kirche selbst sich berufen, zum Zweck der Almosenspendung die Errichtung frommer Stiftungen thunlichst zu befördern. Die Verdienstlichkeit der Armut und die Ehrenhaftigkeit der Bettelei kamen in den Bettelorden zum schärfsten Ausdruck (vgl. Bettelmönche). Schon im Mittelalter empfanden aber auch die Städte die Gefahren eines erheblich angewachsenen Proletariats. Man begann daher, durch polizeiliche Anordnung den unberechtigten Bettel zu unterdrücken, indem man anderseits bei gewissen hilflosen und gebrechlichen Personen durch Ausstellung obrigkeitlicher Bettelbriefe ein Recht auf Mildthätigkeit anerkannte. Als älteste Bettlerordnung in Deutschland gilt die Nürnberger von 1478, außerdem versuchte man insbesondere durch den Reichsabschied von 1512, den Landfrieden von 1551 und die Reichspolizeiordnung von 1577 der Bettelei entgegenzuwirken. Unabsehbar ist die Reihe der landespolizeilichen Verordnungen, die in den deutschen Territorien, zumal nach dem Dreißigjährigen Krieg, das B. zu hemmen bemüht waren. Vorzugsweise war es jedoch die englische Gesetzgebung, die im 16. Jahrh. durch Auspeitschungen und Brandmarkungen den Bettlern und Landstreichern zu Leibe ging. Die modernen Anschauungen sind von unbilliger Härte ebenso weit entfernt wie von kurzsichtiger Duldung. Unter dem Einfluß verbesserter Wirtschaftspolizei und vertiefter Staatswissenschaft erkannte man, daß Bettelei mit der öffentlichen Ordnung unvereinbar ist, das Gefühl wirtschaftlicher Selbstverantwortlichkeit und die produktive Energie der Arbeit beeinträchtigt, die Begehung von Eigentumsverbrechen begünstigt, das Ehr-^[folgende Seite]