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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bevölkerung

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Bevölkerung (Bewegung der Bevölkerung).

rung der B. nach Berufsklassen erfolgt meist auf Grund besonderer Zählungen (Gewerbezählung 1875, Berufsstatistik im Deutschen Reich 1882). Dieselbe bietet jedoch, da eine scharfe, überall passende Begriffsbestimmung unmöglich, große Schwierigkeiten und ist insbesondere bei Vergleichungen zwischen verschiedenen Ländern nur mit Vorsicht zu benutzen. Das Gleiche gilt von der Ermittelung der ökonomischen Lage, wie sie aus Steuerlisten, insbesondere aus Listen der Einkommensteuer, ermöglicht wird. Dieselbe gewährt nur ein in großen Zügen richtiges Bild. Dagegen können gewisse Eigenschaften der B. oder eines Teils derselben, wie geistige und körperliche Gebrechen (Geisteskranke, Blinde, Taubstumme, Bucklige etc.), Farbe der Haare, Wuchs etc., dann die Gebürtigkeit (Ort der Geburt) etc., mit genügender Sicherheit erhoben werden. Die Verteilung der B. nach der Religionsangehörigkeit u. nach den Regierungssystemen ist auf beifolgenden statistischen Kärtchen (nebst tabellarischer Übersicht) dargestellt.

Bewegung der Bevölkerung.

Die Bewegung der B. (Gang der B.), unter welcher man die in der Zahl und in der Verteilung der Klassen vor sich gehenden Veränderungen versteht, bezeichnet man als natürliche (innere Ursachen), sofern sie durch Geburten und Todesfälle bedingt wird, als räumliche (äußere Ursachen), wenn Umzug, Aus- und Einwanderung Ursachen derselben sind. Wesentlichen Einfluß auf die natürliche Bewegung der B., insbesondere bei monogamischer Rechtsordnung, üben die Heiratsfrequenz (Trauungsziffer), d. i. die Zahl der jährlich neugeschlossenen Ehen im Verhältnis zur Volkszahl, das Heiratsalter und die mittlere Dauer der Ehen und der ehelichen Fruchtbarkeit. Die Trauungsziffer ist zunächst bedingt durch Geschlechts- und Altersgliederung. Nehmen mir als heiratsfähiges Alter der Männer die Zeit von 25 bis 30 Jahren an, so könnte unter Einrechnung der zweiten Ehen die Trauungsziffer in England, Deutschland, Frankreich etwa 8,5 pro Mille erreichen. In Wirklichkeit ist sie von dieser Zahl nicht sehr verschieden. Sie war in den 70er Jahren in Deutschland 8,9, in der Schweiz 7,6, in England 7,3, Belgien 7,3, Norwegen 7, Schweden 6,6 und in Frankreich, wo die jüngern Altersklassen schwach vertreten sind, 8 pro Mille. Abweichungen von diesen Zahlen, welche übrigens auch von klimatischen Verhältnissen, Sitte, Rechtsordnung etc. abhängen, werden insbesondere durch Wechsel in Gunst und Ungunst der Wirtschaftsverhältnisse bedingt. Im allgemeinen sind Ehelosigkeit und spätes Heiraten ein Zeichen ungünstiger wirtschaftlicher Lage, sie können jedoch auch eine Folge sinkender Moralität sein, ebenso wie eine starke Zunahme der Heiratsfrequenz, welche meist ein Zeichen wirtschaftlicher Besserung ist, auch durch wachsenden Leichtsinn oder durch die Aufhebung gesetzlicher Ehebeschränkungen (Deutschland, Gesetz vom 4. Mai 1868 und seine Wirkung) veranlaßt sein kann. Auf 10,000 Seelen kamen Heiraten

1872: 1877:

in Deutschland 103 80

" Frankreich 98 75

Die mittlere Dauer einer Ehe schwankt zwischen 21 und 26, sie berechnet sich für Mitteleuropa auf 24-25 Jahre, die der ehelichen Fruchtbarkeit auf 12 Jahre. Das Durchschnittsalter der heiratenden Männer plus der Hälfte der Fruchtbarkeitsperiode der Ehe (mittlerer Altersabstand zwischen Vater und Kindern) beziffert sich auf 34-35 Jahre (gleich einer Generation).

Die Geburtenfrequenz (Geburtenziffer, Nativität), welche das Verhältnis der Volksmenge zur Zahl der Geburten angibt, hängt zunächst von der Zahl der im gebärfähigen Alter stehenden Frauen ab. Die Geschlechtsreife beginnt in wärmern Ländern früher (mit 9-10 Jahren im tropischen und subtropischen Klima, mit 13-15 in Südeuropa, mit 17-18 Jahren in der nördlichen gemäßigten Zone), endigt aber auch früher als in kältern. In Mitteleuropa umfaßt sie die Altersklassen von 18 bis 40 Jahren mit 16,5 Proz. der B. Würde jede dieser Frauen alle 2 Jahre gebären, so käme jährlich auf 12 Einw. eine Geburt. Diese Ziffer wird in der Wirklichkeit nicht erreicht, einmal schon deshalb, weil viele Frauen, weil unfruchtbar oder unverheiratet, kinderlos bleiben, dann weil die durchschnittliche Fruchtbarkeit der Ehen eine weit geringere ist als die bezeichnete. Mit Einschluß der Totgebornen kamen im Durchschnitt von 1872 bis 1877 auf 1000 Einw. Geborne:

^[Liste]

in Österreich auf 40,1

in England auf 37,3

in Italien auf 38,1

in Frankreich auf 27,3

im Deutschen Reich auf 41,7

in Belgien auf 34,0

in der Schweiz auf 32,4

in Schweden auf 31,6

Am geburtenreichsten sind die slawischen Länder, insbesondere Rußland; denselben folgen die germanischen, dann die romanischen Länder. Allgemeine Gesetze über die Abhängigkeit der Geburtenfrequenz von Klima, Stand, Beruf, Wohnort etc. lassen sich nicht aufstellen; dagegen wird dieselbe unzweifelhaft beeinflußt von nationalen Anschauungen und Sitten (Sparsamkeit und Willenskraft im Gegensatz zu einer indolenten, entsittlichten B.), vom Wechsel der wirtschaftlichen Existenzbedingungen, Leichtigkeit des Erwerbs (insofern auch von der Volksdichtigkeit) etc., indem hierdurch auch die Heiratsfrequenz bedingt wird. Oft läßt sich eine Wechselwirkung zwischen Fruchtbarkeit und Kindersterblichkeit nachweisen, indem eine hohe Geburtenziffer mit Leichtsinn und mangelhafter Kinderpflege Hand in Hand geht und so die Sterblichkeit vergrößert (insbesondere große Kindersterblichkeit bei unehelichen Geburten, deren Zahl wesentlich durch Sitte, Erbordnung, gesetzliche Ehebeschränkungen etc. bedingt wird), eine große Sterblichkeit aber wieder leicht eine große Geburtenzahl zur Folge hat, durch welche entstandene Lücken ausgefüllt werden. Im übrigen kann eine hohe Geburtenziffer an und für sich weder als günstig noch als ungünstig betrachtet werden. Ihre Bedeutung läßt sich nur beurteilen im Zusammenhalt mit den gesamten sittlich-sozialen Verhältnissen, dann insbesondere auch mit der Sterblichkeits- oder Mortalitätsziffer (s. Sterblichkeit) der ganzen B. und ihren einzelnen nach Geschlecht, Alter, Wohlstand etc. gebildeten Gruppen. Neben der Geburtenziffer ist die Sterblichkeit ein wichtiger Faktor des Ganges der B., welche zu- oder abnimmt, je nachdem die Zahl der Geburten die der Todesfälle übersteigt und umgekehrt, wobei von großer Wichtigkeit, wie sich infolge derselben die Gliederung der B. gestaltet. Durch die räumliche Bewegung der B. (Aus- und Einwanderung) wird in vielen Fällen nur der augenblickliche Stand derselben geändert. Insbesondere füllen sich in vielen Ländern die durch Auswanderung entstandenen Lücken sehr rasch wieder durch den Überschuß der Geburten über die Sterbefälle aus (Deutschland, England), und nur in abnormen Fällen reicht ein solcher Überschuß, wenn überhaupt vorhanden, hierfür nicht aus (Irland nach 1840, die Massenwanderungen des Altertums und Mittelalters). Von