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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bonaparte

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Bonaparte (Joseph, Lucian).

den Rat der Fünfhundert gewählt, auf Napoleons Empfehlung Kriegskommissar, dann Bataillonschef und Chef der Administration bei der italienischen Armee; im März 1797 ward er zum Gesandten der Republik am Hof zu Parma und im Mai d. J. zum Gesandten in Rom ernannt. Als in Rom 28. Dez. 1797 der Aufruhr ausbrach und der französische General Duphot (mit Josephs Schwester Pauline verlobt) getötet ward, kehrte er nach Paris zurück, wo er den Staatsstreich vom 18. Brumaire vorbereiten half. Napoleon ernannte ihn zum Staatsrat und Tribun und übertrug ihm 1800 die Unterhandlungen über einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten, die Friedensverhandlungen mit Österreich zu Lüneville (1801), mit England zu Amiens (1802) und die Verhandlungen mit dem päpstlichen Stuhl über das Konkordat. Nach Napoleons Thronbesteigung wurde Joseph zum kaiserlichen Prinzen und nach Absetzung der bourbonischen Dynastie 1806 in Neapel zum König beider Sizilien ernannt. Mit Masséna und Saint-Cyr eroberte er Neapel nach kurzem Kampf, hielt 15. Febr. 1806 seinen Einzug in die Hauptstadt und trat 30. März daselbst die Regierung an. Er führte sofort zahlreiche Reformen ein, hob die Lehnsverfassung und die Fideikommisse auf, trennte die Justiz von der Verwaltung, zog Klöster ein, gründete Schulen, verbesserte mit Hilfe des Ministers Röderer das Finanzwesen durch Einführung eines neuen und allgemeinen Steuersystems etc., überließ aber die eigentliche Regierung dem gewandten Salicetti, welcher ein willkürliches Polizeiregiment einführte. Ehe noch der neue Staat geordnet war, ward Joseph durch Napoleons Machtwort 6. Juni 1808 auf den Thron von Spanien versetzt; doch machte er vor seiner Abreise (23. Juni) noch die eiligst entworfene Konstitution des Königreichs Neapel bekannt. Nachdem er 7. Juli in Bayonne den Spaniern eine Verfassung gegeben, die von der liberalen Junta beschworen ward, hielt er 20. Juli seinen Einzug in Madrid. Doch bestanden seine Anhänger (Josefinos) nur in den wenigen Liberalen, die von dem Napoleonischen Regiment Abschaffung der mittelalterlichen Mißbräuche und Einführung moderner Reformen erwarteten. In der Masse des Volkes hatte sein Thron gar keine Stütze, und er behauptete sich daher in dessen Besitz nur, soweit die französischen Waffen herrschten. Schon 1. Aug. zwang ihn des Generals Dupont Niederlage bei Baylen zur Flucht aus Madrid. Er ging nach Vittoria und kam erst 4. Dez. 1808 im Gefolge Napoleons in seine Hauptstadt zurück. Am 11. Aug. 1812 wurde er durch Wellingtons siegreiches Vordringen abermals vertrieben, kehrte zwar nach einigen Siegen des französischen Heers über die Verbündeten 2. Nov. 1812 noch einmal nach Madrid zurück, verließ aber nach der Niederlage der Franzosen bei Vittoria 21. Juni 1813 den spanischen Boden für immer, zog sich auf sein Landgut Morfontaine zurück und erkannte auf Befehl des Kaisers in Gemäßheit des Vertrags von Valencay (Dezember 1813) Ferdinand VII. als spanischen König an. Im Januar 1814 von Napoleon zum Generalleutnant Frankreichs und Oberkommandanten der Nationalgarde ernannt, leitete er 30. März, als die Alliierten Paris bestürmten, die Verteidigung der Stadt und begab sich nach deren Übergabe nach Blois, wohin die Kaiserin und ihr Sohn schon gegangen waren. Nach der ersten Abdankung Napoleons zog er sich in den schweizerischen Kanton Waadt zurück, wo er das Landgut Prangins kaufte. Nach des Kaisers Rückkehr von Elba 1815 erschien er wieder in Paris als französischer Prinz und Präsident des Regierungskonseils. Nach der Schlacht bei Waterloo folgte er dem Bruder nach Rochefort. Auf der Insel Aix trennten sich die Brüder. Während Napoleon sich den Engländern ergab, schiffte sich Joseph nach Amerika ein und erwarb sich bei Trenton in New Jersey ein großes Landgut und durch fünfjährigen Aufenthalt die Rechte eines amerikanischen Bürgers. Als Graf von Survilliers lebte er sodann auf dem früher von Moreau bewohnten Landgut Point Breeze bei Bordentown am Delaware im Staat New Jersey, trieb eifrig Landbau, beschäftigte sich auch mit den Wissenschaften und ward der Wohlthäter und Beschützer aller Franzosen, die sich ihm nahten. In einer an die französische Deputiertenkammer gerichteten Adresse vom 18. Sept. 1830 protestierte er von New York aus gegen die Thronfolge der Orléans zu gunsten seines Neffen, des Herzogs von Reichstadt. Im J. 1832 begab er sich nach London, um von da aus für die Aufhebung der französischen Verbannungsdekrete gegen die Napoleoniden zu wirken; aber erst 1841 erhielt er die Erlaubnis, nach Italien überzusiedeln, wo er 28. Juli 1844 in Florenz starb. Sein Leichnam ward im Juni 1862 in den Dom der Invaliden zu Paris übergeführt. Verständig, gutmütig und schlicht, besaß B. die Eigenschaften nicht, welche die ihm von seinem Bruder übertragenen hohen Stellungen erforderten. Vgl. Du Casse, Mémoires et correspondance politique et militaire du roi Joseph (2. Aufl. 1856-58, 10 Bde.; eine sehr wertvolle, lehrreiche Sammlung); Abbott, History of Joseph B. (New York 1869). - Seine Gemahlin Julie Marie Clary, geb. 26. Dez. 1777 zu Marseille, wo ihr Vater Seidenhändler war, die Schwägerin Bernadottes, hatte dem Gatten 1815 aus Gesundheitsrücksichten nicht nach Amerika folgen können, wohnte einige Zeit zu Frankfurt, ließ sich dann in Brüssel nieder und ging 1823 nach Florenz, wo sie 7. April 1845 starb. Joseph hinterließ zwei Töchter: Zenaide Charlotte Julie, geb. 8. Juli 1801, seit 1822 vermählt mit dem Fürsten von Canino, Sohn Lucian Bonapartes (siehe unten), Mutter einer zahlreichen Familie, gest. 8. Aug. 1854 in Neapel, und Charlotte Napoleone, geb. 31. Okt. 1802, seit 1827 vermählt mit Ludwig Napoleon, ehemaligem Großherzog von Berg (gest. 17. März 1831), zweitem Sohn Ludwig Napoleons, Exkönigs von Holland, älterm Bruder Napoleons III., gest. 3. März 1839 im Städtchen Sarzana auf einer Reise von Rom nach Florenz.

2) Lucian B., Fürst von Canino, der dritte Sohn von Carlo B., geb. 21. Mai 1775 zu Ajaccio, besuchte das Collège zu Autun, dann die Militärschule zu Brienne, endlich das Seminar zu Aix, flüchtete gleichfalls mit den Seinigen 1793 nach Marseille, erhielt eine Anstellung beim Verpflegungswesen des Heers und ward Magazinaufseher in St.-Maximin, wo er sich mit Christine Boyer, einer Gastwirtstochter, verheiratete. Als Präsident des dortigen Klubs des Terrorismus verdächtigt, ward er 1794 verhaftet, aber auf Verwendung des Abgeordneten Chiappe wieder in Freiheit gesetzt. Ende 1795 zum Kriegskommissar in Italien ernannt, legte er den Grund zu den Reichtümern, die er seitdem emsig sammelte. Im März 1798 wurde er Mitglied des Rats der Fünfhundert, in dem er durch seine Rednergabe Einfluß gewann. Kurz vor dem 18. Brumaire zum Präsidenten desselben ernannt, half er den Staatsstreich seines Bruders vorbereiten und ausführen, indem er am Abend des 18. durch eine Anzahl Deputierter die