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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Borgia

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Borgia.

Borgia (spr. bórdscha), berühmtes, aus Jativa bei Valencia in Spanien stammendes Adelsgeschlecht, das in Italien am Ausgang des 15. und Anfang des 16. Jahrh. mächtig war. Alfonso de B. bestieg 8. April 1455 als Calixtus III. (s. d.), sein Neffe Roderigo Lenzuoli B. im August 1492 als Alexander VI. (s. d.) den päpstlichen Stuhl. Des letztern Sohn Giovanni B. (geb. 1476; der älteste, Pedro Luis, starb früh), nebst vier andern Kindern mit der Römerin Vanozza de' Catanei erzeugt, erhielt auf Verwenden seines Vaters vom König von Spanien das Herzogtum Gandia in Valencia und 1497 von seinem Vater das Herzogtum Benevent nebst den Grafschaften Terracina und Pontecorvo, ward aber schon nach acht Tagen, wahrscheinlich von seinem Bruder Cesare (s. unten), ermordet und die Leiche in den Tiber geworfen. Auch seinen Schwager Alfons von Aragona ließ Cesare töten.

Cesare B. (geb. 1478), schön von Gestalt und von riesenhafter Stärke, war nicht ohne Sinn für Künste und Wissenschaften, freigebig, von sehr gewandtem Benehmen und hinreißender Beredsamkeit, aber jeder Frevelthat fähig. Seinen Vater, den Papst, beherrschte er vollständig und leitete dessen eigennützige Familienpolitik. Anfangs für den geistlichen Stand bestimmt, erhielt er das Bistum Pamplona und ward 1492 zum Kardinal ernannt. Aber nach Ermordung seines Bruders Giovanni gab Cesare im Oktober 1498 mit Zustimmung seines Vaters seine Kirchenwürden aus und warb um die Tochter des Königs Friedrich von Neapel. Als ihm deren Hand verweigert wurde, ging er nach Frankreich und überbrachte 1499 als päpstlicher Legat dem König Ludwig XII. die erbetene Scheidungs- und Dispensationsbulle zur Vermählung mit der Erbin der Bretagne. Ludwig XII. belohnte ihn dafür mit einem ansehnlichen Jahrgehalt und dem Herzogtum Valentinois in der Dauphiné. Darauf verschaffte er ihm die Hand der Prinzessin Charlotte d'Albret, Schwester Johanns, Königs von Navarra, und nahm ihn mit sich nach Italien (September 1499), wo er ihm ein Truppenkorps zu eigner Verfügung übergab. Mit diesem setzte sich Cesare 1499-1502 in den Besitz der Herrschaften der Romagna, deren Herren sich vom Papst fast unabhängig gemacht hatten, von Imola, Forli, Faenza, Rimini etc., und ließ sich von seinem Vater zum Herzog der Romagna, der er auch Urbino einverleibte, ernennen. 1501 entriß er Jakob von Appiano das Fürstentum Piombino, suchte aber vergeblich auch Bologna und Florenz unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Die noch übrigen Feudalherren des Kirchenstaats lockte er zu einer Besprechung nach Sinigaglia und ließ sie dort teils festnehmen, teils hinrichten (30. Dez. 1502). So auf dem Gipfel seiner Macht, verlor er 18. Aug. 1503 plötzlich die Stütze derselben, seinen Vater, den Papst Alexander. Vater und Sohn sollen durch Verwechselung aus vergifteten Bechern getrunken haben, welche für ihre Gäste bestimmt gewesen, der Vater gestorben, der Sohn durch seine kräftige Natur gerettet worden sein. Wahr ist, daß Cesare damals längere Zeit krank lag, was wesentlich zur Vereitelung seiner Entwürfe beitrug. Nach der kurzen Regierung des schwachen Pius III. (8.-18. Okt. 1503) bestieg der kräftige Julius II. den päpstlichen Stuhl (31. Okt. 1503). Dieser, ein Feind der Borgias und entschlossen, die Güter des Kirchenstaats wieder zusammenzubringen, ließ Cesare festnehmen (22. Nov. 1503), der nun alles Eigentum des päpstlichen Stuhls, das er noch in Besitz hatte, ausliefern mußte und dann erst die Freiheit (19. April 1504) erhielt. B. ging nun zu den Spaniern nach Neapel, wurde aber bald auf Befehl Ferdinands des Katholischen (26. Mai 1504) verhaftet und nach Spanien abgeführt. Dort saß er zwei Jahre lang einsam, nur mit einem einzigen Diener, gefangen auf dem Schloß Medina del Campo. Endlich gelang es ihm, zu seinem Schwager, dem König von Navarra, zu entfliehen; mit diesem zog er gegen Kastilien, fiel aber bei der Belagerung des Schlosses von Viana 12. März 1507. Eine Schilderung Borgias gibt Machiavelli in seinem "Principe". Vgl. "Leben des Cesare B., Herzogs von Valentinois" (Berl. 1782); Alvisi, Cesare B., duca di Romagna (Imola 1878).

Seine Schwester Lucrezia B. (geb. 1480) wird als eine schöne und ungemein anmutige, vielseitig gebildete und kunstliebende Frau, zugleich aber nach der Überlieferung als ein moralisches Ungeheuer geschildert. Sie war bereits vor ihrem 13. Jahr zweimal verlobt und vermählte sich 1493 zum erstenmal mit Johann Sforza, Fürsten von Pesaro, der 1497 gezwungen wurde, sich von ihr scheiden zu lassen, weil ihr Vater, Papst Alexander VI., sie mit dem neapolitanischen Königshaus zu verschwägern gedachte. Dies geschah durch ihre Verheiratung mit Don Alfonso, Herzog von Busselli, einem Neffen des Königs Alfons II. von Neapel, die im Juli 1498 im Vatikan zu Rom vollzogen wurde. Als ihr Gatte von ihrem Bruder Cesare ermordet worden war (1501), schloß sie noch in demselben Jahr eine dritte Ehe mit dem Herzog Alfons von Ferrara, dem sie drei Söhne gebar. Sie starb 1520. Ihr Name ist verrufen durch die Ausschweifungen, welche sie während ihres Aufenthalts zu Rom begangen haben soll; namentlich wird sie eines blutschänderischen Umgangs mit ihrem Vater und ihren Brüdern beschuldigt. Indessen ermangeln diese Anklagen einer Begründung durch zeitgenössische römische Zeugen vollständig und werden von ihrem neuesten Biographen Gregorovius (s. unten) auf einen bloßen Verdacht zurückgeführt, der zuerst von ihrem schwer gekränkten Gatten Johann Sforza ausgesprochen, dann durch die Feinde der Borgias (besonders die Dichter Sannazar und Pontanus) in Umlauf gesetzt und schließlich aus einem Gerücht zu einer weitverbreiteten Meinung wurde. Von Sannazar stammt auch das bekannte Distichon als Aufschrift für ihren Leichenstein:

Hic jacet in tumulo Lucretia nomine,

sed re Thais, Alexandri filia, sponsa, nurus.

("Hier ruht eine Lukretia dem Namen nach, in Wahrheit eine

Thais, Alexanders Tochter, Gattin und Schnur.")

Jedenfalls war das Heroische und Wildleidenschaftliche, das ihr die Tradition beilegt, ihrem Charakter fremd. In Ferrara zeigte sie ein Benehmen und eine Thätigkeit, welche ihr die Liebe des Volkes und die Verehrung der ausgezeichnetsten Geister, wie Aldus, Bembo, Ariosto u. a., erwarben. Die Geschichte der B. nach der gewöhnlichen Überlieferung ward von Victor Hugo zu einem Trauerspiel, von Donizetti zu einer Oper benutzt. Ihre Ehrenrettung versuchte zuerst Roscoe. Ihm folgten später Cerri ("Alessandro VI, Papa, e suoi contemporanei", Turin 1858, 2. Aufl. 1873-74, 2 Bde.), Campori ("Una vittima della storia, Lucrezia B.", 1866), Antonelli ("Lucrezia B. in Ferrara", 1867), Zucchetti ("Lucrezia B., duchessa di Ferrara", 1869), besonders aber der Engländer Gilbert in "Lucrezia B., duchess of Ferrara" (Lond. 1869; deutsch, Leipz. 1870), der ersten ausführlichern, auf Urkunden gegründeten Geschichte der Lucrezia, und Gregorovius ("Lucrezia B.", 1.-3. Aufl., Stuttg. 1874, 2 Bde.).