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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brahmani; Brahmanismus

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Brahmani - Brahmanismus.

große Rolle in der Geschichte und Kulturentwickelung ihres Vaterlandes spielen. Sie zeigen schon durch ihre hellere Hautfarbe, daß sie sich mehr als alle übrigen Kasten rein erhielten und sich mit Aboriginerblut wenig vermischten. Sie sind in zahlreiche Unterabteilungen gespalten; der größte Stolz findet sich bei den aus Audh abstammenden. Erfundene Stammbäume und ausführliche Legenden, worin sie mit Heroen und Göttern in Verbindung treten, sollen ihren Zusammenhang mit den Vorvätern darlegen. Ihre Hauptplätze sind die östlichen Teile der Nordwestprovinzen, das untere Ganges-Dschamna-Doab und die angrenzenden Distrikte; hier heißen sie auch Gaur, von einem alten Landesnamen. Durch Energie und geistige Begabung zeichnen sie sich im Westen Indiens, im Marathenland, aus; weniger Eifer zeigen sie in Bengalen, wo sie meist auf einer niedrigen Stufe geistiger Bildung stehen; sehr zahlreich und fleißig ist die Brahmanenkaste dagegen im Süden von Indien, in Maissur und Travankor. Im allgemeinen haben sich die B. als aristokratische Klasse erhalten. Priester in unserm Sinn ist in Indien der Vorbeter, und diesen Dienst teilen die B. mit Angehörigen andrer Kasten. Sie greifen außerdem zu allen Erwerbsarten, suchen aber die reine Handarbeit nur in der Not. Überraschend groß ist die Zahl der Bettler unter ihnen; 1864 wurden in Bombay 33 Proz. der dortigen B. als Bettler aufgezeichnet. Die Namen der Hauptabteilungen dieser Kaste haben keine praktische Bedeutung mehr; auch die Zeremonien bei der Geburt, bei dem Anlegen der heiligen Schnur, die Handstellungen etc. beim Gebet und Opfer sind nicht von allgemeinem Interesse, so peinlich genau auch alle darauf bezüglichen Vorschriften beachtet werden. Vgl. Haug, Brahma und die B. (Münch. 1871); Muir, Original sanskrit texts, Bd. 1 (2. Aufl., Lond. 1872); Campbell, The ethnology of India (das. 1866); E. Schlagintweit in H. v. Schlagintweits "Reisen in Indien", Bd. 1 (Jena 1869); Belnos, The Sundya, or daily prayer of the Brahmans (1851).

Brahmani, Küstenfluß in Ostindien, Präsidentschaft Bengalen, entspringt an der Südgrenze von Bihar und mündet nach einem Laufe von ca. 450 km in zwei Armen unter 20° 46¾' nördl. Br., 86° 58' östl. L. v. Gr. in den Golf von Bengalen.

Brahmanismus (v. sanskrit. Brâhmana, "Brahmane", gebildet), europäische Bezeichnung der Religion der Hindu in Britisch-Ostindien, zu der sich an 150 Mill. Menschen bekennen (außerhalb Indiens hat sie keine Anhänger). Der B. beruht nicht auf dem System eines einzigen Mannes; er ist keine Reform, stellt sich nicht in Gegensatz zu frühern Ansichten, sondern ist das Produkt jahrhundertelanger Entwickelung. Seinen Ausgangspunkt bilden die Anschauungen, welche der in das Pandschab eingewanderte Zweig der Arier in der wedischen Periode über Naturerscheinungen und Götter gebildet hatte. Bestimmend für die religiöse Richtung, welche uns im B. entgegentritt, wurde ferner noch das Kastenwesen, dessen Ausbildung in die nachwedische Zeit fällt; es steht in innigem Zusammenhang mit dem B. und wurde mit diesem von der größten Bedeutung für die Gestaltung des indischen Staats. In den Wedas (s. d.) haben wir noch kein abgeschlossenes Göttersystem vor uns; es treten uns hier lediglich noch die Anschauungen entgegen, von denen die Sänger der einzelnen Lieder beherrscht waren. Die Hauptgottheiten sind Naturgötter; Götter mit vorwiegend ethischer Bedeutung sind wenige, und ihre Stellung ist noch eine untergeordnete. Von einer Systematik der Götterlehre treten uns in den wedischen Liedern nur erst geringe Spuren entgegen, so die Unterscheidung von Göttern des Himmels, der Luft und der Erde; bestimmter ist sie bereits in den ältesten Kommentaren zum Weda ausgebildet. Erst die theologische Doktrin der Brahmanen (s. d.) strebte über die Schar der Naturgötter zu etwas Einfachem und Ideellem hin, teils anknüpfend an alt-arische Vorstellungen, teils auf spekulativem Weg; der eine führte zur Idee des Brahma (s. d.), der andre zur Annahme der Weltseele (Âtma). Mit der Weltseele, mit dem prädikatlosen "Das" oder "Jenes" (Awam, zusammengezogen in Ôm), wurde das Brahma identifiziert und damit die geheimnißvolle Macht des Gebets zum Urgrund der Natur erhoben. Im Glauben des Volkes hat diese Doktrin niemals lebendige Wurzel gefaßt; aber ihre Konsequenzen haben das ganze religiöse, politische und soziale Leben der Inder durchdrungen. Die wichtigste derselben ist die Emanationslehre: das Brahma als Weltseele schafft nicht die Welt, sondern entfaltet sich zu ihr. Je weiter es sich von sich selbst entfernt, desto unähnlicher wird es sich, daher das Dogma vom Weltübel; die Natur ist getrübtes Brahma, daher voll Unvollkommenheit und Sünde, Schmerz und Leiden, Krankheit und Tod. Wie aber das All vom Brahma ausgeht, so kehrt es auch in dasselbe zurück: aus dieser Vorstellung ist die Lehre von der Seelenwanderung hervorgegangen. Alle Wesen, von der Weltseele ausgestrahlt, sollen auch in dieselbe heimkehren; diese Heimkehr ist zugleich ein Reinigungsprozeß, denn nur völlig von der Materie geläutert, können sie sich wieder mit dem Brahma vereinigen. In älterer Zeit galt die Annahme, jede Seele müsse die ganze Stufenleiter der Kreaturen durchmachen; in der spätern Auffassung hängt die Sphäre, in welcher die einzelne Seele wiedergeboren wird, von ihrem Verdienst und ihrer Verschuldung in frühern Lebensläufen ab. Die ärgsten Sünder sinken nach dem Tode dieses Leibes in eine unter der Erde gelegene Hölle hinab, und erst, nachdem sie hier alle Arten der Pein durch unermeßliche Zeiträume ausgehalten haben, beginnen sie aufs neue die Wanderung. Von der wesentlichsten Wichtigkeit für die Ausbildung der brahmanischen Hierarchie war das Kastenwesen, in welchem sie nach langen und hartnäckigen Kämpfen mit den Kschatrijas schließlich die erste und dominierende Stellung errang. Den Mitgliedern der vier Kasten ist nicht bloß im allgemeinen ihr Platz und Beruf von Brahma selbst angewiesen, sondern alle damit verbundenen Rechte und Pflichten, Gebräuche und Formen sind jedem Stand in einer geradezu zahllosen Menge von Vorschriften bis ins kleinste Detail hinein vorgeschrieben. Selbst die peinlichste Gewissenhaftigkeit muß daran verzweifeln, dieser unübersehbaren Menge von Vorschriften immer zu genügen; für jeden ist also stets die Gefahr der Versündigung oder Verunreinigung sehr nahe. Darauf hat der B. ein weitläufiges System von Reinigungen, Sühnen, Bußen und geistlichen Strafen aufgebaut, dessen Vollendung die Askese ist. Eine entschiedene Opposition gegen den B. ging von der Sânkhjaphilosophie und besonders vom Buddhismus (s. d.) aus. Letzterer unterlag schließlich in Vorderindien selbst dem B., aber nicht, ohne den letztern mit mancher fruchtbaren Idee zu durchtränken. Hierher gehört die mit dem Bedürfnis eines persönlichen Erlösers zusammenhängende Lehre von den Inkarnationen oder Avatâras des Wischnu und andrer Götter; ferner die Vereinigung der beiden Volksgötter Wischnu und Siwa mit dem niemals volkstümlich