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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brentano

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Brentano.

blieb, weil es ihm an Gestaltungskraft und an Beharrlichkeit des Willens fehlte, seinen Werken eine künstlerisch durchgearbeitete Form zu geben. Er wurde von Shakespeare bedeutend beeinflußt, nahm aber, wie die übrigen Romantiker, mit Vorliebe gerade die Auswüchse dieses Genius in sich auf. Sein erstes Werk: "Godwi", charakterisiert sich selbst als "verwilderter Roman" hinlänglich; die Heldin ist eine "Emanzipierte im großen Stil, eine Prophetin der Wollust und Sinnlichkeit, voll Haß gegen die Ehe und den Zwang der Tugend". Die "Romanzen vom Rosenkranz" hat man nicht unzutreffend als eine romantische Faustiade bezeichnet, in welcher jedoch der Trieb und Stolz des Wissens von Haus aus als dämonisch und verwerflich geschildert wird. Die größte objektive Dichtung Brentanos ist die "Gründung Prags", genannt Drama, in Wirklichkeit aber nur eine Art dramatischer Symphonie voll phantastischer Gestalten, Empfindungen und Gedanken, während das Lustspiel "Ponce de Leon" mit seinen sich überstürzenden Wortwitzen an ein "komisches Raritätenkabinett mit den ausgestopften Marotten Shakespeares" gemahnt. Am erfreulichsten erscheint der Dichter in seinen kleinern Erzählungen, namentlich in der "Geschichte vom braven Kasperl", in welcher bereits der Ton der spätern Dorfgeschichten mit Glück angeschlagen ist, wiewohl auch hier einzelne Ausschweifungen der Phantasie und spukhafte Züge den Genuß stören. Als Lyriker ist B. in kleinern Liedern und Romanzen am bedeutendsten, von denen manche durch volksmäßige Einfachheit des Tons einen erquicklichen Eindruck machen. Seine verdienstlichste Arbeit aber ist die mit v. Arnim herausgegebene Sammlung deutscher Volkslieder: "Des Knaben Wunderhorn" (Heidelb. 1806-1808, 3 Tle.; neue wortgetreue Ausgabe von Birlinger, Wiesb. 1873); auch besorgte er eine Ausgabe von Wickrams "Goldfaden" (Heidelb. 1809). Seine "Märchen", schon 1811 geschrieben, gab Guido Görres heraus (Stuttg. 1848, 2 Bde.; 2. Aufl. 1879). Seine "Gedichte" erschienen zu Frankfurt 1854, in neuer Auswahl, 2. Aufl. 1861; seine "Gesammelten Schriften" daselbst 1852-55 in 9 Bänden, die kleinern prosaischen Schriften in neuer Ausgabe 1862 in 2 Bänden. "Ausgewählte Schriften" gab Diel heraus (Freiburg 1873, 2 Bde.). Vgl. Arsten in den "Blättern für litterarische Unterhaltung" 1852, Nr. 48 und 51; Diel, K. B., ein Lebensbild (Freiburg 1877-78, 2 Bde.).

2) Lorenz, bekannt durch seine Teilnahme an der badischen Revolution, geb. 1812 zu Mannheim, studierte in Heidelberg Jurisprudenz und ward 1837 Advokat, 1846 Abgeordneter von Mannheim in der badischen Zweiten Kammer, 1848 Mitglied der Nationalversammlung. Den republikanischen Schilderhebungen 1848 blieb B. fremd, war aber ihr Verteidiger vor den Assisen zu Freiburg, in der Kammer und in der Presse. Seine Wahl zum Bürgermeister in Mannheim Anfang 1849 wurde von der Regierung nicht bestätigt. Als im Februar und März 1849 die radikale Partei zum größern Teil die Kammer verließ, trat auch er aus. Am 14. Mai übernahm er an der Spitze des Landesausschusses die Regierung Badens und ward von diesem Augenblick an die Stütze der gemäßigten Elemente; als aber Struve auf der Flucht zu Freiburg 28. Juni den Antrag durchsetzte, daß Unterhandlungen mit dem preußischen Okkupationsheer als Vaterlandsverrat angesehen werden sollten, floh B. nach Schaffhausen, von wo aus er in einem Manifest seine eigne ehemalige Partei schonungslos kritisierte. Aus der Schweiz ausgewiesen, ging B. 1850 nach Nordamerika, wo er eine Farm in Michigan bewirtschaftete. 1859 zog er nach Chicago, praktizierte hier zuerst als Advokat und leitete dann 1860-67 als Chefredakteur die republikanische "Illinois-Staatszeitung", die er zu einem der einflußreichsten Blätter des Nordwestens zu machen wußte. Auch vertrat er 1862 Chicago in der Legislatur von Illinois und stand 1868 als Präsident an der Spitze des Erziehungsrats von Chicago. 1872-76 war B. amerikanischer Konsul in Dresden, dann einige Zeit Mitglied des Kongresses als Repräsentant des Staats Illinois.

3) Franz, Philosoph, geb. 1838 zu Marienberg bei Boppard, ursprünglich kath. Theolog, ward 1866 Privatdozent, später Professor der Philosophie zu Würzburg, legte infolge des Infallibilitätsdogmas 1873 seine Professur freiwillig nieder und übernahm 1874 eine ordentliche Lehrkanzel der Philosophie an der Universität zu Wien, von welcher er, nachdem er 1879 zum Protestantismus übergetreten war, 1880 gleichfalls freiwillig zurücktrat, ohne indes seine Lehrthätigkeit (als Privatdozent daselbst) aufzugeben. Außer mehreren populären Vorträgen schrieb er: "Über die mannigfache Bedeutung des Seienden nach Aristoteles" (Freiburg 1862); "Psychologie des Aristoteles" (Mainz 1867) und im Anschluß an Lotze und die neuern Engländer sein (noch unvollendetes) Hauptwerk: "Psychologie vom empirischen Standpunkt" (Leipz. 1874, Bd. 1); "Über des Aristoteles Kreatianismus" (Wien 1882) und "Offener Brief an Professor E. Zeller" (Leipz. 1883). In weitern Kreisen machte er sich durch ein Bändchen "Neue Rätsel" (Wien 1878) bekannt.

4) Lujo, Nationalökonom, geb. 18. Dez. 1844 zu Aschaffenburg, ging 1861 nach Dublin, wo er ein Jahr Vorlesungen an der Universität hörte. Zurückgekehrt, studierte er in München, Heidelberg, Würzburg und Göttingen und arbeitete hierauf im königlichen statistischen Seminar zu Berlin. 1868 begleitete er dessen Direktor E. Engel auf einer Reise nach England, wo er sich dem Studium der englischen Arbeiterverhältnisse, namentlich der Gewerkvereine, widmete. Die Frucht desselben ist das Werk "Die Arbeitergilden der Gegenwart" (Leipz. 1871-72, 2 Bde.). 1872 zum außerordentlichen, 1873 zum ordentlichen Professor der Staatswissenschaften an der Universität Breslau ernannt, folgte er 1882 einem Ruf an die Universität Straßburg. Im Streite der deutschen Freihandelsschule mit den Kathedersozialisten (Verein für Sozialpolitik) nahm B. für letztere Partei, namentlich gegen H. B. Oppenheim (s. d.) im "Hamburger Korrespondent". Seine Arbeitergilden wurden durch Ludwig Bamberger (s. d.) in seiner "Arbeiterfrage" angegriffen, welches Buch B. zu einer Gegenschrift veranlaßte: "Die wissenschaftliche Leistung des Herrn L. Bamberger" (Leipz. 1873). Andre Arbeiten von ihm sind: "Über Einigungsämter. Eine Polemik mit Dr. Alex. Meyer" (Leipz. 1873); "Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung" (das. 1877); "Das Arbeitsverhältnis gemäß dem heutigen Recht" (das. 1877); "Die Arbeiterversicherung gemäß der heutigen Wirtschaftsordnung" (das. 1879); "Der Arbeiterversicherungszwang, seine Voraussetzungen und seine Folgen" (Berl. 1881); "Die christlich-soziale Bewegung in England" (2. Aufl., Leipz. 1883); der Abschnitt "Die gewerbliche Arbeiterfrage" in Schönbergs "Handbuch der politischen Ökonomie" (Tübing. 1882); "Die englische Chartistenbewegung" in Hildebrands "Jahrbüchern für Nationalökonomie".