Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brille

429

Brille.

strahlen) gerade auf die Netzhaut trifft, welche den Hintergrund des Auges auskleidet (s. Auge, S. 75). Um die Brechungsverhältnisse im Auge, welche sich aus den Wirkungen der Hornhaut und der Kristalllinse zusammensetzen, klarer zu übersehen, bedient man sich eines schematischen Auges, in welchem die mehrmalige Brechung der Lichtstrahlen im natürlichen Auge durch eine einmalige (Fig. 1, B) ersetzt wird (Listings reduziertes Auge). Das Auge des Normalsichtigen (Emmetropen) ist so eingerichtet, daß es Strahlen, welche von A parallel auf dasselbe einfallen (Fig. 1), im Zustand der Ruhe auf seiner Netzhaut (bei C) vereinigt; solche parallele Strahlen können natürlich nur von einem sehr weit entfernten Objekt herrühren, doch besitzen auch schon Strahlen, welche von einem 6 m entfernten Objekt in das Auge fallen, einen so geringen Neigungswinkel zu einander, daß sie demselben Gesetz unterliegen wie die vollkommen parallelen Strahlen. Anders verhält es sich nun mit den Strahlen, welche aus größerer Nähe kommen (Fig. 1, DBE), denn diese müßten, wenn das Brechungsverhältnis bei B dasselbe bliebe, zerstreut auf die Netzhaut einfallen. Das Auge besitzt indes das Vermögen, die Brechungskraft der Kristalllinse zu erhöhen, und diese Thätigkeit des Auges, welche dasselbe der Nähe anpaßt, die Akkommodation, besteht darin, daß der Akkommodationsmuskel der Linse eine dickere und daher stärker brechende Gestalt verleiht. Das normalsichtige, jugendliche Auge ist im stande, Strahlen, welche aus einer Entfernung von 10 cm kommen, noch auf seiner Netzhaut zu vereinigen, und diese Entfernung, welche also das Maximum des Brechungsvermögens darstellt, nennt man den Nahepunkt eines Auges, während ein Minimum von Anstrengung erforderlich ist, wenn die Strahlen parallel einfallen, aus dem Fernpunkt, kommen. Die Strecke zwischen Nahe- und Fernpunkt also die Strecke des deutlichen Sehens, heißt Akkommodationsbreite. Naturgemäß sieht auch der Normalsichtige weit entfernte Gegenstände zwar deutlich, aber klein, wegen der Kleinheit des Sehwinkels. Mit zunehmendem Alter erleidet die Kristalllinse eine allmählich stärker werdende Einbuße ihres Brechungsvermögens, welche hauptsächlich auf einem Härterwerden der Linsensubstanz beruht, und es rückt demgemäß der Nahepunkt bei zunehmendem Alter immer weiter heraus, so daß ältere Leute unvermögend werden, nahe Gegenstände deutlich zu sehen.

Die Vorgänge beim normalen Sehen erleiden bei anormalen Augen Abweichungen, welche man, je nachdem die Refraktion oder die Akkommodation gestört ist, als Refraktions- und Akkommodationsanomalien bezeichnet. Zu den letztern gehört unter anderm die eben erwähnte Unfähigkeit alter Leute, ihr Auge auf die Nähe einzustellen, ein Zustand, den man nach Donders Presbyopie genannt hat. Unter Kurzsichtigkeit (Myopie) versteht man einen Zustand, bei welchem das Auge im Zustand der Ruhe nicht im stande ist, parallele Strahlen auf seiner Netzhaut zu vereinigen, dieselben vielmehr sich vor der Netzhaut schneiden und demgemäß in Zerstreuungskreisen auf dieselbe auffallen. Das kurzsichtige Auge ist demgemäß auch im Zustand der Ruhe für divergente Strahlen eingerichtet (Fig. 2, DBC), es ist im stande, in der Nähe deutlich zu sehen; doch liegt sein Fernpunkt mehr oder weniger näher vor dem Auge. Die Kurzsichtigkeit beruht auf einer Verlängerung der Augenachse, hervorgerufen durch eine Längsdehnung des Augapfels (Fig. 2). Wird die letztere eine übermäßig starke bei den höchsten Graden der Kurzsichtigkeit, so entstehen durch Zerrungen bei den Bewegungen des Augapfels leicht entzündliche Prozesse im Innern des Auges.

Das weitsichtige (hypermetropische) Auge ist im Zustand der Ruhe auf konvergente Strahlen eingestellt (Fig. 3, DBC), parallele Strahlen schneiden sich in einem Punkt (E), den man hinter die Netzhaut zu verlegen hat; doch vermag es durch Akkommodation auch parallele Strahlen auf der Netzhaut zu vereinigen, dagegen divergente wenig oder gar nicht. Mit andern Worten, das weitsichtige Auge kann auf mittlere und weite Entfernungen gut, auf nahe Punkte dagegen schlecht akkommodieren. Der Grund hierfür liegt, umgekehrt wie bei der Kurzsichtigkeit, in einer Verkürzung der Augenachse, hervorgerufen durch eine Abflachung des Augapfels von vorn nach hinten.

Das sind in erster Linie die Anomalien der dioptrischen Apparate des Auges, welche einer Korrektion durch Augengläser bedürfen. Die Gläser einer B. sind Linsen, welche je nach ihrer Brennweite eine verschieden starke Wirkung haben.

Die Stärke des Glases bestimmt der Augenarzt mit Hilfe des Augenspiegels, da ein normales Auge des Beobachters im Augenspiegel nur die Netzhaut eines gleichfalls normalen Auges ohne weiteres deutlich sieht, bei kurzsichtigem Auge des Untersuchten aber einer Zerstreuungs-, bei weitsichtigem Auge einer Sammellinse bedarf, welche er durch Ausprobieren ermittelt, und deren Brechungsstärke genau den Grad der fehlerhaften Brechung des Auges angibt.

Für die Kurz- und Fernsichtigkeit, gleichgültig, ob sie dauernd oder nur durch Akkommodationsschwäche bedingt ist, kommen demnach als Brillengläser Sammel- und Zerstreuungslinsen in Frage (s. Schema derselben, Fig. 4, S. 430). Die erstern sind gewölbt (konvex) geschliffen und zwar entweder auf beiden Seiten (bikonvex) oder nur auf der einen Seite gewölbt, auf der andern eben (plankonvex). Die Zerstreuungsgläser sind dagegen hohl (konkav) geschliffen und zwar ebenfalls entweder auf beiden Seiten (bikonkav) oder auf einer Seite hohl, auf der an-^[folgende Seite]

^[Abb.: Fig. 1. Brechung der Lichtstrahlen im normalen Auge im Zustand der Ruhe.]

^[Abb.: Fig. 2. Brechungsverhältnisse der Strahlen im kurzsichtigen Auge.]

^[Abb.: Fig. 3. Brechung der Strahlen im weitsichtigen Auge.]