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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brüssel

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Brüssel (bemerkenswerte Profanbauten; Bevölkerung).

vollen Wand- und Ölgemälden; in der Unterstadt die neuerbaute St. Katharinenkirche; die Eglise du Béguinage (mit einer Kolossalstatue Johannis des Täufers von Puyenbroek); die durch ihr schönes Portal ausgezeichnete Kirche Notre Dame de Finisterre; die Kirche Notre Dame de Bon Secours (1621 nach der Santa Casa von Loreto in Italien auf Veranlassung der Infantin Isabella aufgeführt); die neue prächtige Kirche der heiligen Jungfrau (im romanischen Stil mit achteckiger Grundform nach den Plänen von Ovenstraeten erbaut) mit schlanken, durchbrochenen Türmen; die Kirche St. Joseph (im Renaissancestil, 1849 erbaut und von den Redemptoristen benutzt) mit einem Altarbild von Wiertz u. a. Die von der niederländischen Regierung dem evangelischen Kultus eingeräumte Augustinerkirche (aus dem 17. Jahrh.) dient gegenwärtig als Hauptpostamt. Einige protestantische Kapellen sind unansehnlich; eine neue Synagoge ist 1878 von de Keyser erbaut.

In der Oberstadt sind die bemerkenswertesten Profanbauten: der königliche Palast, am Park, ein wenig ausgezeichnetes Bauwerk aus dem vorigen Jahrhundert, das kürzlich durch einen neuen Flügel vergrößert wurde (es enthält im Innern eine Sammlung von Gemälden von zum Teil hervorragendem Kunstwert); der frühere Palast des Prinzen von Oranien (Palais Ducal), jetzt Eigentum des Staats, mit einer Sammlung von Gipsabgüssen und den Sitzungssälen der Akademie der Wissenschaften; der Nationalpalast, von Maria Theresia 1779-83 für die alte Ratsversammlung von Brabant erbaut, 1817 bis 1830 Palais der Etats Généraux, jetzt Sitzungslokal der belgischen Kammern, nach dem Brand von 1883 neuerbaut (mit einer Statue König Leopolds von Geefs). An der Place du Musée steht der "alte Hof", der von 1731 an, nach Einäscherung des alten Palastes, Residenz der österreichischen Statthalter war, jetzt die berühmte Gemäldesammlung (Musée) und ein Naturalienkabinett enthält. Daran stoßen das Musée de l'industrie nebst Industrieschule und die kostbare königliche Bibliothek (s. unten) mit einer Kupferstichsammlung (im Hof des Palastes steht das 1846 errichtete Denkmal des österreichischen Generalstatthalters Karl von Lothringen, von Jehotte). Noch sind hervorzuheben: das Universitätsgebäude (der ehemalige Palast des Kardinals Granvella) mit dem Standbild Verhaegens, eines Mitbegründers der Universität; der herzoglich Arenbergsche Palast (1548 erbaut, einst die Wohnung des Grafen Egmont) mit Gemäldesammlung; das Gefängnis Les Petits-Carmes (1847 im englisch-gotischen Stil nach dem Zellensystem erbaut auf der Stelle eines 1811 niedergerissen Karmeliterklosters, in dessen Nähe ehemals das gräflich Kuylenbergsche Haus, der Versammlungsort der aufständischen niederländischen Edelleute unter Philipp II., stand); ferner der neue Justizpalast, ein Bau von kolossalen Verhältnissen nach den Plänen des Architekten Poelart, und das zierliche Blindeninstitut, mit halbgotischem Glockenturm (von Cluysenaar erbaut). Endlich enthält die Oberstadt auch noch den Überrest der ehemaligen Befestigung, die Porte de Hal am Ende der Rue haute (1381 erbaut und kürzlich restauriert), die zu Albas Zeit als Kerker diente, jetzt eine Waffen- und Altertümersammlung enthält.

Die Unterstadt enthält die vorzüglichsten ältern Bauwerke Brüssels. Hier prangt an dem 110 m langen, 68 m breiten Marktplatz das herrliche Rathaus (Hôtel de Ville), das merkwürdigste Gebäude Brüssels. Es bildet ein Viereck von 60 m Länge und 50 m Tiefe, das einen Hof mit zwei Marmorbrunnen umschließt, und kehrt seine Fronte (im gotischen Stil 1402-43 erbaut) dem Markt zu. Auf der Vorderseite, doch nicht in der Mitte, erhebt sich ein schöner, 114 m hoher Turm, den als Wetterfahne die 5 m hohe Figur des Erzengels Michael aus vergoldetem Kupfer krönt. Auch die andern Seiten des Marktes zeigen, wie erwähnt, mehrere sehr ansehnliche und interessante mittelalterliche Gebäude, namentlich die alten Zunfthäuser (das Haus der Brauer, der Bogenschützen, der Schiffer, der Zimmerer etc.) und das uralte sogen. Brothaus (auch Maison du Roi genannt), in welchem Egmont und Hoorn in der Nacht vor ihrer Hinrichtung, die aus dem Marktplatz stattfand, gefangen saßen. Andre hervorragende Gebäude der Unterstadt sind: das Theater (1817 erbaut, im Innern nach dem Brand von 1855 ganz umgeändert) mit einem Portikus von acht ionischen Säulen und mit herrlichem Giebelrelief (von Simonis); die königliche Münze; die neue Börse (im Renaissancestil nach dem Plan des Baumeisters Suys); das St. Johannishospital (in einfach edlem, aber großartigem Stil, mit Raum für 600 Kranke) etc.

Prächtig ist die Galerie oder Passage St.-Hubert, ein 1847 angelegter, mit Glas gedeckter, 213 m langer, 8 m breiter und 18 m hoher Gang, der den Marché aux Herbes mit der Rue de l'Ecuyer verbindet und die glänzendsten Kaufläden, Cafés etc. enthält. Auch mehrere überdeckte Gemüse- und Fruchtmärkte (marchés couverts) besitzt B. (den ersten, Marché de la Madeleine, seit 1848) sowie seit 1842 große Abattoirs oder Schlachthäuser. Ein anderer bedeckter Markt für Lebensmittel (Halles centrales) ist neuerdings vollendet worden. Auch die große Kaserne Petit-Château und das Entrepôt Royal (Warenlager und Zollamt) sind noch zu erwähnen. In den Straßen befinden sich 30 Springbrunnen, darunter auf einem Eckbrunnen hinter dem Rathaus das Wahrzeichen Brüssels, der sogen. Manneken-Pis, der für die Brüsseler ein Gegenstand besonderer Verehrung ist. Es ist ein nicht ganz 1 m hoher, 1619 nach einer Zeichnung von Dusquesnoy ausgeführter Cupido, der nach altem Herkommen an hohen Festtagen bekränzt und bekleidet wird und dazu acht Anzüge (darunter einen Napoleonshut) besitzt; Ludwig XV. hat ihm sogar das Ludwigskreuz verliehen.

Die Bevölkerung Brüssels hat seit der Selbständigkeit Belgiens stark zugenommen; sie betrug 1824: 84,000, 1846: 123,874, 1856: 152,828, 1866: 157,905, 1876: 161,816 und 1884: 168,029 Einw., mit den sieben angrenzenden Gemeinden (Etterbeek, Ixelles, St.-Gilles, Anderlecht, Molenbeek, Schaerbeek und St.-Josseten Noode) 1882: 388,781 Einw. In der Stadt selbst stieg die Dichtigkeit der Bevölkerung pro Hektar von (1846) 139 Einw. auf (1881) 185. Die Bewegung der Bevölkerung betrug 1882:

Brüssel Vororte

Lebendiggeborne 5809 7452

Totgeborne 369 322

Trauungen 1729 1911

Ehescheidungen 50 47

Todesfälle 4808 4244

Von den Lebendiggebornen waren in B. selbst 28,5 Proz. unehelich, in den Vororten nur 15 Proz. Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung betrug in B. 0,5 Proz., in den Vororten 1,3 Proz. Auf 1000 Einwohner kamen in der Stadt 29 Todesfälle, in den Vororten noch nicht 20. In der Stadt selbst gab es 1880: 17,643 bewohnte Häuser (1866: 17,641) mit 44,784 Haushaltungen (1866: 44,116). Die Bevöl-^[folgende Seite]