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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brüssel

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Brüssel (Industrie, Handel, Wohlthätigkeits-, Bildungsanstalten etc.; Geschichte).

kerung ist fast ausschließlich katholisch; es gibt nur ca. 6000 Protestanten und wenige Juden. Von Ausländern sind etwa 12,000 Deutsche und 4000 Engländer. B. ist eine Fabrik- und Handelsstadt von großer Bedeutung. Unter den Fabrikationszweigen steht obenan die Spitzenklöppelei (Brabanter oder Brüsseler Spitzen), die von mehreren Tausend Familien in und um B. betrieben wird und das Vollendetste in dieser Art Arbeit liefert; der Flachs dazu wächst bei Hal (der beste bei dem Ort Rebecque). Den zweiten Rang in der Fabrikation behaupten die Wollzeug- (Tuch, Decken, Coatings, Kalmucks, Borys, Kirseys, Kamelotts, gewirkte Tapeten) und Baumwollwaren (Kattune, Pikees, Musseline, Siamoisen etc.). Ausgebreiteten Ruf genießen auch die Brüsseler Spielkarten, die dortigen Papierfabrikate und mehr noch die Wagen und Kutschen. Außerdem fabriziert man Seife, Talg- und Wachslichte, Hüte, Gold- und Silberwaren, Nadeln, Porzellan, Fayence, Glas, Zucker, Band, Posamentier- und Galanteriewaren, Borten, Leder etc. Der Handel Brüssels beschäftigt sich nicht allein mit den angeführten Fabrikaten und den reichen Produkten der Umgegend, Getreide, Klee-, Lein- und Rübsamen, Flachs, Bausteinen etc., sondern die Stadt nimmt von Antwerpen aus auch bedeutenden Anteil an Handelsunternehmungen zur See, welcher Verkehr durch den aus dem 16. Jahrh. herrührenden Kanal über Vilvorde zur Schelde, der zugleich den Hafen von B. bildet, und den über Hal zur Sambre sehr begünstigt wird. Hauptlebensadern sind ihm in neuerer Zeit die Eisenbahnen geworden, deren sechs (von Antwerpen, Ostende, Lille, Charleroi, Namur und Lüttich) hier zusammentreffen. Zu seiner Unterstützung und Förderung dienen außerdem in B. eine Börse, mehrere Banken (darunter die Nationalbank, seit 1850, mit einem Kapital von 50 Mill. Frank, das noch vermehrt werden kann, einer Filiale in Antwerpen und zahlreichen Zweigkontoren und Agenturen) sowie sehr frequente Märkte. Die Versorgung der Stadt mit Gas, welche 1842 einer englischen Gesellschaft übertragen war, ist 1875 in den Besitz der Stadt selbst übergegangen.

Unter den zahlreichen Wohlthätigkeitsanstalten verdienen vornehmlich Erwähnung: das Institut für Taubstumme und Blinde; das St. Johannishospital; das Hospice des vieillards, ein Verpflegungshaus für 600 Greise, mit eigner Kirche; das reichdotierte, 1568 gestiftete Findelhaus und die Hospitäler St. Peter und St. Gertrud. Unter den öffentlichen Anstalten für Wissenschaft und Kunst steht die 1834 gegründete sogen. freie Universität mit vier Fakultäten und 1881/82: 1232 Studenten obenan (vgl. Vanderkindere, L'université de Bruxelles 1834-84, Brüss. 1884). Die polytechnische Schule (seit 1873) zählte 1881/82: 109 Hörer. Vorbereitungsanstalt für dieselbe ist ein königliches Athenäum; in den Vororten Ixelles, wo gegenwärtig ein Athenäum errichtet wird, und Schaerbeek gibt es je eine höhere Knabenschule. Ferner bestehen in B. eine Akademie der Wissenschaften und schönen Künste (Académie royale de Bruxelles, 1774 gegründet), eine höhere Militärschule, eine Industrieschule, das bischöfliche Institut St.-Louis (Seminar), eine Akademie für Malerei, Bildhauerei und Architektur, ein Konservatorium für Musik, eine Veterinärschule, eine treffliche Sternwarte (1830-74, unter Quételets Direktorium), ein botanischer Garten (1830 eröffnet). Der Volksunterricht steht noch auf niedriger Stufe, obwohl im letzten Jahrzehnt dank den Fortbildungsschulen und Volksbibliotheken ein großer Fortschritt zu bemerken ist. In der Nähe des ehemaligen zoologischen Gartens steht, in Form einer künstlichen Ruine, das Musée Wiertz, ehemals Landhaus und Atelier des gleichnamigen Künstlers, das nach dessen Tod (1865) in den Besitz der Regierung überging und eine Reihe seiner interessantesten Bilder, zum Teil auf die Wand gemalt, enthält. Unter den übrigen Kunstsammlungen, deren schon oben gedacht wurde, ist das Musée de peinture im Alten Hof, welches ca. 400 Bilder von ältern Meistern enthält (darunter 12 von Rubens, andre wertvolle Schöpfungen von Weenix, Cuyp, Joh. van Eyck, Rembrandt, van Dyck etc.), die bedeutendste; eine besondere Abteilung davon bildet das Musée moderne (mit de Keysers Schlacht von Worringen, der Abdankung Karls V. von Gallait und dem Kompromiß von 1565 von Bièfve). Die königliche Bibliothek besteht aus zwei Abteilungen: der der Handschriften, welche im wesentlichen die berühmte Bibliothèque de Bourgogne, von Philipp dem Guten von Burgund im 15. Jahrh. gestiftet, umfaßt und an 22,000 Nummern zählt, und der Abteilung der gedruckten Bücher, die etwa 400,000 Bände stark ist. Außerdem besitzt die Bibliothek eine Kupferstichsammlung von ca. 100,000 Blättern und eine Medaillensammlung von etwa 12,000 Stück. Auch zahlreiche Gesellschaften und Vereine, welche teils wissenschaftliches Zusammenwirken, teils künstlerische Ausbildung bezwecken (z. B. die Medizinische und Naturforschende Gesellschaft, die Gesellschaft zur Aufmunterung der schönen Künste, die Musikalische Gesellschaft und neuerdings die Geographische Gesellschaft), bestehen in B. Es ist Vaterstadt vieler in Wissenschaften und Künsten ausgezeichneter Männer und Frauen, z. B. des berühmten Anatomen Andreas Vesalius, des Geschichtschreibers H. Hugo, des Naturforschers J. B. ^[Johan Baptista] van Helmont, des Mathematikers Fr. Aguillon. B. ist Sitz der höchsten Staatsbehörden und eines Provinzialgouverneurs sowie der fremden Gesandtschaften und eines deutschen Konsuls. Was die Finanzen betrifft, so waren 1885 veranschlagt die Einnahmen mit 31,312,402, die Ausgaben mit 31,153,054 Frank, wovon 10½ Mill. außerordentliche. Fast 10 Mill. waren für öffentliche Arbeiten bestimmt. Die Verzinsung der Stadtschuld erforderte nur 250,000 Fr.

Unter den Spaziergängen sind außer den Boulevards die Avenue Louise und das Bois de la Cambre zu erwähnen, die an schönen Sommerabenden von Besuchern zu Roß, zu Wagen und zu Fuß wimmeln, endlich die 1707 angelegte Allée verte, eine vierfache Lindenallee, die längs des Scheldekanals ca. 4 km sich hinzieht und ehedem ebenfalls ein Hauptsammelpunkt der vornehmen Welt war, jetzt aber ziemlich verlassen und verrufen ist. Von da aus führt der Weg nach Laeken (s. d.).

Geschichte.

Im 7. Jahrh. gründete der heil. Gerald, Bischof von Cambrai, auf einer Insel der Senne, der jetzigen Place St.-Gery, eine Kapelle, um welche sich eine Ortschaft bildete, die schon 900 einen Markt hielt, ein Kastell hatte und Bruxella oder Bruchsella genannt wurde; es war damals eine kaiserliche Pfalz und gehörte dann den von den Herzögen von Lothringen lehnsabhängigen Grafen von Löwen, die den Titel Grafen von B. annahmen. Seit der Mitte des 11. Jahrh. war die Stadt Residenz der Herzöge von Niederlothringen und Brabant. Herzog Johann III. erweiterte die Stadt 1361 und verstärkte ihre Befestigung. Die Kastellane des Schlosses von B. hießen Burggrafen, später Vikomten.