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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Buchhandel

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Buchhandel (im Mittelalter).

Gebrauch zu Grunde, der Rest in den politischen und kriegerischen Stürmen, welche den Sturz der römischen Weltherrschaft herbeiführten und das Mittelalter einleiteten.

Während der ersten Jahrhunderte des Mittelalters gab es, außer im römischen Reich (Byzanz, Alexandria) und später in den Ländern des Islam (Bagdad, Kairo, Cordova), keinen litterarischen Verkehr. In Klöstern und geistlichen Stiftern wie an einzelnen Fürstenhöfen wurden zwar Abschriften angefertigt, aber nur zum eignen Gebrauch, höchstens zu gelegentlichem Austausch. Den sehr seltenen Verkauf von Handschriften kann man kaum B. nennen. Die Kunst des Schreibens war nur wenigen Personen, meist bloß den Geistlichen, eigen, und ihre Produkte standen daher hoch im Preis; auch die Kostbarkeit des zur Anfertigung von Handschriften verwendeten Pergaments verhinderte eine größere Verbreitung der Litteratur. Erst mit Entstehung der Universitäten im 12. Jahrh. stellte sich ein größerer Bedarf an litterarischen Hilfsmitteln, an Leitfäden und Lehrbüchern für die Studenten heraus, und durch diesen bildete sich der mittelalterliche B. (Handschriftenhandel), eigentlich erst ermöglicht durch die Erfindung des Leinenpapiers, welches billigere Herstellung der Handschriften gestattete. Neben der gelehrten und Unterrichtslitteratur wurden später auch poetische Werke und Volksschriften Gegenstand des litterarischen Verkehrs.

Die ersten Spuren eines geordneten und regelmäßigen Verkehrs mit Handschriften finden sich in Italien im 13. Jahrh. Zuerst erschienen die Handschriftenverleiher, von ihren Geschäftslokalen, Stationes, Stationarii genannt. Sie verliehen die in ihrem Besitz befindlichen, durch Schreiber (librarii, scriptores, amanuenses etc.) oder von ihnen selbst hergestellten Handschriften behufs Abschrift an die Studenten. Um mehreren die Möglichkeit des Abschreibens zu ermöglichen, liehen sie die Handschriften in Lagen (peciae; 1 Pecia = ½ Quaterne oder 16 Kolumnen à 62 Zeilen à 32 Buchstaben) aus und wurden daher auch Peciarii, Stationarii peciarum genannt. Die Zahl der vorrätig zu haltenden Werke war, wie der Mietpreis der Pecien, durch die Universitätsbehörden festgestellt, wie auch der ganze Verkehr unter Aufsicht der Universitäten stand und die Stationarii selbst Universitätsverwandte waren. Auch für Korrektheit der Handschriften war durch regelmäßige Kontrolle gesorgt. Der Verkauf von Handschriften war den Handschriftenverleihern untersagt; erst später war ihnen ein kommissionsweiser Verkauf fremder Handschriften gegen Provision unter gewissen Kautelen gestattet. Dieser Verkehr mit Erzeugnissen der Litteratur ist indes noch nicht eigentlicher B.; einen solchen betrieben erst die später auftretenden Handschriftenhändler (venditores librorum, librarii, libraji oder auch, da sie sich zum Teil aus Papierhändlern rekrutierten, cartolaji). Sie waren nicht, wie die Stationarii, der strengen Aufsicht der Universität unterworfen, sondern betrieben ihr Gewerbe frei. Oft waren sie zugleich Abschreiber, und als solche stellten sie sich ihre Handelsobjekte selbst her; später scheinen förmliche Handschriftenfabriken bestanden zu haben. Einen bedeutenden Aufschwung nahm der Handschriftenhandel, als zahlreiche Handschriften vor den hereinbrechenden Türken aus Griechenland nach Italien gerettet wurden. Hauptorte des unbeschränkten Handschriftenhandels wurden die bedeutenden Städte Norditaliens: Venedig, Florenz, dann Mailand etc. Venezianische Kaufleute bezogen im 15. Jahrh. Handschriften in großer Anzahl aus Griechenland, ja eigne Reisende suchten Handschriften in Griechenland auf. Die bedeutenden italienischen Handschriftenhändler waren Joannes Aurispa in Venedig (1369-1459) und Vespasiano Philippi (sc. filius) in Florenz (Mitte des 15. Jahrh.). Ungefähr zu derselben Zeit wie in Italien erscheinen auch in Frankreich Handschriftenverleiher und Händler. Sie waren ähnlichen Beschränkungen unterworfen wie in Italien und standen unter Jurisdiktion und Aufsicht der Universitäten. In Paris bildeten die Stationarii und Librarii zusammen mit den Schreibern, Rubrikatoren, Pergamentmachern und Papierhändlern die Gilde der Libraires, welche, wie Albr. Kirchhoff aufführt, im J. 1292 außer 8 Handschriftenhändlern noch enthielt: 25 Escrivains (Schreiber), 13 Enlumineurs (Rubrikatoren, unter Umständen Verfertiger der Miniaturen), 17 Lieurs (Buchbinder) und 16 Parcheminiers (Pergamentmacher und -Händler). Außer in Paris finden sich Handschriftenhändler in Frankreich nur in den Universitätsstädten. Der bekannteste derselben war der Alchimist Nicolas Flamel (Anfang des 15. Jahrh.). Auch in Deutschland findet sich ein geschäftlicher Verkehr mit Handschriften seit Gründung der ersten Universitäten, Mitte des 14. Jahrh. Stationarii kommen weniger vor, das Verleihen behufs Abschrift wurde meist ersetzt durch die Pronunziationen, d. h. das Diktieren der Hefte durch die Universitätsdozenten. Die geschäftlichen Einrichtungen und die Oberaufsicht der Universitäten scheinen im ganzen denen in Paris entsprochen zu haben. Der Handel mit Handschriften war am bedeutendsten in Prag, Wien, Heidelberg, Erfurt, Köln, dann in Niederdeutschland: Gent, Brügge. Er lag vielfach in den Händen der Schullehrer, aber auch Papier- und Pergamentmacher, Briefmaler etc. waren daran beteiligt. Schreiberschulen und Handschriftenfabriken bildeten sich auch hier. In Niederdeutschland wirkten besonders (Anfang des 15. Jahrh.) die Brüder vom gemeinsamen Leben. Die größte Handschriftenfabrik Oberdeutschlands bestand in Hagenau, wo der bedeutende Handschriftenhändler Diebold Lauber (um 1447) seinen Wohnsitz hatte. In England scheinen sich die Stationarii mehr mit dem Handschriftenhandel beschäftigt zu haben. Sie waren, wie anderwärts, zum Teil zugleich Buchbinder. Einzelne Spuren von Handschriftenhandel finden sich auch in Spanien.

Die Herstellung der Handschriften geschah durch die Schreiber, welche entweder umherwandernd Aufträge aufsuchten, oder sich zu Schreiberschulen und Handschriftenfabriken vereinigten. Dem geschäftlichen Verkehr mit Handschriften widmeten sich Angehörige verschiedener Erwerbszweige: zunächst die Schreiber, dann Gelehrte der verschiedenen Fakultäten, Studenten, Lehrer, städtische Beamte, Kaufleute, vor allen aber Buchbinder sowie Pergament- und Papiermacher und -Händler. Selten bot dieser Geschäftsbetrieb allein genügenden Lebensunterhalt, so daß die damit beschäftigten Personen gewöhnlich noch andre Geschäfte betrieben in Handel oder Gewerbe; andre bezogen als untergeordnete Universitätsbeamte einen geringen Gehalt. Die seßhaften hatten ihre Geschäftslokale in den besuchtesten Stadtteilen, an Kirchen etc., in Läden oder Buden. An den Fenstern dieser Läden oder den Ständen mußten die Stationarii Verzeichnisse der bei ihnen vorrätigen Bücher und die Mietpreise dafür anschlagen. Die Händler stellten ebenfalls Verzeichnisse ihrer Vorräte zusammen. Viele suchten auf Reisen Gelegenheit zu Geschäften auf, und besonders war es der Meß- und Jahrmarktsverkehr,