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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bulgarien

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Bulgarien (Heerwesen etc.; Geschichte).

die Ausgaben auf 31,502,427 Fr. veranschlagt; also ein Defizit von 934,147 Fr. Die Währung ist die französische. Nach dem Gesetz vom Juni 1880 gibt es Goldmünzen zu 20 und 10 Fr. (mit dem Kopf des Fürsten), Silbermünzen zu 5, 2, 1 und ½ Fr. und Kupfermünzen zu 10, 5 und 2 Centimes, welch letztere nur das Landeswappen tragen. An Silber sollen pro Kopf der Bevölkerung 6 Fr. ausgegeben werden. B. ist der internationalen Post- und Telegraphenkonvention beigetreten. 1882 bestanden 52 Postanstalten, durch welche 1,645,094 Briefe und Karten, 26,741 Warenproben und 861,337 Zeitungen befördert wurden. Von Eisenbahnen besteht die Linie Rustschuk-Warna, 224 km lang. Die Länge der Telegraphenlinien betrug 1883: 2117 km.

B. ist in zwei Militärbezirke, Sofia und Warna, geteilt, deren jeder 12 Bataillone zu 4 Kompanien (Rota) Infanterie umfaßt; außerdem existieren 1 Regiment Kavallerie, 1 Garde-Eskadron, 6 Feld-, 2 Gebirgs- und 2 reitende Batterien mit 80 Geschützen und 3 Kompanien technischer Truppen; zusammen 16,000 Mann. Die Nationalgarde, an deren Übungen alle Männer bis zu 45 Jahren teilnehmen müssen, ist eine Art militärisch organisierter Schützenvereine ^[richtig: Schützenverein]. Die Dienstzeit beträgt 12 Jahre, davon 4 Jahre (bis 1884 nur 2) im aktiven Heer, 4 in der Reserve, 4 in der Landwehr. Die Infanterie führt das Berdan-Gewehr, die Kavallerie den Berdan-Karabiner, die Artillerie 8 und 9 cm Gußstahl- und 4pfündige Bronzekanonen. Arsenale befinden sich in Rustschuk und Rasgrad, in Sofia eine Junker- und eine Feldscherschule. B. unterhält eine Flottille aus 5 kleinen Dampfern mit je 1-3 Geschützen und 6 Torpedo-Dampfbarkassen; das Personal derselben besteht aus 4 Offizieren und 162 Mann. Staatswappen ist ein goldener Löwe im dunkelbraunen Schild. Unter dem Namen Alexanderorden (s. d.) besteht seit 1879 ein Militärverdienstorden in fünf Klassen. Die Flagge ist eine längsgestreifte weiß-grün-rote Trikolore (s. Tafel "Flaggen II").

Geschichte.

Die frühsten Bewohner Bulgariens waren die Thraker, ein arisches Volk, welches, in zahlreiche Stämme geteilt, von den Römern zu Anfang der Kaiserzeit unterworfen wurde. Nach dem kleinen Stamm der Mösier, welcher unter den Eingebornen zuletzt die Hegemonie behauptet hatte, wurde die römische Donauprovinz Mösia genannt. Nachdem die untern Donauländer durch die Völkerstürme der Goten und Hunnen furchtbar verwüstet worden waren, drang ein von Serben und Russen verschiedenes slawisches Volk, das sich selbst Slowenen (Σθλοβενοι, Sclaveni) nannte, und dessen (allerdings nicht unvermischte) Nachkommen die jetzigen Bulgaren sind, von Norden in das alte Dacien (Siebenbürgen und Walachei) ein und begann in das entvölkerte Römerland jenseit der Donau Einfälle zu unternehmen. Die oströmischen Kaiser vermochten kaum die Donaugrenze zu behaupten. Unter Kaiser Heraklios (610-641) überfluteten die Slawenstämme fast widerstandslos die ganze Halbinsel; die Serben und Kroaten drangen im Westen bis zum Adriatischen Meer vor, die Slowenen im Osten bis nach Griechenland hinein und blieben im Land. Im Donaugebiet entstand noch im Lauf des 7. Jahrh. ein festes slawisches Reich, welches Byzanz sieben Jahrhunderte lang bedrohte und beunruhigte. 679 überschritt das nichtslawische Volk der Bulgaren (s. d.) die untere Donau, setzte sich zwischen der Donau und dem Balkan fest und begann von dort aus sowohl die Byzantiner als die noch unabhängigen Slowenenstämme zu bekämpfen. Der Fürst (Chan) Boris, welcher auch die Slowenenstämme Makedoniens gewonnen hatte, empfing um 864 samt seinem Volk von griechischen Priestern die Taufe, wobei er den Namen Michael annahm, und schloß sich erst 870 dem Konstantinopler Patriarchat an. Seit der Christianisierung ging das an Zahl sehr schwache herrschende Bulgarenvolk in den unterworfenen zahlreichen, zum Teil schon früher von Konstantinopel aus christianisierten Slowenen auf und nahm deren Sprache und Sitten an; das Mischvolk hieß aber fortan mit dem Namen des herrschenden Stammes Bulgaren. Des Boris Sohn Symeon (888-927) war der größte Herrscher Bulgariens. Nach einer zweimaligen Belagerung Konstantinopels, wo eben der schwache Konstantin VII., Porphyrogennetos, herrschte, unterwarf er sich den größten Teil der Halbinsel und nahm den Titel eines "Kaisers (Zesar oder Zar) der Bulgaren und Griechen" an, den die Bulgarenherrscher fortan bis zur Eroberung des Landes durch die Türken führten. Daneben erhob er den bulgarischen Erzbischof zu einem von Konstantinopel unabhängigen Patriarchen. Symeons Reich umfaßte Donau-B., den größten Teil von Thrakien, Makedonien, Thessalien, Epirus, Albanien und einige Gebiete jenseit der Donau; die Serben und die Byzantiner zahlten ihm Jahrgelder. Seine sowie seiner Vorgänger Residenz war in Preslaw (jetzt Eski Stambul) bei Schumen. Die Zeit Symeons ist auch die Blütezeit der altslowenischen (kirchenslawischen) Litteratur, die meist Übersetzungen und Kompilationen bietet und einen byzantinischen, theologisch-rhetorischen Charakter hat. Symeon, in Konstantinopel erzogen, war ein Bücherfreund und selbst Schriftsteller. Unter seinem Sohn Peter (927 bis 969), einem frommen und friedfertigen Herrscher, zerfiel das große Reich. Der ganze Westen riß sich 963 los, um ein eignes Zarenreich zu bilden. Den Osten (Donau-B. und Nordthrakien) eroberte 969 der noch heidnische Russenfürst Swätoslaw auf Anstiften des Kaisers Nikephoros Phokas, wurde aber schon 971 von Kaiser Johannes Tzimisces vertrieben, welcher dann diesen Teil Bulgariens dem byzantinischen Reich einverleibte.

Dem zweiten bulgarischen Reich im Westen, dessen Hauptstadt Ochrida in Makedonien war, wollte der Zar Samuel (977-1014) die Ausdehnung des Reichs Symeons geben, fand aber an dem byzantinischen Kaiser Basilius II., "dem Bulgarentöter", einen ebenbürtigen Gegner. Als der letzte Zar, Johann Wladislaw, 1018 bei der Belagerung von Durazzo gefallen war, beendete Basilius II. den 40jährigen Krieg durch die vollständige Unterwerfung Bulgariens. Die Privilegien der Kirche und des Adels (der Boljaren) blieben jedoch unangetastet. Das Land wurde in byzantinische Provinzen eingeteilt und blieb trotz aller Aufstände das 11. und 12. Jahrh. hindurch den Griechen unterthan.

Während der Stürme, welche das byzantinische Reich nach dem Niedergang der Dynastie der Komnenen erschütterten, regte sich wieder der Unabhängigkeitssinn des bulgarischen Adels. 1186 erhoben sich die Bulgaren im Balkan unter Anführung zweier Edelleute, der Brüder Peter und Asên, welche den Zarentitel annahmen, und behaupteten sich durch glückliche Siege über die Armeen des Kaisers Isaak II., Angelos, in dem Land zwischen Balkan und Donau. Dadurch wurde das dritte und letzte Bulgarenreich (1186-1393) gegründet, dessen Zaren in Tirnowo, am Nordfuß des Balkans, residierten. Nach dem Tode