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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Burg

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Burg.

das sogen. Schnitzhaus zur Anfertigung von Waffen etc. Den Blick in die Ferne boten die Zinnen, die in die starken Umfassungsmauern gebrochenen überwölbten Fensternischen oder Lauben sowie auch künstlich angehängte Erker. Endlich befand sich wohl in jeder größern B. auch eine Kapelle, die mit dem Chor nach Osten gerichtet und auch gewöhnlich an der Ostseite des Burghofs gelegen war. Jede B. hatte einen tiefen Ziehbrunnen, der oft bis zur Sohle des benachbarten Thals oder Flusses niederging. Unter den Gebäuden zogen sich Keller hin, zuweilen von bedeutender Ausdehnung und mitunter auch zur Aufnahme Flüchtiger bestimmt.

Beispiele solcher ausgedehnter Burganlagen finden wir in der B. zu Seligenstadt und in dem wegen seiner zwei weithin sichtbaren Bergfriede unter dem Namen Wetterauer Tinten- und Sandfaß bekannten Münzenberg, beide in Hessen, sowie in der wohlerhaltenen, seit 1847 mit großer Pracht wiederhergestellten Wartburg (Fig. 3, 4). Wie der Grundriß (Fig. 4) derselben zeigt, zerfiel die langgestreckte Bergfeste in die nach Nordost gelegene Vor- und in die durch einen mächtigen Thorbau von ihr getrennte, nach Südwest gelegene Hofburg. Vor dem durch eine Zugbrücke gesicherten Eingang in die erstere lag ein befestigter, zur äußern Verteidigung des Eingangs bestimmter Zwinger. Die Vorburg selbst bestand aus einem zur Verteidigung des Eingangs dienenden Thorturm, dem zur Wohnung von Dienstmannen bestimmten Ritterhaus und einigen mit einem kleinen Ökonomiehof verbundenen Stallungen. Den Abschluß der Vor- und Hofburg bildeten die mit heizbaren Wohnräumen versehene Dirnitz, die oben erwähnte Thorhalle und die für die Wohnung der Landgräfinnen bestimmte Kemnate, welch letztere mit dem Hauptturm, dem Bergfried, in unmittelbarer Verbindung stand. Dirnitz, Thorhalle und Kemnate gehörten schon der Hofburg an und waren selbst gegen die Vorburg mit allen damals üblichen Verteidigungswerken, doppeltem Thor, Letze oder Lauf mit Zinnen und Pechnase über demselben, versehen, so daß nach Abschluß des Thors die Hofburg eine unabhängige B. bildete. An die Kemnate stieß das bedeutendste Gebäude der Hofburg, das auch Palas (Saalbau), Mushaus (Waffenhaus) oder hohes Haus genannte Landgrafenhaus, welches teilweise zur Wohnung, hauptsächlich aber zur Hofhaltung diente und daher außer Keller, Küche und Speiseraum in der untern und der zweiten Etage einen großen zu Versammlungen und Festlichkeiten bestimmten, vom Hofraum aus durch eine Freitreppe (Grade) zugänglichen Ritter- und Waffensaal enthielt. Auf der Tafel sind ferner Palas, Kemnate und Bergfried der Wartburg von der Ostseite dargestellt. An die Südseite des Palas schloß sich das durch die (infolge der Kreuzzüge aus dem Orient mitgebrachte) Sitte bedingte Badehaus. Dem mittelalterlichen Brauch der Ritter, durch die Vorhalle an dem Bergfried vorbei bis vor die Gräde des Palas zu reiten, dort abzusteigen und dann erst das Pferd einzustellen, entsprechend, war hier auch der ursprünglich einstöckige Marstall. Zwischen beiden Bauten befand sich die durch niedrige Mauern mit ihnen verbundene, zur Zeit einer Belagerung die B. allein mit Wasser versorgende Zisterne. In dem hierdurch abgeschiedenen niedrigern, auf dem Plan als Zwinger bezeichneten südlichen Teil der Hofburg befand sich das an den Marstall angeschlossene, jetzt verschwundene Back- und Waschhaus sowie der zweite Hauptturm der B., welcher früher wahrscheinlich durch zwei nach der im Plan punktierten Richtung angelegte Mauern mit der Ringmauer verbunden war. (Näheres hierüber siehe in v. Ritgens "Führer auf der Wartburg".) Eine der ausgedehntesten Burganlagen war der 1137 zuerst erwähnte und im 14. Jahrh. wahrscheinlich vollendete Greifenstein bei Blankenburg in Thüringen (s. obenstehenden Grundriß). Obwohl vollständig in Trümmern liegend, gibt die Ruine ein anschauliches Bild von dem wohldurchdachten Verteidigungssystem. Die ältern Hofburgen zeigen naturgemäß den Rundbogen, dessen schwerere Formen zugleich dem Zweck der Festigkeit und des Schmucks entsprachen. Die leichter aufstrebenden Formen des gotischen Stils finden sich selten an Burgbauten, am prächtigsten an denen des Deutschherrenordens in Preußen (Marienburg).

^[Abb.: Grundriß der Ruine Greifenstein in Thüringen.]