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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Cherson

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Cherson.

ohne sichtbaren Zu- und Abfluß ist und eine Tiefe von 45 Faden hat. Im Februar und März hebt sich der Spiegel um 2-2,5 m.

Cherson (spr. -sson), Gouvernement im südlichen Rußland, welches den größten Teil der frühern russischen Provinz Neuserbien (zwischen Dnjepr und Bug) und die westliche Nogaier oder Otschakowsche Steppe in sich begreift und gegen N. an die Gouvernements Podolien, Kiew und Poltawa, gegen O. an Jekaterinoslaw und Taurien (die westliche Nogaier Steppe), gegen S. an das Schwarze Meer und gegen W. an Bessarabien grenzt, mit 71,282,3 qkm (1294,6 QM.). Das Land ist großenteils Steppenland, am Meer einförmig und unfruchtbar, je weiter ins Innere hinein, wo es sich an die Region der schwarzen Erde anschließt, um so ergiebiger. Die Flüsse des Landes sind der Dnjepr und Dnjestr, welche auf den Grenzen im O. und W. fließen, der Bug, Ingul und Inguletz, welche mit ihren Nebenflüssen die Mitte des Landes durchströmen, wo sie im Frühjahr austreten und fruchtbaren Humus und Schlamm zurücklassen. An ihrer Mündung bilden sie Binnenseen oder Limane, welche salziges Wasser haben, für die Schiffahrt jedoch von zu geringer Tiefe sind. An einzelnen Orten hat man der Natur durch künstliche Hafenbauten nachgeholfen. Das Klima ist wechselvoll, im Sommer trocken und heiß, im Winter kalt und stürmisch. Sehr verrufen sind die Januarstürme (Mjatjelje), die von NO. her oft mit ungeheurer Gewalt über die Steppe brausen und von Schneefällen begleitet sind. Die mittlere Jahrestemperatur ist 7,5-10° C. Die Bevölkerung beträgt (1881) 1,803,155 (25 auf 1 qkm) Seelen und gehört größtenteils (ca. 84 Proz.) zur griechisch-orthodoxen Kirche; außer dieser gab es 1870: 47,703 Katholiken, 60,413 Protestanten, 3332 gregorianische Armenier und 131,916 Juden. Das Gouvernement hat nächst dem Petersburger und Moskauer die relativ zahlreichste städtische Bevölkerung (25,9 Proz. der Gesamtbevölkerung). C. bildet in Bezug auf die herrschende Kirche eine eigne Eparchie, an deren Spitze ein Erzbischof steht, der sich "Erzbischof von C. und Taurien" nennt. Die evangelischen Bewohner des Gouvernements gehören zum Petersburger Konsistorialbezirk, während die römischen Katholiken einen Bischof in Tiraspol haben. Der Nationalität nach zerfällt die Bevölkerung in Groß- und Kleinrussen, welche das Gros bilden, in Romanen (Moldo-Walachen), Bulgaren, Serben, Polen, Griechen, Armenier, Deutsche, Schweden, talmudische und karaitische Juden und Zigeuner. In C. befindet sich der größte Teil der deutschen Ansiedelungen Südrußlands, ca. 70 an der Zahl, mit ca. 50,000 Kolonisten. Besonders zahlreich sind dieselben in der Nähe von Odessa; hier finden wir Groß-Fontan, Groß-Lustdorf, Groß- und Klein-Liebenthal, Franzfeld, Straßburg, Leipzig u. a., deren Bewohner, meist Schwaben, Odessa mit Produkten der Landwirtschaft versorgen. Weiter nordwestlich liegen Baden, Hoffnungsthal, Glücksthal u. a. An Fruchtbäumen gibt es Pfirsich-, Aprikosen-, Kirsch-, Pflaumen-, Maulbeerbäume; auch zieht man Wein. Die Gartenkultur ist überhaupt hier sehr in Aufschwung gekommen. Tabak (jährlich ca. 20,000 Pud), Senf, Flachs, Hanf und alle Sorten Getreide, worunter arnautischer Weizen, Mais und Hirse, gedeihen vortrefflich, und C. gehört zu den eigentlichen Getreidekulturländern des russischen Staats. Sehr beträchtlich ist die Viehzucht in C., und besonders in Beziehung auf veredelte Schafe ist das Gouvernement die Pflanzschule für das russische Reich. Es gibt hier Gutsbesitzer, welche Herden bis zu 31,000 Merinos besitzen. Der Herzog von Richelieu, unter Kaiser Alexander I., hat sich das Verdienst der Züchtung und Veredelung der Schafe erworben. Man zählte 1881: 1,413,088 Merinos und 856,353 gemeine Schafe. Die Gesamtzahl der Pferde betrug 1876: 283,000, des Rindviehs 761,000, der Schweine 311,000. Die Federviehzucht, Bienen- und Seidenzucht sind im Aufschwung, und der Fischfang im Schwarzen Meer und in den Limanen sowie in den großen Strömen des Landes liefert schon längst bedeutsame Resultate. Die Jagd geht auf Hasen und Springhasen, wilde Katzen und auf Federwild, besonders Trappen, Rebhühner, Schnepfen, wilde Enten und Wasserhühner. Hummern und Schildkröten liefert das Meer in Menge. An Mineralien gibt es Thon, Kreide, Sandstein, Salpeter, Salz und einen aus einem Konglomerat von Versteinerungen bestehenden Kalkstein. Da es an Holz fehlt, muß man Dünger, Schilf, Stroh etc. als Feuerungsmittel verwenden. Die Industrie macht in dem aufblühenden, durch die Nähe des Meers, durch gute Wasserstraßen und durch Eisenbahnen sowie durch zahlreiche Märkte begünstigten Land schnelle Fortschritte. Während man 1822: 12, 1830: 77 Fabriken in C. zählte, besaß das Land 1879 ihrer 128 mit 2345 Arbeitern und einem Produktionswert von 6,428,000 Rubel, nämlich 8 Wollwäschereien (3,885,000 Rub.), 2 Seilereien (331,000 Rub.), 5 Eisengießereien (30,000 Rub.), 24 Mahlmühlen (1,748,700 Rub.), 14 Maschinenfabriken (2 Mill. Rub.), 12 Equipagenfabriken (120,000 Rub.), 17 Gerbereien (66,000 Rub.). Die Branntweinbrennereien des Gouvernements, mit Ausschluß Odessas, produzierten 1883: 23 1/3 Mill. Grad Spiritus. Der Absatz sämtlicher Märkte betrug 1871: 8,996,464 Rub., woran Jelissawetgrad allein mit der Hälfte beteiligt war. Große Geschäfte werden besonders gemacht in Wolle, Fellen, Flachs und Hanf, Getreide, Mehl und Vieh. An See-, Hafen-, Werft- und Handelsstädten besitzt das Gouvernement vornehmlich vier: C., Nikolajew, Otschakow, Odessa; der Binnenhandel konzentriert sich in den Städten Berislaw, Alexandria, Jelissawetgrad, Wosnessensk, Olwiopol und Tiraspol. Das Gouvernement besitzt vortreffliche Lehranstalten, unter denen die 1865 errichtete Universität zu Odessa (s. d.) obenan steht. Es zerfällt in sechs Kreise: Alexandria, Ananjew, C., Jelissawetgrad, Odessa, Tiraspol. Das Land, vor 100 Jahren noch eine Einöde, verdankt sein Emporkommen der Kolonisationsthätigkeit der Kaiserin Katharina II., welche die Städte C. (1778), Nikolajew (1789), Odessa (1792) u. a. gründete. Als dann die russische Grenze bis zum Pruth vorrückte, nahm die Kolonisation noch größern Umfang an, indem sich auch Deutsche, Serben und Bulgaren (vom Donaudelta), Moldauer u. Walachen am Dnjestr, Ingul, Bug und Dnjepr niederließen.

Die gleichnamige Hauptstadt des Gouvernements, Hafenstadt und Werfte, früher auch Festung und Sitz der Admiralität, am Dnjepr, 30 km vor seiner Mündung, liegt malerisch an einem Hügel am rechten Ufer des Stroms, der hier etwa 7 km breit ist, aber eine Menge schilfbewachsener Eilande trägt, die im Frühling unter Wasser stehen. Die den Kais zunächst liegenden Straßen und Plätze sind durch Dämme und Brustwehren gegen die früher verheerenden Überschwemmungen des Flusses geschützt. Die Stadt ist regelmäßig gebaut, hat 12 griechisch-katholische, eine römisch-katholische und eine luther. Kirche, 2 Synagogen und 10 jüdische Betstuben. Die Bevölkerung belief sich 1880 auf 52,782 Seelen. An Lehranstalten bestehen 2 Gymnasien, 2 höhere Töchter-^[folgende Seite]

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