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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Chinarinden

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Chinarinden.

der Felder leicht abspringender Borke, auf der Innenfläche braungelblich, vertikal hell gestreift. Die Rinde der indischen Chinchona Ledgeriana bietet durch ihren viel höhern Alkaloidgehalt nunmehr vollen Ersatz für die amerikanische Rinde. b) Der Bast des Stammes von China ragia plana aus Bolivia, einen oder mehrere Fuß lange, oft gegen 20 cm breite, 5-15 mm dicke, flache Stücke, rein gelbbraun, auf der Außenfläche durch abgesprungene Borkenschuppen muschelig vertieft, auf der Innenfläche gestreift, sehr mürbe, stand bis vor wenigen Jahren in hohem Ansehen, ist aber in letzter Zeit mit sehr verringertem Alkaloidgehalt auf den Markt gekommen. Sehr ähnlich ist ihr die wohl regelmäßig geringhaltige Rinde von Cinchona scrobiculata H. et B. aus Südperu, welche als leichte, rötliche Calisaya, Carabaya, rote Cuscorinde, China peruviana in den Handel kommt. Die botanisch sehr veränderliche Cinchona lancifolia in Kolumbien (Neugranada) liefert auch Rinden von sehr verschiedenem Aussehen. Zu denselben gehören die als Flava fibrosa bezeichneten Sorten, die Calisaya von Santa Fé de Bogotá. Die roten C. stammen von Cinchona succirubra und besitzen eine Borke, die viel schwerer abgeworfen wird als bei C. Calisaya, so daß selbst mächtige Stammrinden noch festhaftende, mehr grauschwärzliche als rote Bekleidung tragen. Diese Rinde kommt jetzt hauptsächlich aus Ceylon, Ostindien und den übrigen Cinchona-Pflanzungen in den Handel. Jüngere Rinden der meisten Cinchona-Arten pflegen mit gräulichweißem bis bräunlichem oder beinahe schwärzlichem Kork bedeckt zu sein. Noch unbestimmter und vorherrschend bräunlich ist die Farbe des innern Gewebes, so daß Gemenge der verschiedensten jüngern Rindenröhren als Cortex Chinae fuscus (griseus, pallidus) in den Handel kommen. Am wichtigsten ist die aus der Gegend von Guanuco in Mittelperu über Lima ausgeführte Rinde, welche früher von Cinchona nitida stammte. Sie ist graubräunlich, im ganzen ziemlich hell, etwas längsfurchig, querrissig, oft noch mit weißlichem Kork belegt, auf der Innenfläche hell zimtfarben, häufig sehr fein weiß gesprenkelt. Die Loxarinde ist vorherrschend dunkler bräunlich, mit mehr grauer als weißlicher Bedeckung, Längsrunzeln und zahlreichen Querrissen, oft reichlich mit Flechten besetzt.

Die Pflanzungen der Cinchonen in Indien, Jamaica und andern Gegenden liefern einstweilen meist noch jüngere Rinden, welchen sehr ausgeprägte Eigentümlichkeiten fehlen. Die holländische Regierung hat daher angefangen, den größten Posten der javanischen Rinden die Ergebnisse der Bestimmung des Alkaloidgehalts und die Bezeichnung der Stammpflanze beizugeben. Der Kreis der in der Pharmazie benutzten C. beschränkte sich einerseits auf die mittlern oder jüngern Röhren weniger Arten, anderseits auf die roten Stammrinden und die Bastplatten der Calisaya; die "Pharm. germanica" läßt nur Stamm- und Zweigrinden kultivierter Cinchonen, vorzüglich der Cinchona succirubra, zu und verlangt, daß dieselbe mindestens 3,5 Proz. Alkaloide enthalte. Die zahlreichen übrigen Sorten der C. haben nur für die chemische Industrie, d. h. für die Darstellung des Chinins, Bedeutung. Als unechte C. kamen und kommen Rinden südamerikanischer Bäume in den Handel, welche der Gattung Cinchona nahe verwandt sind. Diese Rinden enthalten aber kein Chinin, manche überhaupt kein Alkaloid und sind daher ziemlich wertlos. Viel wichtiger ist die sogen. China cuprea, welche meist in kleinen Bruchstücken in den Handel kommt, in der Farbe angelaufenem Kupfer gleicht und 1-2 Proz. Chinin liefert. Sie stammt von Remijia pedunculata, vielleicht auch von R. Purdieana und wird auf Chinin verarbeitet.

Die C. sind nicht ganz geruchlos, sondern besitzen ein sehr schwaches Aroma, die jüngern Rinden schmecken vorherrschend herb, die Stammrinden stark und rein bitter. Sie liefern 0,75-3 Proz. Asche und enthalten außer den gewöhnlichen Pflanzenbestandteilen bis 4 Proz. Chinagerbsäure, von welcher sich das reichlich vorhandene Chinarot ableitet, Chinasäure, einen unkristallisierbaren Bitterstoff, das Chinovin, welches sich leicht in Zucker (Mannitan) und Chinovasäure spaltet und mit letzterer gemengt auch in allen andern Teilen der Cinchonen vorkommt. Am wichtigsten sind die Alkaloide. Von diesen finden sich in ansehnlicher Menge: Chinin C20H24N2O2 ^[C<sub>20</sub>H<sub>24</sub>N<sub>2</sub>O<sub>2</sub>], Chinidin von gleicher Zusammensetzung, Cinchonin C19H22N2O ^[C<sub>19</sub>H<sub>22</sub>N<sub>2</sub>O] und Cinchonidin von gleicher Zusammensetzung. In geringer Menge enthalten die C. ferner Cinchonamin C19H24N2O ^[C<sub>19</sub>H<sub>24</sub>N<sub>2</sub>O] in Remijia Purdieana, Homochinin C19H22N2O2 ^[C<sub>19</sub>H<sub>22</sub>N<sub>2</sub>O<sub>2</sub>] in China cuprea, Chinamin C19H24N2O2 ^[C<sub>19</sub>H<sub>24</sub>N<sub>2</sub>O<sub>2</sub>], Conchinamin von gleicher Zusammensetzung, Cinchamidin C20H26N2O ^[C<sub>20</sub>H<sub>26</sub>N<sub>2</sub>O]. Diese eigentlichen Chinaalkaloide zeigen eine gewisse Übereinstimmung, auch wohl in physiologischer Beziehung, während vollständig abweichen das Aricin C23H26N2O4 ^[C<sub>23</sub>H<sub>26</sub>N<sub>2</sub>O<sub>4</sub>], Paytin C21H24N2O ^[C<sub>21</sub>H<sub>24</sub>N<sub>2</sub>O], Cusconin, Cusconidin, Cuscamin, Cuscamidin, Paricin etc. Der Gehalt der C. an Alkaloiden schwankt bedeutend. Die Rinde von auf Java gewachsener Calisaya Ledgeriana gab im Minimum 1,09, im Maximum 12,5 Proz. Alkaloide, doch nur in 13 Fällen weniger als 5 Proz. Das Chinin schwankte zwischen 0,8 u. 11,6 Proz. Als Maximum hat man bei kultivierten Cinchonen einen Chiningehalt von 13 Proz. beobachtet. Die Wurzelrinden scheinen regelmäßig alkaloidreicher zu sein als die Stammrinden. - Der jährliche Bedarf an C. auf der ganzen Erde kann auf mehr als 6 Mill. kg geschätzt werden. Davon liefert der nördliche Teil Südamerikas auch heute noch den größten Teil, aber die Ausfuhr Indiens und Javas ist in schnellem und sehr starkem Steigen begriffen, und seit 1880 liefert auch Jamaica C. auf den Markt. Der Hauptplatz für den Chinarindenhandel ist London, wohin 1881 über 6 Mill. kg gebracht wurden. Rechnet man noch dazu, was außerdem in Paris, New York, Hamburg, Amsterdam eingeführt wurde, so kann die Gesamternte an C. für 1881 auf 9 Mill. kg geschätzt werden. Die Fabriken verarbeiten etwa 4,3 Mill. kg Rinde und gewinnen daraus, wenn man einen durchschnittlichen Gehalt von 2 Proz. annimmt, 86,400 kg Alkaloide, welche etwa 120,000 kg Chininsulfat und andern Salzen des Chinins und der übrigen Alkaloide entsprechen. Man benutzt C. medizinisch in Form von Pulver, Abkochung, Tinktur und Extrakt. Ihre Wirkung stimmt im wesentlichen mit der des Chinins überein, wird aber vielfach stark modifiziert durch die andern Rindenbestandteile. Diese wirken nicht selten günstig, z. B. bei atonischer Verdauungsschwäche, bei Schwächezuständen, Skorbut etc., bisweilen aber auch ungünstig, wie bei längerm Gebrauch, wo die Rinde mehr als das Alkaloid die Verdauung stört. Da nun der Chiningehalt der Rinde überdies schwankt, so zieht man meist das Alkaloid vor, welches eine sichere Dosierung gestattet. Äußerlich benutzt man C. wohl als adstringierendes Mittel bei schlaffen Geschwüren, Gangräne, als Zusatz zu Zahnpulvern etc.; doch gibt es andre Mittel, welche in solchen Fällen günstiger wirken und überdies billiger sind. Geschichtliches über die C. und Litteratur s. Cinchona.

^[Artikel, die unter C vermißt werden, sind unter K oder Z nachzuschlagen.]