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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Chinesische Sprache und Litteratur

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Chinesische Sprache und Litteratur (Schrift).

des Ausdrucks, Wohlklang und Ebenmaß der Satzglieder, Schärfe der Antithesen sind Haupteigenschaften des guten, namentlich des alten Stils. Der chinesischen Sprache ist eine außerordentliche Dehnbarkeit eigen; man kann in wenigen aneinander gereihten Monosyllaben einem Gedanken Ausdruck geben, dessen Übersetzung sehr wortreich ausfallen müßte; man kann den Satz durch Hilfswörter erweitern und schließlich seine Einsilber durch Komposita ersetzen, ohne daß dabei sein Sinn ein andrer wird. Die chinesischen Schriftsteller haben es verstanden, diese Macht ihrer Sprache zu nutzen, um stilistische Meisterwerke zu schaffen, die in den Litteraturen andrer Völker ihresgleichen suchen.

Die Schwierigkeiten der chinesischen Sprache beruhen, abgesehen von der Aussprache und Schrift, namentlich in der Konstruktion. Immer und immer kehrt die Frage wieder: sind zwei aufeinander folgende Wörter als ein Kompositum oder als durch "und" verbunden zu denken? sind sie Subjekt und Prädikat? oder ist eins dem andern subordiniert, etwa a nähere Bestimmung von b, oder b Regimen von a etc.? Nur eine genaue Kenntnis des Satznexus, des Sprachgebrauchs und der Eigenartigkeit des Stils vermag solche Zweifel zu lösen. Die Anfangsgründe der Sprache bewältigt man bei einiger Ausdauer leicht, und der Verstand hat dabei mehr zu thun als das Gedächtnis, das nicht mit dem Auswendiglernen von Paradigmen oder unregelmäßigen Verben beschwert wird. Sehr bald kann man mit Zuhilfenahme einer treuen Übersetzung und eines Wörterbuchs an die Lektüre leichter Texte gehen, um sich die gelernten Regeln einzuprägen und im Geiste dieser so eigenartigen Sprache und Litteratur heimisch zu werden. An Hilfsmitteln ist kein Mangel. Nur hüte man sich, zu bald der Hilfe des Lehrers oder einer Übersetzung entraten zu wollen; ein solcher Fürwitz pflegt sich durch die ärgerlichsten Mißverständnisse zu rächen. Man bedenke, daß wie jeder Schriftsteller, so auch der chinesische zunächst für seine Landsleute schreibt und bei seinen Lesern alle die Kenntnisse voraussetzt, die man von einem gebildeten Chinesen erwarten kann. Wer ihm also folgen, die zahllosen Citate und Anspielungen, in denen er sich gefällt, verstehen will, dem muß auch ein mehr oder weniger ergiebiger Schatz realen Wissens zur Verfügung stehen. Durch die Schrift aber braucht sich niemand abschrecken zu lassen. Die ersten Schwierigkeiten sind bei einigem Fleiß bald überwunden; was anfangs ein wüstes Wirrsal schien, löst sich nun in eine leichtfaßliche Gruppe einfacher Elemente auf, und ist man erst so weit, so wird sie eher anregend und fördernd als beschwerend und hemmend auf das Studium einwirken. Sie ist eine Wortschrift; ihre Urbestandteile sind rohe, zuweilen symbolische Bilder, z. B. ☉ Sonne, ∸ oben, ^ unten. Dazu kamen dann symbolische Bildergruppen, z. B. zwei Bäume = Wald, zwei Weiber = Zank, Weib und Kind = Liebe, Vogel und Mund = Gesang. Alle diese Zeichen entsprechen nun zwar nur Einem Wort, allein mit dessen Laut haben sie von Haus aus nichts zu schaffen. Nun ist aber die Zahl der Wörter von gleichem Laut und verschiedenem Sinn und derer von verwandter Bedeutung und verschiedenem Laut (Synonymen) eine sehr beträchtliche, und jedes Wort mußte daher mindestens Ein besonderes Schriftzeichen haben. Dies erreichte man, indem man zu jenen zwei Klassen noch eine dritte (und zwar weitaus die zahlreichste) schuf, welche Begriffs- und Lautdarstellung in sich vereinigt. Man wählte nämlich das meist selbst wieder zusammengesetzte Zeichen eines gleich oder ähnlich lautenden Wortes, fügte aber diesem Zeichen einen sogen. ideographischen Zusatz bei, um die Begriffskategorie des Wortes zu kennzeichnen. So wird in Zusammensetzungen das Symbol "Herz" für geistige und gemütliche Zustände und Thätigkeiten, "Feuer" für Brennen etc. verwandt. Die Zahl der Schriftzeichen wird alles in allem auf 50-100,000 geschätzt; davon sind jedoch nur die wenigsten in allgemeinem Gebrauch, die meisten bloße Nebenformen (Varianten), viele geradezu fehlerhaft. Wer 2-3000 der gebräuchlichen kennt, wird in der Lektüre selten auf unbekannte stoßen. Da nun die Zeichen teils selbst Elemente, teils aus solchen zusammengesetzt sind, so hat man eine Anzahl der gewöhnlichsten jener Elemente (jetzt 214) als sogen. Radikale oder Schlüssel ausgewählt und unter diesen den ganzen Vorrat der Schriftzeichen in Wörterbüchern übersichtlich geordnet.

Was die Chinesen über Alter und Ursprung ihrer Schrift berichten, muß als Fabel angesehen werden. Die ältesten erhaltenen Inschriften sind nachweislich über 4000 Jahre alt; ehe aber die Schrift die Stufe erreicht hatte, auf der sie sich da schon zeigt, mag wohl eine geraume Zeit verstrichen sein. Mannigfache Formveränderungen hat sie auch später noch erlitten, ehe sie zu dem wurde, wozu Pinsel und Papier sie gemacht. Ihre jetzige Gestalt hat sie etwa seit Anfang unsrer Zeitrechnung, und ebenso alt ist auch die namentlich bei den Geschäftsleuten des südlichen China übliche sogen. "Grasschrift" (thsào), eine Art Tachygraphie oder Schnellschrift, im Grund aber ein flüchtiges, oft inkorrektes und schwer zu lesendes Geschmiere. Nachbarvölker, deren Kultur auf chinesischer Grundlage ruht, wie die Japaner, Koreaner und Anamiten, haben ihre Schriftzeichen den chinesischen entlehnt oder nach deren Vorbild erfunden. Bei ihnen ist aber auch die Sprache des Mittelreichs das geworden, was ehemals bei uns das Lateinische war, eine Gelehrtensprache, aus welcher massenhafte Fremdwörter in die Landesidiome aufgenommen wurden. Wir Europäer verdanken unsre ersten genauern Kenntnisse des Chinesischen den katholischen Sendlingen, von denen einer, der Spanier P. Varo, 1703 die erste Grammatik veröffentlichte. Von den Franzosen hat Prémare zuerst die Feinheiten des Stils erschlossen; dessen Werk wurde von Abel Rémusat zu einer höchst brauchbaren Elementargrammatik umgearbeitet. Eingehende, freilich ganz unsystematische Erörterungen verdanken wir Rémusats Nachfolger Stanislas Julien (gest. 1873), während dem Deutschen W. Schott das Verdienst gebührt, zuerst die Sprache aus ihrem Wesen heraus und diesem entsprechend grammatisch dargestellt zu haben. Bazin in Paris und Edkins in Schanghai haben Grammatiken des Kuānhoá geliefert. Sonst haben sich die Engländer namentlich als Lexikographen Verdienste erworben. Wichtigste Wörterbücher: von Basilé de Glemona [Deguignes] (Par. 1813), Morrison (Macao 1815-23, Schanghai 1865), Gonçalves (Macao 1831-41), Medhurst (Batavia 1842-43), Lobscheid (Lond. 1866 ff., 1871), W. Williams (Schanghai 1874), Eitel (Hongkong 1877-83). Grammatiken: von Fourmont (Par. 1742), Marshman (Serampur 1814), Morrison (das. 1815), Rémusat (Par. 1822-57), Prémare (Malakka 1831, Kanton 1847), Hyakinth Bitschurin (Petersb. 1838), Gützlaff (Batavia 1842), Endlicher (Wien 1845), Bazin (Par. 1856), Edkins (Schanghai 1857), Schott (Berl. 1857), Summers (Oxford 1863), Lobscheid (Hongkong 1864), Julien (Par. 1869-70), G. v. d. Gabe-^[folgende Seite]

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